Melodie & Rhythmus

Nie wieder Frieden!

24.01.2023 17:10

Foto: Christian Mang / Reuters

Foto: Christian Mang / Reuters

Neoliberale Stahlhelmfraktion der Kulturindustrie für den NATO-Imperialismus

Susann Witt-Stahl

Nahezu das gesamte Kulturestablishment will den Russen den Marsch blasen. Selbst die zartesten Musen schicken sich an, den anschwellenden Bocksgesang, der die nahende Katastrophe eines Weltinfernos ankündigt, mit NATO-Sirenengeheul zu übertönen. Wenn Deutschland »nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung« nun endlich seinen Anspruch als »Führungsmacht« durchsetzen soll, wie es sich der SPD-Chef Lars Klingbeil wünscht, dann wird auf allen gesellschaftlichen Ebenen Korporatismus verordnet. Auch in der Kulturindustrie – deren Hauptfunktion schon im kapitalistischen Normalzustand die Produktion von well-adjusted People ist – muss ein Unisono hergestellt werden, das alle und jeden erreicht, bis zum Boheme und Underdog.

Patrioten der Konsensrepublik

Eingeladen zum Casting für das Wunschkonzert des deutschen Imperialismus sind zunächst einmal alle Künstler, die schon unter dem liberalen Korporatismus die hohe Schule der Tendenzlosigkeit repräsentiert haben. Ihre Fetischisierung eines abstrakten Begriffs von Freiheit, der sowohl Menschenrechte als auch die repressive Freiheit des Kapitalisten, sich alles zu nehmen und herauszunehmen, bedeuten kann, korrespondierte schon vorzüglich mit der Agenda 2010 und dem Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Ob die Böhmermänner und andere auf Witzigkeit gebürstete Entertainer, Schlagerstars und »Traumschiff«-Schauspieler, wie Peter Maffay und Iris Berben – dazu gehören alle Handlungsreisenden in Sachen bürgerliche Demokratie der Berliner Republik. Diese ist mittlerweile derart rigide von oben gelenkt, dass man sie mit Gendersternchen garnieren und einer aufwändigen Werbekampagne so mühsam wie die maßlos überteuerte Rheumadecke auf der Kaffeefahrt anpreisen muss: Unter dem Titel »Die Demokratie ist weiblich« von Prinzen-Frontmann Sebastian Krumbiegel versammelten sich schon vor vier Jahren rund 70 Künstler – darunter Jan Delay, Smudo, Anna Loos, Til Schweiger, Sibylle Berg –, um unwiderruflich zu beweisen, dass es außer der Banalität des Bösen auch ein Böses der Banalisierung gibt: »Ich glaube, dass Barmherzigkeit und Humanität genau das ist, worum es geht«, heißt es in dem Lied. »Ich will ein Leben lang verstehen, dass es sich lohnt, an dieser Front steil zu gehen.«

Fehlen darf freilich auch nie Herbert Grönemeyer – seit Langem exemplarisches Beispiel für kulturvermittelte Affirmation des Bestehenden, die der Bomben-und-Kanonen-Kapitalismus nach und nach einklagt. »Grönemeyer hat den großspurigen Gestus der Auflehnung, der einst zum Pop gehörte, komplett abgelegt« und ziehe »seine Kraft nicht aus Brüchen, sondern aus der Heilung derselben«, vermeldete die Süddeutsche Zeitung bereits 2007. »Ein besserer Repräsentant unserer aufgeklärten, recht sympathischen, aber ziemlich unglamourösen Konsensrepublik wäre kaum denkbar.« Die Machtverhältnisse der Großen Koalition, die 2005 mit Merkel an die Regierung gekommen war, spiegelten sich in der Konsonanz, die das Phänomen Grönemeyer kennzeichnete. Unter dem zunehmend autoritären Korporatismus der NATO im Krieg gegen Russland, der den »Konsens« für Waffenlieferungen verordnet, muss Grönemeyer die Deutschen bei der Ehre packen. »Stolz und Haltung bewahren«, nannte er die oberste Westliche-Welt-Patriotenpflicht im Talk mit Markus Lanz. »Wir müssen jetzt umso mehr die Ukraine unterstützen«, machte er den Lohnabhängigen pünktlich zum Weihnachtsfest klar, warum sie (nicht der millionenschwere Popstar) nun zumindest erst einmal auf reichliche Mahlzeiten und gut geheizte Wohnungen verzichten sollen. Wozu noch Brot, wenn man doch »Flugzeuge im Bauch« haben kann?

