Melodie & Rhythmus

Flashback


Flashback

Eine Rückblende in ältere M&R-Ausgaben seit dem Relaunch im Mai 2014.
Wir stellen ausgewählte Artikel aus unserem Archiv kostenlos online zur Verfügung.

M&R 1. Quartal 2017

Im Zug der wechselnden Zeiten
Internationalismus in Musik und Wort: Daniel Viglietti und Rolf Becker blicken zurück nach vorne

Ein Teil dieser Geschichte handelt davon, wie Wort und Musik in Beziehung zueinander treten; der andere, wie daraus Kunst entsteht. Entscheidend sind immer die Beteiligten, die allerdings von der Zeit abhängig sind, die über die Wirkung ihrer Kunst entscheidet. Das subjektive Wollen trifft auf das objektiv Machbare – ein kompliziertes Thema, von dem zwei Männer, der Liedermacher Daniel Viglietti und der Schauspieler Rolf Becker, mehr als nur ein Lied singen können. weiterlesen

M&R Mai/Juni 2016

Nach der Perestroika
Vinyl feiert auch in Russland ein großes Comeback

In Russland existieren rund 60 Musiklabels. MIRUMIR, das zu den größten gehört, spezialisiert sich seit einigen Jahren auf Vinyl. M&R besuchte das Label in Moskau und sprach mit dem Geschäftsführer über seine Erfolgsgeschichte sowie Entwicklungen auf dem russischen Plattenmarkt. Seit etwa vier Jahren ist Igor Tichij (39) Executive Producer des Labels MIRUMIR Music Publishing. Darauf ist er stolz. »Wir sind die Martkführer Innerhalb der vergangenen dreieinhalb Jahre haben wir 241 Interpreten produziert, mehr als alle anderen Labels in Russland gemeinsam«, berichtet Tichij. weiterlesen

»Aus der schwarzen Dunkelheit«
Russische Arbeiterlieder – eine verlorene Tradition

Warum sind ausgerechnet in einem Land mit revolutionärer Vergangenheit Arbeiterlieder fast voll ständig aus der Alltagskultur verschwunden? Arbeiterlieder entwickelten sich auf der Basis eines fortschrittlichen Zweigs des bäuerlichen Volksliedes, das Ideen von Protest und Revolte gegen Ungerechtigkeiten ausdrückte. Die ersten Arbeiter im Russland des 18. Jahrhunderts waren meist unorganisierte Leibeigene, die gezwungen waren, in die industriellen Zentren umzusiedeln. Neben ihrer eigenen Weltanschauung besaßen sie ein Liedrepertoire, das sich unter den neuen Umständen rasch zu wandeln begann. weiterlesen

»Keep On Keepin’ On«
Vom revolutionären Höhenflug zur Tragödie:
Die Redskins verschrieben sich dem Klassenkampf in Großbritannien und gingen mit dem großen Bergarbeiterstreik unter

Underground-Bands sind kriminelle Energieverschwender. Wenn sie etwas Wichtiges zu sagen haben, warum benutzen sie nicht jedes Podium, das ihnen zur Verfügung steht?« – So brachte Redskins-Bandleader Chris Dean den Gegensatz zwischen anarchistisch und marxistisch gesinnten Bands der Post-Punk-Ära auf den Punkt. Während Crass und Konsorten sich auf selbstverwalteten Bauernhöfen dem System zu entziehen suchten, wollten die Redskins mittendrin sein – in der Großstadt, in der Gewerkschaft, im Klassenkampf –, und sie wollten ihre Botschaft mithilfe der größtmöglichen Labels in die Charts bringen. weiterlesen

In Konflikt
Musik und gewerkschaftlicher Kampf in Luigi Nonos »La fabbrica illuminata«

Wenn ich an die Begegnungen meines Lebens zurückdenke, glaube ich, ein Begünstigter zu sein und großes Glück gehabt zu haben«, so der italienische Komponist Luigi Nono (1924– 1990). Zu diesen Begegnungen zählt vor allem jene mit Arnold Schönbergs Tochter Nuria, die er 1955 heiratete, aber auch die mit seinem Kompositionslehrer Bruno Maderna, dessen Anliegen es war, »einem beizubringen, wie man Musik in der Vorstellung hervorbringt und sie ›denkt‹«. Nono umgab sich aber nicht nur mit zahlreichen künstlerischen Größen, sondern traf auch den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro; in Kuba gebe es, so Nono, »eine unendliche Entschlossenheit, eine Lebensfreude […] gerade trotz der großen Schwierigkeiten«. weiterlesen

Offene Wunden
Vor 50 Jahren reflektierte Steve Reichs »Come Out« rassistische Polizeiwillkür

»I can’t breathe«: Seit der Afroamerikaner Eric Garner 2014 im Würgegriff eines New Yorker Polizisten verstarb, gehören die letzten Worte des 43-jährigen Gartenbauers zur beharrlich wiederholten Parole auf Protestmärschen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Initiativen wie Black Lives Matter schenken dem Opfer einer systematisch auf Diskriminierung angelegten Justiz so auch weiterhin eine deutlich vernehmbare Stimme. Vom Prinzip her ähnlich, nur auf dem Gebiet der Musik, hat dies der Komponist Steve Reich mit seinem Tonband- Stück »Come Out« getan, das er vor nunmehr 50 Jahren, am 17. April 1966, erstmals der Öffentlichkeit vorstellte: Ausgehend von einem O-Ton des 19-jährigen Daniel Hamm, ebenfalls Opfer grassierender Polizeigewalt, entwickelte Reich ein verstörendes Sound-Panoptikum, das die aufgeheizte und in Massenprotesten gipfelnde Stimmung in den USA der 1960er-Jahre denkbar treffend einzufangen wusste. Seit seiner Uraufführung ist das Werk zu einer Inkunabel der sogenannten Minimal Music avanciert; mit ihm schaffte es der damals knapp 30-jährige Reich, erstmals Aufmerksamkeit in der New Yorker Kunstszene zu erregen, bevor er mit größer besetzten Stücken wie »Drumming« oder »Music for 18 Musicians« in den 1970ern internationale Bekanntheit erlangte. weiterlesen

Analyse: »Sixteen Tons«
Historische Leiderfahrung

»Sixteen Tons« ist ein von Merle Travis im Jahre 1947 veröffentlichter Country-Folksong, der sich in beeindruckender Weise sozialkritisch mit den Lebens- und Arbeitsverhältnissen US-amerikanischer Minenarbeiter befasst. Populär und, wie es heißt, zum »Millionenseller« wurde er durch die wohl bekannteste unter den hunderten, über Jahrzehnte entstandenen Coverversionen, nämlich Tennessee Ernie Fords Interpretation von 1955. weiterlesen

