Melodie & Rhythmus

Verordneter Philosemitismus

21.12.2023 14:36

Jüdische Künstler und Intellektuelle im Fadenkreuz deutscher Normalisierungspolitik und rechter Hetze

Feldmann auf einer Kundgebung in Berlin

Deborah Feldman bei der »Ceasefire Now!«-Kundgebung am 10.11.23, Unter den Linden, Berlin
Foto: IMAGO / Matthias Reichelt

Susann Witt-Stahl

Die Lüge von der Freiheit der Kunst in der kapitalistischen Gesellschaft wird in der Bundesrepublik gegenwärtig so eindrucksvoll entlarvt wie selten zuvor. Das verängstigte Schweigen – auch und vor allem derjenigen, die sich gern als »Revoluzzer« inszenieren und ihr Publikum beharrlich zu mehr »Zivilcourage« und sonstigem Aufbegehren »gegen rechts« aufrufen – zum wüsten Treiben einer Ampel-Regierung, die im NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland nicht einmal davor zurückschreckt, ukrainische Nazikultur zu fördern, ist schon schaurig genug. Aber seit dem Blutbad vom 7. Oktober und dem Beginn des Massenschlachtens im Gazastreifen begnügt sich das deutsche Establishment nicht mehr mit der Grabesruhe, die eingetreten ist, nachdem abgewürgt wurde, was Kunst eigentlich sollte: die Wahrheit suchen und sich nicht der ernüchternden Wirklichkeit beugen. Es wird ein Zwang zum Bekenntnis zur herrschenden Politik ausgeübt – und ein Exempel statuiert an jedem, der sich weigert.

Was hierzulande als »Antisemitismusbekämpfung« gehandelt werde, sei in Wirklichkeit »verordneter Philosemitismus«, äußerte die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman sich Ende November in einem Interview besorgt über ein Phänomen, das Edgar Hilsenrath »eine Art umgekehrten Antisemitismus« genannt hatte. Ihr hat die frenetisch gefeierte Rede von Außenminister Robert Habeck zu Israel und Antisemitismus überhaupt nicht gefallen. »Zu einseitig«, findet Neiman. »Ich glaube, genau dieser Automatismus sorgt dafür, dass die Menschen das nicht ernst nehmen.«

Gleichgeschaltete Solidarität

Einen Beweis für Neimans Thesen lieferte die Initiative »Nie wieder ist jetzt! Deutschland steht auf«, mit der der Immobilienmakler Nicolai Schwarzer nur knapp an einer Blamage vorbeischrammte. Gerade einmal rund 3.000 Menschen folgten am 10. Dezember dem Aufruf zu einer »Großdemonstration« am Brandenburger Tor. Das, obwohl alles aufgeboten wurde, was das Establishment von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft in die Waagschale zu werfen haben: Bundeskanzler Olaf Scholz, diverse Spitzenpolitiker und Prominenz aus dem Showbusiness – etwa der Schlagersänger Roland Kaiser, der TV-Koch Tim Mälzer, der Fußballstar Arne Friedrich – unterstützten die Initiative, flankiert von den gleichgeschalteten deutschen Leit- und Konzernmedien wie von den inzwischen nahezu vollständig korporierten Kirchen und Gewerkschaften.

Und so gab es auch keinen öffentlichen Einspruch dagegen, dass die versammelten V.I.P. – die die Bevölkerung regelmäßig auf eine »wertebasierte« Politik einschwören – in ihrer angeblichen Manifestation »für ein friedliches und respektvolles Miteinander« die Gewaltexzesse der israelischen Armee durch die Forderung nach Solidarität mit der extrem rechten Netanjahu-Regierung zumindest indirekt absegneten. Es nahm auch niemand Anstoß an »Partnern« mit finsterer Vergangenheit, die die Initiative vorwiegend als Werbefläche benutzten: Deutsche Bank, BASF und weitere Nachfolger von Unternehmen, die im »Dritten Reich« vorzüglich am nazistischen Prinzip »Vernichtung durch Arbeit« verdient hatten. Erst recht nicht daran, dass man bei der Kundgebung »gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit« nur erklärtermaßen und nicht wirklich um ersteres und so gut wie gar nicht um zweiteres und letzteres bemüht war. Es wurde vielmehr der welthistorische Persilschein mit dem Gütesiegel »anderes Deutschland« hochgehalten, den Adenauer 1952 mit dem »Wiedergutmachungs«-Abkommen für die Bonner Republik erkauft hatte, die den Nazitätern unter den Wirtschaftseliten eine gemütliche Heimstätte einrichtete und Normalisierung anstrebte.

