Melodie & Rhythmus

»Man hat sich im ›Grand Hotel Abgrund‹ eingerichtet«

20.08.2022 09:48

Zum Niedergang des linken Kulturjournalismus – und was jetzt zu tun ist. Ein Gespräch mit Susann Witt-Stahl

Von Interview: Stefan Huth

Ausgerechnet vor einem heißen Herbst mit Antikriegs- und Sozialprotesten wird M&R auf Eis gelegt – ist das nicht ein besonders schlechter Zeitpunkt?

Ja, natürlich. Denn dieser »schlechte Zeitpunkt« ist ja zugleich der Kulminationspunkt einer weltenbrandgefährlichen Entwicklung, von der sich leider ideologisch verwirrte Teile der Linken zum NATO-Patriotismus und Rechtsopportunismus treiben lassen. Da die sogenannte vierte Gewalt heute so aggressiv wie nie als Einpeitscherin einer Politik fungiert, die unsere Gesellschaft in den Abgrund stürzen kann, kommt jetzt den oppositionellen Medien eine exponierte Rolle zu. Vor allem als Aufklärer, aber auch als Megaphone aller vernünftigen Kräfte, die verstanden haben, was jetzt historisch fällig ist: der »Griff nach der Notbremse«, revolutionärer Widerstand, wie es Walter Benjamin in seinen »Geschichtsphilosophischen Thesen« angesichts des Faschismus und Zweiten Weltkriegs ausdrückte. Aber der allgegenwärtige Mangel an qualifizierten linken Kulturjournalisten, die unsere marxistische Blattline weiterführen können und sich dem kämpferischen Internationalismus verbunden fühlen, hat nun leider die M&R in einen »Lock-in-Syndrom«-artigen Zustand versetzt: Der Geist ist hellwach, willig und angriffslustig, aber der Körper geschwächt und gelähmt.

Wie ist diese Misere zu erklären?

Sie ist untrennbar mit Zerfallstendenzen in der Linken verbunden. Der »Christopher Street Day 2022 Berlin« – nicht zuletzt, weil er eine Emanzipationsbewegung instrumentalisiert, vermarktet und damit unterminiert – liefert das Sinnbild dafür: Eine von hysterischem Hedonismus besoffene liberale Partylinke marschiert im Geld-Ware-Techno-Rhythmus »Vereint in Liebe!«, ebenso zum Kommerz wie zur »Panzerhaubitze 2000« und anderen von Deutschland für den Ukraine-Krieg gelieferten Mordwerkzeugen, ins Nichts. Ein anachronistischer Zug, der auch durch alle linken Kulturszenen und ihre Medien geht. Und das Gros des gehobenen linken Feuilletons hat sich gemütlich im »Grand Hotel Abgrund« eingerichtet: Es kommentiert lieber den grauslichen Weltlauf mit einem zuweilen unerträglichen Zynismus – der von verdinglichtem Bewusstsein, keineswegs aber von Intellekt zeugt –, statt den kämpfenden Linken beizustehen, die verzweifelt versuchen, ihn aufzuhalten.

Warum ist das Elend in der Kunst- und Kultursphäre offenbar besonders groß?

Peter Hacks hatte während der letzten großen Zeitenwende kritisiert, dass der Realsozialismus schon früh den Überbau kampflos geräumt und seine Kunstproduktion eingestellt hat. Damit war der Weg frei für eine von den USA ausgehende und von der Kulturindustrie gestützte Mediokratie, die nach der Ausschaltung des Systemkonkurrenten totalitär wurde. Mit fatalen Folgen für die Kunst: Da sie Erkenntnischarakter hat und immer wieder den alle Verhältnisse umhüllenden Ideologieschleier des Spätkapitalismus lüftet und zeigt, wie die Welt wirklich ist, wurde sie von den Medien weitgehend eliminiert. An ihre Stelle trat eine idealistische Unkunst, die die Menschen betrügt und Wahn produziert. Das Feuilleton ist schon lange vorwiegend damit beschäftigt, die dafür passende »Manipulationsästhetik« zu verbreiten.

Wenn das stimmt – was müssen dann marxistische Kunst und Kultur und ihre Organe leisten?

Sie müssen die Unkunst bloßstellen als das, was sie wirklich ist: Gaukelei, Träger der perfiden Lüge, dass alles richtig und nicht zu ändern ist: vom Mario-Barth-Jauche-TV über den imperialistischen Krieg bis zum globalen Ökozid, der schon in vollem Gange ist. Und sie müssen die Erinnerung daran wachhalten, was Kunst wirklich ist: »die höchste Weise, sich um die Menschheit zu kümmern«, wie Hacks es ausdrückte. Um die Kunst zu retten, muss der von ihm beklagte falsche »Verzichtfrieden« revidiert und die marxistische Linke wieder offensiv in den »ästhetischen Weltkrieg« eintreten, der gnadenlos weiterwütet. Wir haben es immer als unsere dringlichste Pflicht betrachtet, mit der M&R der dafür nötigen Waffe der Ideologiekritik ein Magazin zu geben – deshalb müssen wir neue Kräfte sammeln und den Kampf wiederaufnehmen.

Susann Witt-Stahl ist seit 2014 Chefredakteurin von Melodie & Rhythmus

aus: Tageszeitung junge Welt, 20.08.2022

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