Mechanismen der Verdrängung
Das Musiktheaterwerk »Speere Stein Klavier« beleuchtet die deutsche Vergangenheit – Vorüberlegungen des Komponisten

In unmittelbarer Nähe zum Münchner Gasteig, in dem unser Musiktheater »Speere Stein Klavier« im Juni uraufgeführt wird, befindet sich die Zentrale der GEMA, ein Klinkerbau aus den 1980ern. Vor dem Haupteingang erhebt sich eine sieben Meter hohe, stilisierte Messingposaune: der Erich-Schulze-Brunnen. Schulze baute die Institution nach dem Krieg wieder auf – mit Wissen, das er in der Vorgängerorganisation STAGMA im NS-Staat erworben hatte. weiterlesen

M&R März/April 2016

Glaubwürdigkeit ist wichtiger als alles andere
Tricky redet Klartext über Karrieristen und Duckmäuser im Musikbusiness

Adrian Thaws alias Tricky ist ein Mann, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Auf seiner CD »Skilled Mechanics« arbeitet er einige Kindheitstraumata auf. Und im Gespräch verteilt der Brite, der in Berlin lebt, Seitenhiebe gegen Kollegen wie Kanye West. weiterlesen

Das Entern der Zukunft
Der italienische Futurismus und was von ihm bleibt

Der Gesang der Zukunft endete mit dem Zweiten Weltkrieg. Als die Musikinstrumente des Futurismus – Luigi Russolos »Intonarumori« – bei Bombenangriffen auf Paris verbrannten und der führende Kopf der Bewegung, der Dichter Filippo Tommaso Marinetti, Ende 1944 am Comer See verstarb, erlitten auch die musikalischen Fantasien der Futuristen zwei so symbolische wie endgültige Rückschläge. Das Futur trug die in Mailand initiierte Bewegung seit dem 1909 von Marinetti verfassten Gründungsmanifest im Namen und sickerte von dort in die Untermanifeste der verschiedenen Kunstgattungen ein. weiterlesen

Sternensinfonien und Planetenträume
Science-Fiction-Kultur in der DDR

In der Science-Fiction der DDR und der osteuropäischen Volksdemokratien wur den die Propagierung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und das Vordringen in den Weltraum, in die Tiefen der Ozeane oder ins Erdinnere häufig verbunden mit der Vision von einer sozial gerechten Gesellschaftsordnung. Kosmische Kriege kamen kaum vor – die kommunistische Zukunft war geprägt von Frieden und Verständigung. Gelegentlich durften von der Erde entsandte Kosmonauten bedrängten Klassenbrüdern ferner Welten gegen ihre fiesen Ausbeuter beistehen. In späten Werken der DDR-Science-Fiction dominierten dann dystopische Elemente wie Weltkriegsgefahr oder drohende Ökokatastrophen. weiterlesen

»Wir spielen Musik für die Arbeiterklasse«
M&R-Fragebogen: The Baboon Show

Einfach mal über andere Dinge reden als über das neueste Album und die jüngste Tournee. M&R stellt Künstlern existenzielle Fragen, zielt auf Bekenntnisse und Geständnisse und führt sie auf politische und kulturelle Terrains, auf denen sie sich gewöhnlich nicht oder selten bewegen. Aber nicht nur das: Herum- und Herausreden gilt nicht! Wir nötigen zu knappen und klaren Statements. Für M&R sprach Stefanie Gengenbach mit Håkan Sörle von der schwedischen Punkband The Baboon Show. weiterlesen

Befreiender Lärm
Noise- und Drone-Künstler über die politische Dimension der Geräuschkunst

Für manche ist es unerträglicher Krach, für andere die totale Befreiung künstlerischen Ausdrucks und ein Mittel, Menschen aus dem Alltagstrott zu reißen: In der Noise- und Drone-Szene schert man sich nicht um Rhythmen oder Melodien, gängige Normen des Musizierens werden abgelehnt und völlig ignoriert. Was Musiker meist tunlichst vermeiden, ist hier Programm: brachiales Getöse, Übersteuerung, ungeplant und intuitiv geformter Klang – jenseits tradierter Tonsysteme und -skalen, bar jeder Konvention. Grund genug, sich nach dem politischen Gehalt der Geräuschkunst zu erkundigen: Wie revolutionär ist der Lärm? M&R sprach mit internationalen Noise-Künstlern über die Motive ihrer Arbeit, ihre Klangkunst und das befreiende Potenzial des Krachs. weiterlesen

Vollendetes L’art pour l’art
Vor 80 Jahren erschien Walter Benjamins berühmter »Kunstwerk«-Aufsatz. Vor allem seine Thesen zur Ästhetik des Faschismus und imperialistischen Krieges sind erschütternd aktuell

Der Faschismus hat eine der verstörendsten Horrorvisionen Realität werden lassen. Die »Selbstentfremdung« der Menschheit »hat jenen Grad erreicht, die sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt«, lautet die wohl bitterste Diagnose des marxistischen Philosophen Walter Benjamin in »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«. Der erstmals 1936 in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlichte Essay zählt bis heute zu den bedeutendsten kulturkritischen Abhandlungen des 20. Jahrhunderts. weiterlesen

Im Rauschzustand
Vor 30 Jahren begann der Siegeszug des Techno.
Ein Essay über elektronische Tanzmusik und ihre Verdinglichung

Techno war eine Revolution. Allerdings keine, die gegen die herrschenden Verhältnisse gerichtet war. Sie war, wenn schon, eine musikalische. Und heute? Der Wiener Elektrolabel-Betreiber Georg Lauteren alias DJ Glow sagt dazu: »Wenn ich heute 18-Jährige treffe, die sich für Musik interessieren, dann hören und machen die Techno, Drum’n’Bass oder vielleicht mal Hip-Hop. Das klingt alles nicht viel anders als vor 15 Jahren. […] Durch Internet, Computer und Digitalisierung, also durch die breite Verfügbarkeit von Produktionsmitteln, Informations- und Vertriebskanälen, haben sich tatsächlich so etwas wie globale Dörfer gebildet – differenzierte Subsubszenen mit ihren eigenen kulturellen Codes, von denen ab und an mal etwas in den Mainstream sickert. Die Revolution findet heute im Privaten statt.« weiterlesen

M&R Januar/Februar 2016

»Durch Nacht und Wind …«
Zur Darstellung von Flucht und Vertreibung in der Musik

Die künstlerische Darstellung von Fluchtmomenten ist ihrem Wesen nach stets mit dem Problem konfrontiert, dass man nur schwer, wenn überhaupt, den Flüchtenden und die Fluchtursache bzw. den ihn zur Flucht Veranlassenden aus ein und derselben Perspektive zu erfassen vermag. Das lässt sich selbstredend von den allermeisten Gegenständen der menschlichen Wahrnehmung behaupten; Wahrnehmung ist immer zwangsläufig partiell. weiterlesen