Überdeckte »tabula antisemitica«

»Deutschland brauchte Israel für die Konstruktion einer neuen Identität.« Die »Wiedergutmachung« befreie es »aus seiner Verantwortung aus der Geschichte«, meint die Schriftstellerin Deborah Feldman. »Dieses Land hat sich sehr früh darauf festgelegt, dass in der bedingungslosen Solidarität zu Israel die Erlösung liegt.« Der Historiker Frank Stern hat in seiner Studie »Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg« gezeigt, dass es der BRD vorwiegend »um ein außenpolitisches Moratorium ging, dessen Ergebnisse in den USA öffentlich akzeptabel sein mussten: ökonomische Schuldenabtragung, Westintegration, Wiederbewaffnung, Souveränität«. Adenauer legte 1965 im Interview seine taktische und von antisemitischen Stereotypen durchsetzte Erwägung offen: »Die Macht der Juden, auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen.« Für die »moralische Legitimation« solch eines kalkulierten Verständnisses von »Wiedergutmachung« sei der Philosemitismus ein »unersetzliches Instrument« gewesen, so Stern weiter über einen Prozess, den Hans Globke, Architekt der Nürnberger Rassengesetze, in seiner Funktion als Kanzleramtschef maßgeblich mitgestaltet hat. »Die tabula antisemitica wurde mit der tabula philosemitica ordentlich überdeckt.« Und »indem man sich ostentativ dem ehemaligen Opfer zugesellte, hoffte man, dessen jetzige Vorteile mitgenießen zu können«.

Wer ein derart verdinglichtes Verhältnis zu Juden hat, interessiert sich für diese nur im Kontext der Frage, wie sie nutzbar gemacht werden können. Das gilt umso mehr, seit Deutschland wieder bei der Fortsetzung von Politik mit militärischen Mitteln eine führende Rolle spielt (heute im NATO-Bündnis). Und so fallen Juden, die sich nicht mit Deutschlands Persilschein-Lieferanten und dessen nationalreligiöser und zunehmend in Suprematismus abdriftenden Staatsideologie identifizieren und sich nicht, wie rechte Zionisten, als Bürgen für Adenauers »Wiedergutmachungs«-Deal zur Verfügung stellen, immer häufiger durch das philosemitische Raster und in Ungnade. Selbst wenn sie universalistische Werte der bürgerlichen Aufklärung hochhalten: »Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre des Holocaust gibt, und das ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle. Punkt«, protestierte Deborah Feldman in einer »Markus Lanz«-Sendung gegen die Instrumentalisierung der jüdischen Katastrophe für die ideologische Verbrämung der Unterdrückung, Vertreibung und Ermordung von Palästinensern. Robert Habeck, der via Videoschalte teilnahm, und die anderen Talkgäste, darunter Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, reagierten mit versteinerten bis finsteren Mienen und Abwehrhaltung. Erst recht als Feldman von systematischer Hetze, auch staatlich finanzierter Medien, gegen sie und andere kritische Juden berichtete, und Habeck, stellvertretend für die Ampel-Regierung, doppelte Standards vorwarf: »Sie schützen Juden in diesem Land nur selektiv.«