»Keine Angst, Rosmarie!«

Einige Künstler haben sich längst der manifesten NATO-Kriegspropaganda verschrieben und forderten bereits im Frühling 2022 in einem von der transatlantischen Denkfabrik Zentrum Liberale Moderne (LibMod) initiierten offenen Brief, »die Ukraine rasch mit allen Waffen auszustatten, die sie braucht«. Schließlich kämpfe das Land auch »für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas«, lautet ein signifikanter Teil der Begründung. »Die Drohung mit dem Atomkrieg« verharmlosen die Verfasser lapidar als »Teil der psychologischen Kriegsführung Russlands«, die sie »dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen«, wie sie versichern. Dass sie die Entgrenzung des Krieges bis zum Äußersten aber notfalls billigend in Kauf nehmen – daran lassen sie im weiteren Verlauf in ihrer Erklärung »Die Sache der Ukraine ist auch unsere Sache!« keinen Zweifel. Derart von Kontraphobie (wie der Psychoanalytiker Otto Fenichel das zwanghafte Überspielen von Angst nannte) durchwirkte Kriegsreklame wurde bisher vorwiegend von faschistischen oder anderen rechten Regimes vertrieben: »Und wenn die ganz Erde bebt, und die Welt sich aus den Angeln hebt«, sangen Heinz Rühmann, Josef Sieber und Hans Brausewetter 1939, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, in dem Marschfoxtrott-Schlager »Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern« von Michael Jary und Bruno Balz, dessen Refrain mit den Aufforderung »keine Angst, keine Angst, Rosmarie!« endet. Aus der Feder des berühmtesten Komponisten-Texter-Duos des »Dritten Reichs« stammt auch die Kontraphobiker-Hymne und der Stalingrad-Soundtrack »Davon geht die Welt nicht unter«. In der Kriegspropaganda wirkt Kontraphobie als Ideologem zur Legitimierung der Eskalation eines Konflikts und Verschleierung von Gefahren, die zur eigenen Vernichtung führen können.

Zu der vom Zentrum liberale Moderne dirigierten neuen Stahlhelmfraktion gegen Russland in Kultur und Medien gehören neben bürgerlichen Rechten, wie dem Historiker Karl Schlögel – der in Momenten NATO-patriotischer Ekstase auch schon mal die ukrainische Version von »Sieg Heil!« (Slawa Ukrainij!«) schmettert –, den Neocon-Publizisten Mathias Döpfner, Deniz Yücel und Helene von Bismarck, auch liberale Literaten, wie Herta Müller, Daniel Kehlmann und Maxim Biller. RTL-Schmuddelwitze-Erzähler Wigald Boning sorgt dafür, dass nicht mal das »Genial daneben«-Segment außen vor bleibt.