»Kein Sound ist illegal«
Die Interventionen des Klangkünstlers Georg Klein hinterfragen Aspekte der gegenwärtigen Fluchtdebatte

Berlin, im Mai 2015: Aus dem Schaufenster eines ehemaligen Ladenlokals schaut man hinaus auf den breiten Bürgersteig. Sinuswellen interferieren im Raum. Draußen schlendern oder eilen Passanten in unterschiedlichen Formationen vorbei. Mit jedem Mal ertönt außen wie innen der variierend intonierte, gelegentlich gebellte Ruf: »Kein Sound ist illegal!« Die Tür zum Laden ist unverschlossen: Draußen, drinnen – ein Wechsel der Perspektive ist jederzeit möglich … Die Installation des 1964 geborenen Klangkünstlers Georg Klein provoziert auf der Folie der aktuellen Asyl-Debatte eine Auseinandersetzung mit Fragen von Partizipation und Privatheit, von aktiver Anteilnahme und Passivität. Und es ist nicht die einzige Arbeit, mit der Klein seinen Besuchern eine Standortbestimmung in politischen Themen abverlangt. weiterlesen

Unwille zur Empathie
Rapper Kaveh übt scharfe Kritik an der deutschen Hip-Hop-Kultur

Kaveh aus Berlin hat in der Vergangenheit bereits mit antirassistischem und antiimperialistischem Politrap von sich reden gemacht. Mit M&R sprach der überzeugte Internationalist über sein viertes Album »Gegen den Strom«, die Entpolitisierung der Hip-Hop-Kultur und den »antideutschen« Rollback linker Subkultur. weiterlesen

Hinter den Kulissen von Paris
Nach den blutigen Anschlägen sind sich Politiker, Medien und Kulturschaffende weitgehend einig: Wir brauchen jetzt dringend mehr Kitsch, mehr Champagner – und natürlich mehr Krieg

Die Hauptstadt Frankreichs erfährt in diesen Tagen eine ungeheure mediale Verklärung. Seit die Mörder des sogenannten Islamischen Staats (IS) ihr Massaker in der Konzerthalle Bataclan vom 13. November als Reaktion auf »perverse Feiern« zu rechtfertigen versuchten, wetteifern Politiker und Medien der westlichen Welt bei der Fetischisierung ebenso verstaubter wie alberner Klischees. »Man hört ja gar nichts andres als ›Je t’aime, je t’aime, je t’aime‹« – mit diesen Verszeilen aus Peter Alexanders und Vivi Bachs Schlager »Paris war eine Reise wert« von 1961 lässt sich der Kitsch, der aus allen Kanälen dröhnt, auf den Punkt bringen. weiterlesen

Zum Singen gebracht
Genoël von Lilienstern lädt seine Zuhörer in die musikalische Folterkammer

Sein außergewöhnlicher Name verspricht Poesie, doch das neue Stück des Komponisten Genoël von Lilienstern versetzt sein Publikum in Schock: Die »Purple Dinosaur Variations« für drei Stimmen, vier Instrumente und Elektronik stellen eine Verhörsituation nach, die den Folterkammern der CIA entsprungen sein könnte. M&R sprach mit dem Komponisten über die Hintergründe seines neuen Werks, das versucht, musikalische Folter erfahrbar zu machen. weiterlesen

Bühne frei für die »Revolution«
Brutto, Nadeschda Tolokonnikowa, David Gilmour, Boombox, Viktoria Modesta, Neil Tennant, Juliet Stevenson u. a.
KOKO, London

»Staging a Revolution« – eine Revolution inszenieren – lautete das vieldeutige Motto einer Reihe von Veranstaltungen in London. Darunter ein großes Konzert mit Musikern, die in ihren Heimatländern »verboten« seien. Es handelte sich um das 10-jährige Jubiläum des Freien Theaters Weißrussland, einer »radikalen Untergrund-Gesellschaft«, so die BBC, die das in mehreren Ländern ausgestrahlte Spektakel mit präsentierte. Das Freie Theater habe ein »einmaliges Aufgebot an Performern eingeladen«, so der auf Queen und Empire eingeschworene Staatssender weiter, »die für künstlerische Freiheit und gegen Ungerechtigkeit« protestieren. weiterlesen

M&R November/Dezember 2015

»This Is a Collective«
Über Kollektivität in der Musik und die Unmöglichkeit einer linken Kulturindustrie

Die US-amerikanische Band Consolidated war von 1988 bis 1994 aktiv. Sie mischte Industrial-Beats mit politischem Rap und verstand sich explizit als linksradikale Gruppe. Ihre Agenda: »This Is a Collective«. M&R sprach mit Ex-Frontmann Adam Sherburne über Musik als Form sozialer Organisation, den Antikollektivismus der Kulturindustrie und die Widersprüche linker Popkultur. weiterlesen

Synthese und Konkurrenz
Zur Dialektik von Individuum und Kollektiv in der Kunstmusik

Insofern das Individuelle und das Kollektive ein polares Gegensatzpaar bilden, darf behauptet werden, dass sich in der Musik das volle, von diesen gegensätzlichen Polen umfasste Spektrum abbildet. Musik kann zum einen sowohl für den Praktizierenden als auch für den Hörenden ein individuelles Erlebnis par excellence bewirken: Der vor sich hin summende Passant auf der Straße, das selbstvergessen trällernde Kind, der in der Feldeinsamkeit vor seiner Herde Flöte spielende Hirte wie denn der für sich selbst Klavier spielende Hausmusiker – sie alle kennzeichnet ein spezifisches Beisichsein, das in keinem anderen Kunstmedium so ausgeprägt ist wie in der Musik. weiterlesen

»Barbarisch«
Zur Ideologie des Antikollektivismus

Noch nie war das Kollektiv so schlecht beleumundet wie heute. Dabei wäre gesellschaftliche Arbeit und damit das Projekt Mensch und dessen Eintritt in die Geschichte ohne Kollektiv gar nicht möglich. Als politisches, so die Definition von Wikipedia, sei es ein »soziales Gebilde mit fortschrittlichen und gemeinsamen Zielen«, für deren Erlangung »sich freiwillig organisierende Mitglieder durch gemeinsame Arbeit miteinander verbunden sind«. Marxisten entwarfen auf Basis der demokratischen und egalitären Prinzipien der Räterepublik das sozialistische Kollektiv ohne hierarchische Autorität. weiterlesen