Aussätzige

Seit die einst vom deutschen Feuilleton gefeierte Bestsellerautorin im Spätsommer 2023 ihr Buch »Judenfetisch« veröffentlicht hat, in dem sie auch die krampfhafte Identifikation von Deutschen mit dem Judentum und die versuchte Aneignung von dessen Opfergeschichte analysiert, wird sie immer wieder wegen eines angeblichen »unbändigen Hasses auf den Zionismus« angefeindet. Seit sie sich zusammen mit mehr als hundert anderen jüdischen Künstlern und Intellektuellen in einem offenen Brief gegen die Beschneidung von Grundrechten der Kriegsgegner, die für einen Waffenstillstand in Gaza demonstrieren, und die wachsende Repression gegen arabischstämmige Migranten wandte (die mittlerweile einem Feindstrafrecht unterworfen werden, sobald sie nur ein Jota von der diktierten Meinung zum Nahostkonflikt abweichen), schlägt ihr aus dem deutschen Establishment auf breiter Front ein eisiger Wind entgegen. »Was uns Angst macht, ist die in Deutschland vorherrschende Atmosphäre von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die Hand in Hand mit einem zwanghaften und paternalistischen Philosemitismus geht. Wir lehnen insbesondere die Gleichsetzung von Antisemitismus und jeglicher Kritik am Staat Israel ab«, heißt es in dem gemeinsamen Pamphlet – das sind Sätze, für die nicht wie bisher nur Marxisten wie Moshe Zuckermann und linksradikale Antizionisten, sondern heute auch linksliberale Juden wie Aussätzige behandelt werden.

Kritische jüdische Künstler und Intellektuelle, die weniger im Rampenlicht stehen, sind schon seit Jahren mit Drohungen, Zensur und Redeverboten durch deutsche Politik und Behörden sowie Diffamierungen und Denunziation durch die von deutschen Regierungen geförderte Amadeu Antonio Stiftung oder die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) konfrontiert und werden mit dem Stigma »Antisemit« versehen – häufig sogar in die Ecke von Neonazis geschoben. So geschah es 2020 einer israelischen Schülerin der Weißensee Kunsthochschule Berlin wegen ihrer Abschlussarbeit mit dem Titel »School for Unlearning Zionism«. Seit Beginn des gegenwärtigen Gaza-Kriegs müssen Juden sogar mit Schikanen und Einschüchterungsversuchen der Polizei rechnen: Im Oktober wurde Iris Hefets, Publizistin und Vorstandsmitglied der Organisation Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, festgenommen, als sie in Berlin allein auf die Straße ging und ein Schild mit der Aufschrift »Als Jüdin und Israelin: Stoppt den Genozid im Gazastreifen!« hochhielt. Nachdem das Kulturzentrum Oyoun in Berlin-Neukölln die Organisation für deren Jubiläumsveranstaltung »20 Jahre Jüdische Stimme – Trauer- und Hoffnungsfeier« beherbergt hatte, strich der Berliner Senat, angefeuert von Grünen-Abgeordneten, ihm kurzerhand die Finanzierung. Das Projekt steht nun vor dem Aus. Künstler aus den Reihen der Jüdischen Stimme, wie ihr Vorsitzender, der Neue-Musik-Komponist Wieland Hoban, dessen Werk »Rules of Engagement« 2018 von den Donaueschinger Musiktagen ausgeschlossen worden war, und die Sängerin Nirit Sommerfeld, werden seit Jahren regelrecht kaltgestellt. Viele internationale jüdische Künstler und Intellektuelle meiden Deutschland mittlerweile.

Unter der Gürtellinie …

Deborah Feldman ist vor 10 Jahren aus den USA gekommen, um zu bleiben. Vor allem ist sie zu bekannt und in Teilen der Bevölkerung auch zu beliebt, um in den Debatten zur israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik über Nacht ausgeknipst zu werden. Als Feldman aber einen deutsch-neuralgischen Punkt berührte, skandalisierte, dass die politische Klasse bereits auf dem Weg ist, den Boden des Grundgesetzes über die rechte Seitenauslinie zu verlassen, und in einem Spiegel-Gespräch sagte, »ich fühle mich dadurch bedroht, dass die Bundesregierung zurzeit auf Linie mit der AfD ist«, hieß es: Feuer frei! Die Taz, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit Muslimen und Linken antisemitische Ressentiments unterstellt, bescheinigte Feldman, »in einer verkehrten, kontrafaktischen Realität zu leben« und sprach ihr einfach ab, sich als Jüdin in Deutschland von rechts bedroht fühlen zu können. Auf dem Onlineportal Übermedien beschimpfte sie ein Autor als »Alibijüdin« und empörte sich, dass sie in der Öffentlichkeit zu viel Gehör bekomme. Andere Ampel-Medien schlugen in die gleiche Kerbe – mit Erfolg: Anfang Dezember hat bereits ein Veranstalter eine Lesung von Feldman in Wien abgesagt.