Gut, wenn es ein Linker tut

Spätestens seit den Krediten für den Ersten Weltkrieg und der blutigen Niederschlagung der Novemberrevolution, abgenickt von der Sozialdemokratie, gilt: Unter dem Motto »Gut, wenn es ein Linker tut« überlassen die Herrschenden auch heute Künstlern aus dem linken Milieu den Vortritt bei der Kriegstreiberei und Hetze gegen die Feinde des Westens. Mit an der vordersten PR-Front steht gegenwärtig der nicht zuletzt aus diesem Grund vom deutschen Feuilleton gefeierte Pianist Igor Levit. Das Grünen-Mitglied ist ein Meister der Lechts-Rinks-Verrenkung und bringt das ideologische Kunststück fertig, sein Besser-Verdiener-Publikum heute mit einer Interpretation von Frederic Rzewskis Variationen über das antiimperialistische Kampflied »El pueblo unido« zu beglücken und morgen schon infame Geschichtsklitterung zum Wohle des deutschen Imperialismus zu betreiben: Die Ukraine »ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen ›Nie wieder‹ ist«, heißt es in dem LibMod-Pamphlet, zu dessen Erstunterzeichnern Levit gehört. »Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben«, begründen er und seine Mitstreiter ihre Forderung nach noch mehr Waffen für Kiews Armee. Eine aberwitzige Verzerrung der Realität. Denn heute bilden faschistische Einheiten, die weltanschaulich in der Tradition der banderistischen Hilfssoldaten der SS und Wehrmacht stehen, die Eliten der ukrainischen Streitkräfte. Jene hatten in den 1940er-Jahren in Polen und in der Sowjetunion in fester Treue zu Hitlerdeutschland Hunderttausende von Menschen, darunter den Großteil der jüdischen Bevölkerung, ermordet. »Nie wieder Faschismus!« durch die Aufrüstung von ukrainischen Kämpfern, von denen einige nicht einmal vor laufenden Kameras darauf verzichten, das Emblem des SS-Sonderbataillons Dirlewanger zu tragen?

Dass Igor Levit und andere als Linke daherkommende deutsche Künstler den Schwur von Buchenwald auf eine nur noch als perfide zu bezeichnende Weise ideologisch ausschlachten und daran mitwirken, die heute von der NATO befehligten Nazi-Mordbrennerbanden als Widerstandskämpfer gegen den »russischen Faschismus« zu inszenieren, ist nicht bloß ein Symptom hochgradiger individueller Verwirrung und revanchistischer Gesinnung. Es ist vor allem Ausdruck der Manipulationsstrategie und -ästhetik des neoliberal radikalisierten Kapitalismus im Zustand der Fortführung der Politik mit anderen Mitteln.

Postmoderner Imperialismus

Die Anfänge sind in der Professionalisierung der Produktion von Propaganda im ersten industrialisierten Krieg zu suchen. Die herrschende Klasse »kämpft unter fremder Flagge« und benutze »Schilder, Apparat und Phraseologie des Sozialismus, um breite Massen über Kern und Inhalt der Politik zu täuschen«, notierte Rosa Luxemburg im Dezember 1918 rund drei Wochen vor ihrer Ermordung. Ihre Erkenntnis, dass jeder Krieg ein »respektloser Stürmer gegen hergebrachte Begriffe« sei, die sie unter dem Titel »Trümmer« festhielt, gilt heute mehr denn je – wenn es darum geht, eine Kriegsgesellschaft ohne kulturelle Opposition herzustellen.

Die DDR und auch fortschrittliche Kräfte in der Bonner Republik hatten den Holocaust und die Barbarei des Vernichtungsfeldzugs gegen die Sowjetunion in einer Kultur gegen Krieg und Faschismus aufgearbeitet, die eine Massenbasis fand. Um die Bevölkerung des Täterlands nach der Ausschaltung des sozialistischen Systemkonkurrenten zunächst zur Zustimmung für die deutsche Beteiligung am völkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg gegen Serbien zu bewegen und rund zwei Dekaden später ein drittes Mal an eine Ostfront gegen Russland zu peitschen, bedurfte es eines ideologisch pervertierten Verständnisses von Antifaschismus: Um imperialistische Kriege mit »Auschwitz« ideologisch zu legitimieren, musste der Buchenwaldschwur »Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!« aufgespalten und die beiden untrennbaren kategorischen Imperative in Widerspruch zueinander gesetzt werden. Ebenso musste der Antifaschismus seiner historischen Wurzeln in der 1932 gegründeten Antifaschistischen Aktion der KPD, seiner marxistischen Matrix und seiner wichtigsten Einsicht, dass Faschismus »nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus« ist, wie sie Brecht 1936 in »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« pointiert hatte, entschlagen werden.