Generation Biedermeier
Warum nur der Neoliberalismus den Hipster hervorbringen konnte

Der Song »Berlin Mitte Boy« war die erste und einzige Veröffentlichung der gleichnamigen Band, einer kurzlebigen Formation um den Frontpage-Herausgeber Jürgen Laarmann. Die Cover-Version des Titels »New York City Boy« von den Pet Shop Boys beginnt mit den Zeilen: »London is teuer / Paris is scheiße / New York ist retro, auf seine Weise / Es gibt einen Ort, der kickt total / Wenn Du nicht dabei bist / ist Dein Leben ‚ne Qual«. Tobias Rapp, Autor des Buchs »Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset«, meint im Rückblick: »Der Charme des Songs bestand damals in der unglaublichen Anmaßung. Im Jahr 2000, als er erschien, war es ein Witz, Berlin mit New York, Paris und London in eine Reihe zu stellen, gar ›Hackescher Markt statt Broadway‹ zu singen. weiterlesen

Feindbild »Intelligenzflüchtling«
Viele Kampagnen gegen rechts sind mehr Unterschichten-Bashing als Solidarität mit den Flüchtlingen

Solidarität mit geflüchteten Menschen steht derzeit hoch im Kurs. Es wird dringend notwendige Unterstützung durch zahllose Helferhände an Bahnhöfen oder in Erstaufnahmelagern geleistet. Vor allem aber übt sich der »Willkommensweltmeister« Deutschland in einem: Selbstlob. Viele der Hilfsbereiten entdecken – aus ganz unterschiedlichen Motiven – plötzlich ihre Empathie für »den Flüchtling«. Politiker äußern sich öffentlich, und auch Musiker sind deutschlandweit vorne mit dabei – mit ihren Liedern. Flüchtlinge werden zu Konzerten eingeladen, beispielsweise bei den Fanta 4 oder Udo Lindenberg. Lieder werden komponiert (etwa Raoul Haspel: »Schweigeminute (Traiskirchen)«), neu interpretiert (Carolin Kebekus: »Wie blöd du bist«) oder aus der Schublade gekramt (Die Ärzte: »Schrei nach Liebe«, 1993). weiterlesen

Sex im Dunkeln
Für seine neue Klanginstallation erkundet Mark Barden die Intimität homosexueller Subkultur

Im Oktober reüssierte er im Neue-Musik- Mekka Donaueschingen, Ende November erscheint seine erste Porträt- CD: Unter den zeitgenössischen Musikern ist der 34-jährige US-Amerikaner Mark Barden ein gefragter Mann. Mit M&R sprach der offen homosexuelle Komponist über seine neue Arbeit »Dark Room«, die gerade im Goethe-Institut Chicago Premiere feierte und kommendes Jahr in Deutschland aufgeführt wird. weiterlesen

M&R September/Oktober 2015

Die Vision
25 Jahre DDR-Musik-Museum: Warum die darin präsentierte Ost-Mugge die Zeiten überdauern wird. Auskünfte von Reinhold Andert

Ein Vierteljahrhundert nach der DDR – ein Vierteljahrhundert! Wer sich auf die Spuren einer, so die Behauptung, mit dem Land weitgehend verschwundenen Kultur begeben möchte, muss also schon einen Zeitsprung von drei oder vier, mindestens aber zwei Generationen zurück unternehmen. »Back to the roots« – um zu erfahren, ob nicht doch etwas vom vor 25 Jahren gefällten Baum bleibt. Und wenn ja, was. Willkommen also im DDR-Musik-Museum! Präsentiert wird Ost-Mugge, Zeitzeugen liefern dazu den »O-Ton Ost« und regen, ausgestattet mit der Erfahrung von Jahrzehnten, zum Weiterdenken an. weiterlesen

Die Hellsichtigen
Mensching/Wenzel und Gundermann entwerfen treffende Bilder von der Nachwendewelt

Der Dichter Volker Braun, der die Mängel und Irrwege der späten DDR dialektisch analysierte und kritisch begleitete, hat im August 1990 – illusionslos – den Bruch beschrieben, der mit dem Anschluss der DDR an die BRD vollzogen wurde. »Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÜTTEN, FRIEDE DEN PALÄSTEN. / Ich selber habe ihm den Tritt versetzt. / Es wirft sich weg und seine magre Zierde. / Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. / Und ich kann bleiben, wo der Pfeffer wächst.« (Braun, »Das Eigentum«) weiterlesen

»Wir haben dreißig Mandate«
Die neue Ministerin regiert die kritische Kunst- und Kulturszene ihres Landes mit Ressentiments, Drohungen und Zensur. Ihre Kulturpolitik spiegelt den dramatischen Abbau von Meinungsfreiheit und Demokratie in Israel

Anmerkungen zu Israels Kulturministerin Miri Regev

Miri Regev bekleidet in der gegenwärtigen Regierung Israels das Amt der Ministerin für Kultur und Sport. Ein Kulturminister muss kein Kulturmensch sein, wie ein Wissenschaftsminister nicht aus dem Wissenschaftsbereich kommen muss. Dennoch darf erwartet werden, dass ein Wissenschaftsminister nicht gegen Wissenschaftler und Wissenschaft eingestellt ist. Wer ein Ministerium leitet, sollte sich mit dem ihm anvertrauten Bereich identifizieren können. Es ist bekannt, dass Miri Regev das Amt der Kultur- und Sportministerin nicht gewollt hat; laut gut informierten Kreisen wollte ihr Premierminister, Benjamin Netanjahu, sie auch nicht gerade haben, musste ihr aber einen Ministerposten verleihen, weil sie bei den Vorwahlen der Likud-Partei einen hohen Listenplatz errungen hatte. Sie erhielt schließlich kein »wichtiges« Ministerium, sondern »nur« das für Sport und Kultur. Miri Regev machte kein Hehl aus ihrer Enttäuschung – dafür aber umso mehr reden von sich. weiterlesen

»Die Freiheit an deiner Seite«
Das griechische Rembetiko – eine progressive Massenkultur

Wer in Athen, Thessaloniki, Iraklion oder einer anderen griechischen Stadt abends ausgeht, merkt schnell, dass sich die Hellenen auch durch die desaströse Lage nicht vom Leben und Feiern abhalten lassen. Neben vielen Bars mit westlicher oder einheimischer Popmusik spielt dabei auch traditionelle Musik eine wichtige Rolle. Menschen fast aller Altersgruppen, aber gerade auch junge Griechen, treffen sich in Restaurants und Cafés, in denen kleine Gruppen von Musikern spielen. Die Musik, deren Melodien vor allem auf der Bouzouki (einem Zupfinstrument mit bauchigem Klangkörper und drei oder vier Doppelsaiten) gespielt und in der Regel von Gesang und Gitarren-Akkorden begleitet werden, heißt Rembetiko. weiterlesen

