Melodie & Rhythmus

»Echte Künstler sind Revolutionäre«

27.04.2015 15:45
Foto: Susann Witt-Stahl

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Musikalische Marxisten in London fügen zusammen, was zusammen gehört: Musik und Politik

Die Gründung der Association of Musical Marxists (AMM) in London im November 2010 war gewissermaßen eine Reaktion auf die zwei Gesichter der britischen Linken: Wenn sie unter sich ist, verfällt sie in ausufernde Theoriedebatten, die oft wenig mit gelebter Erfahrung gemein haben. In der Öffentlichkeit dagegen richtet sie sich mit bemühter Alltagssprache an »common people«, wirkt aber eher langweilig, denn »gewöhnliche« Menschen – das weiß der Musikschriftsteller und AMM-Mitbegründer Ben Watson – gibt es nicht.

Die AMM liebt die »Klarheit extremer Aussagen« – wie zum Beispiel von Adorno, den Situationisten und William Blake –, bei denen »sich dem einen die Haare sträuben und von denen andere sich inspiriert fühlen«, verrät Watson. Im Mittelpunkt steht Musik – ob nun auf Demonstrationen mit eigenem AMM-Transparent, beim Improvisieren im Pub oder in Publikationen des AMM-eigenen Unkant-Verlags. M&R-London-Korrespondent Maciej Zurowski sprach mit dem musikalischen Marxisten.

Warum haben Sie AMM gegründet?

Inspiriert wurden wir von einem Vortrag über französischen Rap auf einer marxistischen Akademikerkonferenz vor fünf Jahren. Die Referentin unterzog das Thema einer trockenen, von Bourdieu inspirierten Analyse und ließ nicht einmal ihre Meinung durchscheinen. Wir dachten: Dieser Strukturalismus hat nichts mit Marxismus zu tun, denn letzterem ist eine Subjekt-Objekt-Dialektik zu eigen – er bezieht Stellung. Marx hat messerscharfe Polemik und Satire gemacht und wollte die Welt verändern. Marxismus darf nicht zu einer akademischen Unternehmung verkommen, sondern muss mit aktiver Politik verbunden sein. Zudem braucht jede revolutionäre Bewegung eine Gegenkultur. Sie muss aus der kulturellen Erfahrung ihrer Generation schöpfen, anstatt nur von »Experten« belehrt zu werden.

In Ihrer jüngst erschienenen Unkant-Kollektion »The Assassin« führen Sie Punk als Schlüsselerlebnis und beispielhaften Frontalangriff auf den guten Geschmack an. Doch die Ur-Punks sind heute Teil der Kulturelite, und die BBC feiert ihre wilden Jahre pausenlos ab.

Mag sein. Aber als wir jung waren, berichtete der New Musical Express (NME) ständig über The Smiths, die zwar Interessantes zu sagen hatten, deren Musik aber öde war. Dann sahen wir die Bad Brains – damals die aufregendste Band der Welt – und fühlten uns vom NME betrogen. Punk ging damals Bündnisse mit Metal ein – das Ergebnis hieß Hardcore, später waren es Sachen wie Napalm Death. Wir stehen Kritikern wie Simon Reynolds kritisch gegenüber. Sie hassen alles Urwüchsige und legen stattdessen Wert auf »Weiterentwicklung«, die oft Gentrifizierung bedeutet.

Marxisten haben seit geraumer Zeit nichts Interessantes mehr zum Thema Musik und Kultur zu sagen. Warum eigentlich?

Zu Zeiten von Rock Against Racism hatten Linke ein gutes Verständnis von Musikkultur, weil sie zwangsläufig mit Bands zusammenkamen. Punk, Antirassismus, die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, Curtis Mayfield und John Coltrane – das alles schien zusammenzugehören. Nach dieser Explosion spezialisierten sich die Leute allerdings: Manche gingen in die Musikindustrie, andere machten trockene Parteiarbeit oder wurden Akademiker.

Parteien waren nicht immer trocken. Moderne Komponisten wurden als musikalische Revolutionäre gefördert – ihre politischen Ansichten waren den Bolschewiki schnuppe. Heute dagegen gilt: Musik mit linken Texten ist gute Musik.

Das hängt damit zusammen, dass die Linke nicht wirklich revolutionär ist. Ihre Parteien sind wie Unternehmen, die Mitgliederzahlen und Abonnements brauchen. Man versucht die Kunden zufriedenzustellen, anstatt Dinge zu hinterfragen – und wenn die Kunden Popstars mögen, die sich als links präsentieren, dann setzt man ihnen die auch vor. Niemand will lesen, dass Bruce Springsteen ein Scharlatan ist. Uns geht es ums Hinterfragen.