»Wenn man was ganz Fieses tun will, muss man nur sagen, es sei nötig, um ein zweites Auschwitz zu verhindern«, brachte Wolfgang Pohrt das Erfolgsgeheimnis der 1998 gewählten rot-grünen Regierung unter Schröder und Fischer auf den Punkt. Der Kanzler und sein ehemals linker Außenminister hatten nach dem Vorbild der »New Democrats« von Bill und Hillary Clinton in den USA und Toni Blairs »New Labour« in der Berliner Republik die Ära des »progressiven Neoliberalismus« eingeläutet, wie Nancy Fraser das neue Politikmodell des entfesselten Kapitalismus nannte, sich ein menschliches Antlitz zu verpassen. Es wurde exekutiert von einem Bündnis zwischen den Profiteuren der totalitären Ökonomie radikaler Kommodifizierung und Vermarktlichung aller Lebensbereiche zum Zweck noch brutalerer Enteignung und Ausbeutung der Lohnabhängigen auf der einen Seite und von der Postmoderne beeinflussten sozialen Bewegungen auf der anderen. Nach der Niederlage des Realsozialismus und dem von den Siegern verkündeten »Ende der Geschichte« und der extremen Schwächung der marxistischen Linken war der Weg frei geworden für ein »liberal-individualistisches Fortschrittsverständnis, das nach und nach den weiter gefassten, antihierarchisch-egalitären, klassenbewussten, antikapitalistischen Emanzipationsbegriff der 60er- und 70-Jahre ersetzte«, so Fraser. Diese unheilige, ihrem Wesen nach rechte Allianz äußert sich nicht zuletzt in einer »wertebasierten« militarisierten und interventionistischen Außenpolitik, die heute in Deutschland besonders aggressiv von den Grünen vertreten und mit antifaschistischen Slogans und Regenbogenfarben camoufliert wird.

Und so tingelt eine mit üppigen Förder- und Preisgeldern von Initiative Musik, Amadeu Antonio Stiftung und anderen PR- und Marketing-Agenturen dieses postmodernen Imperialismus hochgepäppelte Armada von Staatsantifa-Musikanten durch die Lande und verkündet die frohe Botschaft: Antifa heißt Luftangriff. Denn »man braucht natürlich Militär«, meint etwa der Frontmann der linksradikalen »Zeckenrap«-Band Neonschwarz, »wenn es irgendwo einen krassen Diktator gibt, der alle angreift«.

Lumpen-Antifaschismus

Die Hip-Hop-Kapelle Antilopen Gang und solo ihr Mitglied Daniel Pongratz – er muss sich »Danger Dan« nennen, weil an ihm nichts ist, was den herrschenden Verhältnissen »gefährlich« werden könnte – attackieren schon seit Jahren präventiv Proteste gegen explodierende Energie- und Lebensmittelpreise zugunsten der Aufrüstung für den Endsieg gegen Russland: Im Falle eines Aufstands der Armen in Deutschland werde er »auf der Seite der Polizei gegen sie kämpfen. Mit Waffengewalt«, verkündete Danger Dan 2015, kurz nach dem vom Westen initiierten Maidan-Putsch und Beginn des Krieges in der Ukraine. »Da bin ich dann doch sehr froh über Rechtsstaatlichkeit, über Polizisten, die diese Leute dann im Zaum halten«, so die Solidaritätserklärung des Musikers für die herrschende Klasse weiter. Denn in der Losung vom »reichen ein Prozent« sei »ja schon der Aufruf zum Pogrom impliziert«, so Danger Dan mit einer Faschismusdefinition, die aus dem Ideologie-Repertoire von Milton Friedman und seinen Chicago Boys stammt.