M&R Juli/August 2015

Dialektik der Eroberung
Zum Verhältnis von Kolonialismus und Musik

Die spanischen Eroberer betraten die »Neue Welt« mit einem welthistorischen Paukenschlag. Und das ist mehr als eine bloße Metapher. Die blutigen Raubzüge des Kolonialismus wurden von Anfang an musikalisch begleitet. Berühmt geworden ist die Szene, als Hernán Cortés, der Eroberer Mexikos, 1519 in die Hauptstadt des Aztekenreichs einmarschierte. Tenochtitlan war damals um ein Vielfaches größer als die mächtigsten Städte Europas und ließ die Spanier vor Ehrfurcht und Staunen erzittern. Der Herrscher Moctezuma II, der Cortés für den Gott Quetzalcoatl hielt, ließ diesen feierlich in Empfang nehmen. weiterlesen

Der koloniale Blick und seine Subversion
Die Konfrontation der Kulturen hat einen wechselseitigen Prozess der Veränderung und Bewusstwerdung ausgelöst, der längst nicht abgeschlossen ist. Es gibt keine Unterjochung, ohne dass die unterdrückte Kultur auf die herrschende zu rückwirkt, sie unterminiert und verändert

»Ein Indiojunge aus Peru / Er will leben so wie du.« Mit diesem banalen Reim eröffnete Katja Ebstein ein neues Kapitel im deutschen Schlager. Nach Heim- und Fernwehsülze kam der Bewusstseinsschlager, mit dem sich philisterhaft der moralische Zeigefinger in der deutschen Wohnstube erheben sollte. Nach den Beschwörungen ferner Welten als kitschige Staffage für Seemannsgarn und Landser-Nostalgie eines Freddy Quinn kam die Einsicht: Die Menschen der Dritten Welt haben es auch nicht leicht. »Am Fudschijama blüht kein Edelweiß«, »Es gibt kein Bier auf Hawaii« – der »Indiojunge aus Peru« brachte schließlich musikalisches Brot für die Welt. weiterlesen

Keine Alibi-Aktionen
Asian Dub Foundation sind ein klassenkämpferischer Standpunkt und künstlerische Radikalität in der Musik wichtiger als aufgesetzte politische Botschaften

Eigentlich wollten Asian Dub Foundation nur ein Benefizkonzert für asiatische Kids im Knast spielen und sich anschließend wieder auflösen. Doch dann entwickelte sich das 1993 gegründete Londoner Projekt, das aus mehreren Community-Workshops hervorging, zu einer richtigen Band. M&R sprach mit Steve Chandra Savale, dem Bandleader von Asian Dub Foundation. weiterlesen

Analyse: »The End« – The Doors
Ödipalkonflikt

Vor einem halben Jahrhundert, im Sommer 1965, gründeten Jim Morrison und Ray Manzarek The Doors. Über den im Jahre 1967 aufgenommenen Song »The End« ist bereits vieles geschrieben worden. Obgleich zum ikonischen Werk der Rock-Geschichte avanciert, blieb es, nicht zuletzt wegen seines Textinhalts, enigmatisch. Jim Morrison selbst verweigerte eindeutige Aussagen darüber: »Jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, bedeutet es für mich etwas anderes«, sagte er. weiterlesen

M&R Mai/Juni 2015

Über die Möglichkeiten und Grenzen der Tonkunst im Kampf gegen die Barbarei

Von selbst versteht sich, dass Musik als »absolute Musik« nichts als sich selbst zu vermitteln vermag, schon deshalb, weil sie nichts anderes beansprucht. Sie will von sich aus nichts repräsentieren, was außerhalb ihrer immanenten Ausdrucksmittel liegt, und ihre Ausdrucksmittel sind nun mal nicht durchs Begriffliche, mithin nicht durchs kognitiv Informative, getragen – worin sich Musik von allen anderen Kunstbereichen prinzipiell unterscheidet. Nun hat sich aber im 19. Jahrhundert die Auffassung verbreitet, aller Musik liege eine Idee bzw. ein durch Sprache, Worte und Begriffe generierter Gedanke zugrunde. weiterlesen

Exkurs: Unter fremder Flagge
Antifaschismus auf der schiefen Bahn neoliberaler Ideologie

Erstaunliche Ansichten werden heutzutage unter dem Label »Antifa« verbreitet. Die Rückführung gesellschaftlicher Übel auf den Kapitalismus sei ein »Überbleibsel« des »Arbeiterbewegungsmarxismus«, den es zu überwinden gelte, ist in einem führenden Antifa-Organ zu lesen. Und der Sprecher eines »Bündnisses gegen Antisemitismus« forderte, »nie wieder« dürften sich kritische Linke »per se auf die Seite irgendwelcher Marginalisierter« stellen. weiterlesen

Erhellen, nicht verdummen
Der Musikwissenschaftler Hanns-Werner Heister über politische Potenziale und Bedeutung antifaschistischer Musik

Musik kann antifaschistisch sein – wenn sie einen Beitrag zur Kritik an (Gewalt-)Herrschaft und kapitalistischer Ausbeutung leistet, statt sich mit den Profiteuren gemein zu machen. Doch was genau heißt das? Und wodurch unterscheidet sich antifaschistische von faschistischer Musik? Der Musikwissenschaftler Hanns-Werner Heister beantwortet diese Fragen und räumt nebenbei mit Mythen der Totalitarismustheorie auf. weiterlesen

»Alles falsche Schweine«
Mono für Alle! widersetzen sich dem Rechtsruck in der linken Subkultur

Mit ihren politischen Texten eckt die Gießener Elektropunkband Mono für Alle! seit 15 Jahren an – auch und gerade in jenen Teilen der linken Subkultur, d ie seit der »Wende« selbst zunehmend systemfromm geworden sind. M&R-Redakteur Matthias Rude sprach mit Sänger Mono. weiterlesen

Afterparty des Maidan
Die Kunst- und Kulturszene im Westen der Ukraine hat im letzten Jahr den Weg von der Regression in die finsterste Reaktion beschritten

Die kreative Intelligenzija war schon immer eine soziale Schicht, die der herrschenden Klasse diente, während sie zugleich auf ihrer eigenen Unabhängigkeit bestand. Deshalb braucht man sich gegenwärtig auch nicht wundern über kriegsverherrlichende Ausstellungen, Hunderte Stunden lange patriotische Videoproduktionen, Dutzende Bands, die obszöne Songs über den Präsidenten des Nachbarlandes singen, Aktionskünstler, die Monumente Lenins zum Hauptproblem und aus dem Verbrennen seiner Werke eine Performance machen. weiterlesen