Es gibt heute keine linke musikalische Gegenkultur. Die Rechten hingegen verfügen über ihre eigene musikalische Infrastruktur und haufenweise Bands aus verschiedenen Genres.

Weil rassistische Ansichten offiziell nicht geduldet werden, brauchen die Rechten ihre eigenen Netzwerke. Pop ist genuin gewissermaßen eine linke Aktivität – deswegen fällt es uns schwer, ihm einen linken Stempel aufzudrücken. Rock Against Racism hat multiethnische Bands hervorgebracht, die es zuvor kaum gab. Am Ende hat auch die Benetton-Werbung so ausgesehen. Das ist nicht revolutionär, aber diese Einflüsse kommen trotzdem von links.

Ernst Bloch war der Ansicht, dass in der kapitalistischen Gesellschaft auch noch das scheinbar banalste kulturelle Produkt eine utopische Sehnsucht in sich birgt, sich über seine profane Existenz hinaussehnt. Gilt das bis hin zu der Musik von Beyoncé?

Wir könnten uns speziell über Beyoncé unterhalten, dann ein Urteil über ihre Musik treffen. Aber so ist die Aussage viel zu allgemein. Ich behalte mir das Recht vor, bestimmte Musik als schlecht und völlig wertlos zu erachten.

Und die umgekehrte Aussage – dass also auch das scheinbar radikalste linke Produkt das Signum der kapitalistischen Produktionsweise und Ideologie trägt?

Das klingt nach Althusser: Man könne der Ideologie nicht entrinnen – all dieser deprimierende strukturalistische Müll. Wenn Adorno eine allgemeine Aussage macht, führt er beide Gegensätze im selben Satz an – alles sehr dialektisch und ausgewogen. Viel interessanter ist er aber, wenn er von etwas Spezifischem spricht – wenn er etwa beschreibt, was er bei einem Akkordwechsel in einer Mahler-Symphonie empfindet. Wenn man ehrlich sagt, was man denkt, löst man oft einen Skandal aus. Genau an diesem Skandal sind wir interessiert.

Darf man sich gehen lassen und reaktionäre oder stumpfe Musik mit gutem Gewissen genießen?

Man sollte ein schlechtes Gewissen haben, wenn man schlechte Musik mag. Wir werden mit Musik bombardiert, die unser Körper eigentlich gar nicht mag. Das hat ideologische Gründe. Es ist nicht leicht, Musik zu finden, die uns wirklich anspricht und befreit. Moralisten glauben, dass man sich Genuss verschafft, indem man die Kritikfähigkeit ausschaltet. Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist: Dem wahren Verlangen deines Körpers zu genügen, erfordert Disziplin. Es ist eine Entdeckungsreise.

Kann reaktionäre Musik großartig sein?

Das glaube ich nicht. Ich halte es mit Franklin Rosemont, der schrieb, dass großartige Literatur wie eine rauchende Knarre ist, aus der Funken sprühen – sie fragt nach dem Sinn unseres Seins. Dasselbe gilt für Musik.

Macht es Sie stutzig, wenn Reaktionäre revolutionäre Musik schaffen? Ich denke beispielsweise an Strawinski.

Oh, ich hatte immer das Gefühl, dass an Strawinski etwas faul ist. Ich habe mal eine Kassette mit Bartók auf der einen Seite und Strawinski auf der anderen gekauft. Sehr schnell stellte ich fest, dass Bartók viel besser war. Aber ehrlich gesagt habe ich mit diesen Fragen – Herz gegen Verstand, Musik gegen Politik – selber so lange gerungen, dass es mir schwerfallen würde, das alles kurz auf den Punkt zu bringen.

Woher rührt Ihre Bezugnahme auf den Dadaismus, der ideell eher den Anarchisten nahestand – die Idee also, alles über den Haufen zu rennen? Die Marxisten waren ja eher der Meinung, dass man auch in der Kultur durchaus auf den Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters aufbauen sollte.

Wir sind gegen Kultur. Adorno meinte, sie sei ein System des Betrugs. Echte Künstler sind Revolutionäre – Menschen, die auf eine neue Art und Weise leben wollen. Ihre Erzeugnisse werden verwertet und gegen sie benutzt. Was Menschen zufällig miteinander kreieren, finden wir spannender als »Kultur« und veranstalten deswegen Improvisationsabende. Musik und Politik sind für uns kein Gegensatz – wir versuchen, beides aus uns selbst heraus zu kreieren. Den Kulturbetrieb empfinden wir dabei als Störung.

Das Interview lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 3/2015, erhältlich ab dem 30. April 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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