2017 nahm sich die Antilopen Gang die revolutionäre Linke vor: »RAF-Rentner sind verbohrt, lesen immer noch Stalin«, heißt es in einem Song auf ihrem »Anarchie und Alltag«-Album. »Finito. Alles ist gescheitert. Holger, tut mir leid, aber der Kampf geht nicht mehr weiter.« Im Ox-Fanzine präsentierte sie dann noch eine »ganz klare Abrechnung« mit dem »hängengebliebenen Antiimperialismus« von Ulrike Meinhof. »Man sieht, dass der ideologische Unterbau eher mit der NPD kompatibel war.« In einem »normalisierten« Deutschland, das Meinhof nicht verzeihen kann, dass sie in den 60gern gegen das Heer alter Nazis, die im Beamtenapparat und Militär wie in den Parlamenten, Geheimdiensten und Leitmedien der BRD eine zweite Karriere starten durften, angeschrieben hat, kommt die antikommunistische Hetze der Antilopen Gang gut an. Allemal kommt ein geschichtsloser und politisch entleerter »Antifaschismus« wie gerufen. Denn damit lässt sich das Symbol der Antifaschistischen Aktion kommerziell als Label ausbeuten und Faschismus auf die für die NATO vorübergehend nicht wehrtauglichen Nazis von der AfD und Compact reduzieren, die gegenwärtig prorussisch ausgerichtet sind. Vor allem lassen sich damit vorzüglich »unsere Hurensöhne«, Asow, Rechter Sektor etc. und die deutsche Ampelregierung ausblenden, die die faschistischen Mörderbanden in der Ukraine und anderswo hochrüstet.

Je mehr unsere Gesellschaft für den dritten Weltkrieg konditioniert werden muss, desto rigoroser wird ein Lumpen-Antifaschismus »von der Kunstfreiheit gedeckt«, der gegen das Friedenslager und wirkliche Antifaschisten wettert: Es herrsche schließlich Krieg, mahnt die Punkband Feine Sahne Fischfilet und versuchte schon im März 2022, auch noch den letzten Fan zur deutschen Staatsräson zu bringen, der »sein dummes Maul aufmacht und meint, so megaschlau zu sein, weil er davon labert, dass auf ukrainischer Seite ja auch Faschos wie Asow rumlaufen«. Wenn »Friedenslichterketten nicht mehr reichen«, wie die Band meint, dann hilft offenbar nur noch der Appell an die deutsche Volksgemeinschaft.

Moralischer Ruin

Neoliberale Subkultur – wie sie von Feine Sahne Fischfilet, den Toten Hosen für Kleinbürger und von Antilopen Gang, Tocotronic, Sookee und so weiter für den Mittelstand produziert und von Labels wie Audiolith und JKP vermarktet wird – ist durch die Jubel-Feuerwerke der gleich ausgerichteten Meinungsmacher-Medien in den Kulturindustrie-Olymp katapultiert worden. Wie bei der von prowestlichen Oligarchen gesponserten Popband Pussy Riot, die von jeder Bühne unter frenetischem Beifall ihres linksliberalen Publikums die Lüge »In der Ukraine gibt es keine Nazis« kreischen müssen, hat das rein gar nichts mit künstlerischer Qualität zu tun (Danger Dan kopiert in seinen Banalo-Balladen mit einiger Plumpheit den lyrischen Ausdruck von Grönemeyers Gesang). Ganz im Gegenteil – es dient objektiv einem jeder Kunst zutiefst feindlichen ideologischen Zweck: Der Integration des linken Milieus in die neoliberale Stahlhelmfraktion der Kulturindustrie – und damit der Paralyse auch noch des letzten Widerstands gegen Mord und Totschlag, Geschichtsrevisionismus und Revanchismus des deutschen Imperialismus.

Der Schaden für die linke Kultur und Gesellschaftskritik ist immens. Falls es überhaupt noch eine Welt geben sollte nach dem immer größer werdenden gegenwärtigen Krieg, dann werden »emsige Hände die Trümmer wieder aufzurichten versuchen«, schrieb Rosa Luxemburg am Anfang des Ersten Weltkriegs. »Aber materieller Ruin lässt sich eher wieder gutmachen als moralischer. Zerschmetterte Kanonen kann man durch bessere ersetzen, zerfetzte Begriffe und vernichteten Glauben kann man nicht wieder zusammenleimen.« Vor diesem Hintergrund lässt sich die Abscheu nachfühlen, die Romain Rolland gegenüber der Kulturheimatfront empfunden hat, als er zur gleichen Zeit festhielt: »Ich finde den Krieg hassenswert, aber viel hassenswerter diejenigen, die ihn besingen, ohne ihn zu führen.«

Der Beitrag erschien am 24.01.2023 im M&R-Newsletter 1/2023. Den Newsletter können Sie kostenlos hier bestellen.

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