»Echte Künstler sind Revolutionäre«
Musikalische Marxisten in London fügen zusammen, was zusammen gehört: Musik und Politik

Die AMM liebt die »Klarheit extremer Aussagen« – wie zum Beispiel von Adorno, den Situationisten und William Blake –, bei denen »sich dem einen die Haare sträuben und von denen andere sich inspiriert fühlen«, verrät Watson. Im Mittelpunkt steht Musik – ob nun auf Demonstrationen mit eigenem AMM-Transparent, beim Improvisieren im Pub oder in Publikationen des AMM-eigenen Unkant-Verlags. M&R-London-Korrespondent Maciej Zurowski sprach mit dem musikalischen Marxisten. weiterlesen

M&R März/April 2015

Kuba ist immer noch unser Zuhause
Nach dem Tod ihres berühmten Vaters haben Ibeyi Musik als Schmerz-Ventil entdeckt

In Kuba waren Naomi und Lisa-Kaindé Díaz lange Zeit nur als Töchter des Buena-Vista-Social-Club-Perkussionisten Angá Díaz bekannt. Doch das ändert sich mehr und mehr, seit die in Paris lebenden Geschwister selbst Musik machen. Ibeyi nennen sie sich, was in der Yorùbá-Sprache »Zwillinge« heißt. Mit ihrem vor allem durch seine eindringlichen Spirituals überzeugenden Debütalbum gelten die beiden schon jetzt als spannendste Newcomer des Jahres. M&R erzählten sie von den vielfältigen Einflüssen in ihrer Musik und ihrer Heimat Kuba. weiterlesen

Doctor Dolittle
»Rettet die Tiere!«

Der Veterinär John Dolittle aus Puddleby-on-the-Marsh verfügt über ein außergewöhnliches Bildungskapital. Er beherrscht 498 Tiersprachen: von Schweinisch bis zu diversen Fischdialekten. Er ist kein Genie, aber was ihn von den meisten anderen Menschen unterscheidet: Er versteht die Tiere, weil er sie liebt, ihnen zuhört – weil er sie verstehen will. weiterlesen

»Im Punk geht es um Freiheit – für Menschen und Tiere«
Tierbefreiung in Punk und Hardcore

Wie wird jemand zum politisch engagierten Punk? Um darauf eine Antwort zu finden, hilft ein Blick ins Buch »Shibboleth – My Revolting Life« (1996), der Autobiografie des heute 71-jährigen Penny Rimbaud, den man als Vater der Anarcho-Punk-Bewegung bezeichnen könnte. »Schon in frühester Jugend war mir klar, dass nicht alles in Ordnung war«, lautet der erste Satz des ersten Kapitels. Eine Szene, die sich ihm beim Blick in eine McDonald‘ s-Filiale bot, beschreibt er mit den Worten: … weiterlesen

»Die Hip-Hop-Generation erhebt sich«
Das Rap-Duo Dead Prez über die Renaissance von Black Power in den USA

Unter den Unterstützern der Proteste gegen rassistische Polizeigewalt in den USA finden sich zahlreiche Künstler wie der Schauspieler Samuel L. Jackson, der Filmemacher Spike Lee und auch Dead Prez. Das Hip-Hop-Duo ist nicht nur ein Rap-Projekt – die beiden Musiker stic. man und M-1 haben sich seit der Gründung 1996 auch manifest politisch positioniert und engagiert. M&R-Redakteur Christian Stache sprach mit stic.man über die neue Bewegung der Schwarzen, Hip-Hop als »revolutionary coaching« und die miserable Performance von US-Präsident Barack Obama. weiterlesen

M&R Januar/Februar 2015

Where the road goes …
Im neoliberalen Zeitalter wird telemediale Kriegspropaganda nach gesamtkunstwerklichen Prinzipien gestaltet. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität

Der Komponist Karlheinz Stockhausen hatte mit seiner verstörenden Behauptung, 9/11 sei »das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat«, einen Skandal ausgelöst. Die darauf folgende Empörungswelle galt möglicherweise nicht nur dem kalten Zynismus, den das von Stockhausen auf einer Pressekonferenz am 16. September 2001 Gesagte ausstrahlte. Vielleicht spürte die entrüstete Öffentlichkeit, dass mehr als nur ein Funken verborgener Wahrheit darin lag: Denn was für das Ereignis der WTC-Katastrophe nicht festzustellen war, galt durchaus für dessen Darstellung in den Medien – besonders im Fernsehen. weiterlesen

Zwischen den Zeiten
»Männer, Frauen und Maschinen«
Am 21. Februar wäre der 1998 verstorbene Arbeiter, Liedermacher und Poet Gerhard Gundermann 60 Jahre alt geworden

»Mein halbes Leben steh‘ ich an der Weltzeituhr / Und ich bin nicht mehr so jung / Und ich warte, und ich warte« – im Spätherbst 1988 erschallte »Lancelots Zwischenbilanz I«, und irgendetwas war anders! Ein Freund hatte mit Filzstift das Geschenkte hinten beschrieben: »Musst Du Dir anhören!« Gundermann? Ja, war regional mit der Brigade Feuerstein eine Institution – ein Lieder-Rock-Zirkus mit klarer Kante. weiterlesen

Zwischen den Welten
»Hier bin ich geborn / Wo die Kühe mag er sind wie das Glück«
Auf der Suche nach dem verlorenen Eisenland – Gundermanns Post-DDR-Hymne

Nie waren Gundermanns »Lebens-Mittel« so wichtig wie heute. Oder vielleicht doch schon mal früher in den ersten Post-DDR-Jahren? Immer noch hat der Tag wieder nicht das gebracht, was er bringen sollte, unsere Sache scheint verloren, selbst Gott ist schon besoffen, die Uhr zeigt fünf vor zwölf. Und wir? »Wir hetzen auf der Suche nach dem Futternapf wie Ratten durch das Labyrinth.« Egal, mein Herzblatt, sei nicht traurig, schließlich: weiterlesen

»Auch die Kunst muss standhalten«
Der zazakisch-kurdische Musiker Mikail Aslan über den Kampf gegen den Islamischen Staat