Derweil bearbeitete der Pianist Igor Levit, ein Grüner, Feldman an der Stelle, wo er wohl meint, sie persönlich verletzen zu können: »Vielleicht sollte man anfangen, Deborah Feldman als das zu bezeichnen, was sie ist«, blies der Liebling des israelbesoffenen Medienestablishments auf seinem X-Kanal zur Hexenjagd mit der Aufforderung, die Schriftstellerin als das Hassobjekt anzugreifen, zu dem er sie selbst erklärt hat – als »Old-School-Antisemitin aus Brooklyn«. Der von Levit mobilisierte Social-Media-Mob zog sogleich vom Leder: »Danke, dass Sie dies endlich sehen!«, so der Applaus einer Userin von vielen, die ihn zu seinen Anwürfen gratulierten. »Sie trägt Verantwortung für ihr abscheuliches Tun«, wollte ein Claqueur offenbar ausdrücken, dass gegen Feldman nun vogelfrei und jede Verächtlichmachung erlaubt sei. Ein anderer nutzte sogleich die Lizenz zur Beleidigung mit einem Tritt unter die weibliche Gürtellinie: »Ich würde Deborah Feldman nie als Fotze bezeichnen, ihr fehlt die Wärme wie die Tiefe« – Igor Levit hat es bis dato (Redaktionsschluss am 17. Dezember 2023) offenbar nicht für nötig gehalten, zumindest diesen sexistischen Post von seinem X-Account zu löschen.

Der Großteil nutzte aber Levits gehässige Anspielung auf Feldmans Herkunft als Steilvorlage: Die Schriftstellerin ist unter ultraorthodoxen antizionistischen Juden aufgewachsen, in einer Gemeinschaft von Satmarer Chassiden in New York, von der sie sich längst losgesagt hat. Die Hetze von Levits Fanmeute gegen das – ebenso der nationalreligiösen Großisraelideologie wie dem deutschen Imperialismus schädlichen – antizionistische Judentum gipfelte darin, dass Feldman der »Nestbeschmutzung« und des Selbsthasses bezichtigt wurde. Eine Userin wusste frei nach Thilo Sarrazin, dem Entdecker des »Judengens«, über sie als diasporische Jüdin zu sagen: »Der Hass auf Israel steckt ihr tief in den Poren.« Es gab auch Gegenstimmen, die alles andere als ehrenwerte und mit der Abneigung gegenüber humanistischen Juden untrennbar verbundene Motive des Kesseltreibens vermuteten: »Frau Feldman pocht auf Frieden für alle, das wollt ihr gar nicht«, postete ein Kritiker, der wahrscheinlich völlig richtig liegt. »Ihr wollt einfach Araber weghaben.«

Backlash

Die philosemitischen Rechten in Deutschland bedienten sich eines Tricks von Donald Trump und dem Demagogen Steve Bannon, nach der Devise »›Wir können so rassistisch sein, wie wir wollen, aber solange wir sagen, dass wir zu 150 Prozent hinter Israel stehen, kann niemand uns Nazis nennen.‹ Netanjahu unterstützt diese Politik«, meint Susan Neiman.

Gegenwärtig erweist sich diese Strategie als überaus ertragreich. In der Zeitenwende-Politik der Ampel-Regierung (für Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen, verbunden mit rapidem Demokratieabbau), die die israelischen Kriegsverbrechen ebenso deckt wie die deutsche Rechte und deren Lüge vom »importierten Antisemitismus«, drängt genau der Backlash zum Vollzug, der in Adenauers und Globkes »Wiedergutmachung« angelegt war. Unter deutschen Zuständen, in denen die Vergangenheit regressiv aufgearbeitet wird, man den noch tabuisierten Hass auf Juden auf andere Gruppen projiziert, statt ihn emanzipatorisch zu überwinden, muss früher oder später auch die »tabula philosemitica« wieder in die »tabula antisemitica« zurückfallen.

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