Die Belagerung von Kobanê und der Terror des Islamischen Staats (IS) gegen Kurden, Yeziden und andere »Ungläubige« lässt auch Kulturschaffende nicht kalt. Der zazakisch-kurdische Musiker Mikail Aslan hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Benefizkonzerte für die Menschen in Kobanê gespielt, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln und auf die dramatische Situation in den kurdischen Gebieten aufmerksam zu machen. Im November hat Aslan das Geld zu den Flüchtlingen nach Suruç bei Kobanê, kurz hinter der türkisch-syrischen Grenze, gebracht. Er selbst hat die Türkei vor knapp 20 Jahren aus politischen Gründen verlassen müssen und lebt seitdem in Deutschland. M&R sprach mit dem Gitarristen und Sänger über die Situation der Musiker in den umkämpften Gebieten, politische Musik in Rojava und der Türkei sowie die Möglichkeiten, den Kampf der Kurden gegen den IS musikalisch zu unterstützen. weiterlesen

Märtyrergehabe
Agata Pyzik über Mythen und Wahrheiten der Punkkultur in der Volksrepublik Polen

Das Buch »Poor but Sexy« der in Großbritannien lebenden polnischen Autorin Agata Pyzik handelt vom Aufeinanderprallen der Kulturen Ost- und Westeuropas – während des Kalten Krieges und im neoliberalen Zeitalter. Unser London-Korrespondent Maciej Zurowski sprach mit Agata Pyzik über Punk in Polen damals und seine reaktionären Tendenzen heute. weiterlesen

Kein Widerspruch zwischen autonomer und politischer Kunst
Arkadiy Kots arbeiten an der Wiederbelebung klassenbewusster Liedkultur

Die russische Band Arkadiy Kots (benannt nach dem russischen Dichter und Sozialisten Arkadiy Yakovlevich Kots) ist immer mittendrin – bei Versammlungen, Demonstrationen, linken Konferenzen und politischen Konzerten. Sie gelten als die bedeutendste Band der linken Szene im heutigen Russland. Im Herbst haben sie ihr erstes Album mit dem Titel »Lasst uns politisch kämpfen« veröffentlicht. M&R-Moskau-Korrespondent Andrey Ukrainskiy bat sie zum Interview. weiterlesen

M&R November/Dezember 2014

»Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit«
Ein ideologiekritisches Gespräch über Leiden und Schmerz in der Musik

Herr Zuckermann, Sie gelten als apostrophierter Kritiker der Kulturindustrie. Der Mainstream der kommerziellen Popmusik blendet das Leiden des Menschen an existenzieller Not, an den Begleiterscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft, an Ausbeutung und Armut, nahezu aus. Er kennt Schmerz nur in Form von Herzschmerz. Ist diese Reduktion genuin in populärer Musik angelegt oder ein Symptom von deren kulturindustrieller Verwertung?

Die Antwort liegt im Grunde schon in Ihrer Frage. weiterlesen

Fleisch von Linken zum Abendessen
Von dem drastischen Rechtsruck der israelischen Gesellschaft bleiben auch die Musiker nicht unberührt

Der britische Musiker und Produzent Brian Eno (Roxy Music, U2, Coldplay) sprach Anfang August, als der jüngste Gaza-Krieg wütete, von einer »ethnischen Säuberung«, die an der palästinensischen Zivilbevölkerung verbrochen werde. Der US-Regierung warf er vor, Israel finanziell in einem »einseitigen kolonialistischen Krieg« zu unterstützen; das sei, »als wenn man dem Ku-Klux-Klan Geld überweisen würde«. Mit dem rassistischen Geheimbund wurden die rechten Siedler, die nachts arabische Dorfbewohner terrorisieren, bereits des Öfteren verglichen. weiterlesen

Front-Musikanten
Afghanistan 13 Jahre danach: Mit den abziehenden Besatzungstruppen entfällt auch deren popmusikalische Betreuung. Eine Bilanz zur Verantwortung der Kunst in Kriegszeiten

Über 13 Brücken musst Du gehn, 13 dunkle Jahre überstehn, hätte Peter Maffay singen sollen, damals, 2005 in Afghanistan. Wusste es nicht besser, tat es also nicht, blieb bei sieben, der ewige Oldie mit den Oberarmen aus der Muckibude, einer der ersten deutsch singenden Truppenbetreuer nach 1945. Heute gibt er sich einsichtig. Konzepte »militärischer Natur« seien untauglich, das hätten »wir alle« inzwischen gemerkt, »selbst die, die es nicht wahrhaben wollten«. Sagt er – und sagt nicht: Auch ich wollte es nicht wahrhaben. Und fragt nicht nach seiner Verantwortung. weiterlesen

M&R September/Oktober 2014

Children of the Revolution
Adorno, Freud und das Unbehagen in der Musikkultur

Ich saß mit einigen Freunden in der Bar des Palazzo delle Esposizioni in Rom, wo eine John-Cage-Konferenz stattfand. Plötzlich hörten wir aus dem Nebenraum den Klang von Trommeln. Er wirkte wie eine Komposition, in der es nicht möglich war, eine Ordnung zu finden. Sofort begann unter uns eine Diskussion darüber, wer der Komponist sein könnte: eines Stücks, das eindeutig zum Repertoire der Avantgardemusik der Nachkriegszeit gehörte. Boulez? Kagel? Cage? Es war in seiner Artikulationen zu obsessiv, um ein Beispiel für integralen Serialismus sein. Und seine Dynamik war zu intensiv und übertrieben, um sich in den antisubjektivistischen Kanon aleatorischer Musik einzureihen. Zu unserer Überraschung entdeckten wir schließlich, dass sich im Nebenraum etwa 20 kleine Kinder mit Perkussionen amüsierten. weiterlesen

Ikonen der Camouflage
Punk adieu, bonjour Hollywood: Die Anti-Putin-Aktivistinnen von Pussy Riot ändern ihre Gewandung, bleiben politisch aber stramm auf Westkurs

Was als Punk daherkommt, muss nicht Punk sein. Das war schon immer so, oder was hatte Malcolm McLarens 1975er-Masterplan zum »Great Rock’n’Roll Swindle« um die Sex Pistols mit Aufstand zu tun? Wenn überhaupt, war es ein Konzept für ein gutes Geschäft mit der längst in der Luft liegenden Rebellion. »Punk« als Produkt bediente zuallererst den aufmüpfigen Zeitgeist. Das barg die Gefahr in sich, umgehend zu Pop zu werden. »Anarchy in the UK« als gegenkultureller Hit, »No future« als Pose, Halbwertzeit, wenn überhaupt, anderthalb Jahre. Das unheimliche Integrationspotential der Kulturindustrie frisst die Punks, und die merken es nicht einmal. weiterlesen

Analyse: Noch verlogener als Schlager
Andreas Gabalier
»I sing a Liad für di«

Andreas Gabaliers Song »I sing a Liad für di« hätte schon vor 50 Jahren gut und gern als Musterexemplar deutschsprachigen Schlagertums firmieren können. Als Wiesn-Gaudi, Blauer- Bock-Freudigkeit oder Ballermann-Degeneration, überall wäre diese Mischung aus Humpapa-Musik und Boy-meets-Girl-Klischee, wie sie nur die bewusst-platte deutschsprachige Unterhaltungskultur zu fabrizieren vermag, in unbedarfter Dankbarkeit aufgenommen worden. Sie appelliert dezidiert ans Niedere, das sich wie auf Befehl begeisterten Publikum zumeist in kollektivem Geschunkel und rhythmischem, zuweilen ins Marschartige übergehenden Händeklatschen kundtut, im Viervierteltakt als Demonstration überbordender Lebensfreude. Dass dieses »Liad« millionenfach auf Youtube abgerufen worden ist, sich also allergrößter Popularität erfreuen darf, korrespondiert aufs Stimmigste mit seiner unhinterfragten Funktion als Produkt trivialer Kulturindustrie. weiterlesen

M&R Juli/August 2014

»Der Soldate ist der schönste Mann bei uns im Staate«
Vor hundert Jahren: Populärkulturelle Mobilmachung im Ersten Weltkrieg

»Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt«, heißt es in einem Aufruf an die Kulturwelt, der von 93 Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern unterzeichnet und im Oktober 1914 in allen großen Zeitungen veröffentlicht worden war. Das Bewusstsein, dass Heer und Volk »eins« seien, verbrüdere die Deutschen »ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei«. Bei dem Aufruf, der auch als »Manifest der 93« bekannt ist, handelt es sich um ein Stück Propaganda aus den Monaten, die noch heute mit kriegsbegeisterten Massen assoziiert werden. Ein trügerisches Bild, das die Welle von Friedensdemonstrationen ausblendet, die Deutschland in den Wochen vor Kriegsbeginn erfasste. weiterlesen

Der Punk der Rebellion
Ratos de Porão (Kellerratten) beweisen: Metal aus Brasilien, das ist nicht nur Sepultura. Ein Gespräch mit Sänger und Frontmann João Gordo

Wie beim Punk oft der Fall, begann auch die Geschichte des brasilianischen Hardcore in einem kleinen Ladengeschäft: Fábio Sampaio, später Shouter der einschlägigen Band Olho Seco, eröffnete 1979 im Stadtzentrum von São Paulo Punkrock-Discos (Punkrock-Schallplatten). Mit seinen Vinyl-Importen aus England und Skandinavien – vor allem aber mit den erschwinglicheren Mixtapes, die er selber zusammenstellte – schwor er die lokale Punkgemeinde auf den europäischen Knüppel-Hardcore von Discharge, Chaos UK und Kaaos ein. weiterlesen

M&R Mai/Juni 2014

Eine Explosion der Freude
Der Sänger Vitorino Salomé über die »Nelkenrevolution«

Vor 40 Jahren – in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 – verließen portugiesische Militärs ihre Kasernen und vertrieben die Vertreter des Salazar-Regimes aus dem Land. Das Signal für den Beginn der »Nelkenrevolution« waren zwei Lieder, die im Radio ausgestrahlt wurden. Der 1942 in eine musikalische Familie hineingeborene Sänger Vitorino Salomé hat alles miterlebt. Im Pariser Exil sang er gegen das Regime an, nach der Revolution verwandelte er sich in die »Stimme des Alentejo«, indem er die Lieder seiner Heimatregion im ganzen Land bekannt machte. Viele sind heute Klassiker in Portugal und werden bei seinen Konzerten von den Zuhörern lautstark mitgesungen. Torsten Eßer traf Vitorino Salomé in Köln. weiterlesen

»Wir bringen Licht«
Berufung: »Stritery« – Straßenmusiker in Russland

Die rothaarige Schenja und der asiatisch aussehende »Adel« tatarischer Herkunft, beide knapp über 30 Jahre alt, nennen sich Zoommer. Das Duo steht fast täglich in der Stadtmitte Kasans, der Hauptstadt der zu Russland gehörenden Republik Tatarstan. Sie singen alte Lieder, die den meisten Menschen das Herz erwärmen. Auch eigene Lieder tragen sie vor. »Adel« arbeitete an einer Baustelle, auch als Chauffeur. Schenja war als Verkäuferin in einem Souvenirladen angestellt. Beide kündigten und gingen auf die Straße – sie folgten ihrer Berufung. »Es gibt Gerüchte, dass man die Straßenmusiker legalisieren wird, weil man verstanden hat, dass das auch Arbeit ist«, sagt Schenja. »Aber noch sind das nur Gerüchte. Doch die Polizei sieht, dass wir Gutes und Licht bringen. Sie lassen uns in Ruhe. Aber gleichzeitig fühlen wir uns nicht ganz erlaubt.« »Adel« fügt hinzu: »Das Wichtigste ist, dass ein Mensch das tut, wonach seine Seele strebt.« weiterlesen

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Aktuelles

Die Waffe der Kritik braucht ein Magazin …

Die Waffe der Ideologiekritik braucht ein Magazin
jW, 14.04.2018

Gegen den Massenbetrug

Die Waffe der Ideologiekritik braucht ein Magazin
jW, 31.03.2018

Melodie & Rhythmus retten – 1.000 Abos jetzt!

jW, 31.03.2018
Sterben Musikzeitschriften aus? Krise und Umbruch
„Musikforum“, „Melodie & Rhythmus“ und die „Österreichische Musikzeitschrift“ - drei traditionsreiche Magazine werden sicher oder möglicherweise eingestellt. Sterben Musikzeitschriften aus? Und liegt die Rettung im Internet? Jan Ritterstaedt hat sich umgehört.
SWR, 22.02.2018

Auslaufmodell Gegenkultur? Zum drohenden Ende von Melodie & Rhythmus
Interview von Deutschlandfunk Kultur mit M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl
21.02.2018, mp3

Wundertäter gesucht
Wie Melodie & Rhythmus als Magazin für Gegenkultur doch noch fortgeführt werden könnte
27.01.2018

Treibstoff für große Anstrengungen
Aufgeben – das ginge gar nicht in Zeiten des aufhaltsamen Aufstiegs der AfD und anderer rechter Demagogen, meinen fast alle, denen M&R etwas bedeutet.
27.01.2018

Auf Eis gelegt
Die Produktion von Melodie & Rhythmus, Magazin für Gegenkultur, wird vorerst eingestellt. Einnahmen reichen nicht, um hohe inhaltliche Ansprüche auf Dauer zu finanzieren.
06.01.2018

Zur Ästhetik der Großen Weigerung
Warum eine Gegenkultur auf historisch-materialistischer Basis alternativlos ist
06.01.2018

Pressemitteilung:
Zeitschrift Melodie & Rhythmus vor dem Aus?, 05.01.2018
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