Melodie & Rhythmus

»Kein Sound ist illegal«

28.12.2015 14:51

FLUCHTDEBATTE

Die Interventionen des Klangkünstlers Georg Klein hinterfragen Aspekte der gegenwärtigen Fluchtdebatte

Andreas Hagelüken

Berlin, im Mai 2015: Aus dem Schaufenster eines ehemaligen Ladenlokals schaut man hinaus auf den breiten Bürgersteig. Sinuswellen interferieren im Raum. Draußen schlendern oder eilen Passanten in unterschiedlichen Formationen vorbei. Mit jedem Mal ertönt außen wie innen der variierend intonierte, gelegentlich gebellte Ruf: »Kein Sound ist illegal!« Die Tür zum Laden ist unverschlossen: Draußen, drinnen – ein Wechsel der Perspektive ist jederzeit möglich … Die Installation des 1964 geborenen Klangkünstlers Georg Klein provoziert auf der Folie der aktuellen Asyl-Debatte eine Auseinandersetzung mit Fragen von Partizipation und Privatheit, von aktiver Anteilnahme und Passivität. Und es ist nicht die einzige Arbeit, mit der Klein seinen Besuchern eine Standortbestimmung in politischen Themen abverlangt.

2007 brachte Klein erstmals seine fiktive Organisation »European Border Watch« (EUBW) in Position – in Anlehnung an eine wirklich existierende Bürgerinitiative zur Sicherung der mexikanisch-texanischen Grenze. Damals wurden die Besucher eines alten DDR-Wachturms zur Denunziation verführt: Man konnte sich als »Grenzer auf Zeit« registrieren, um an einem Stück Küste, einem Gebirgszug oder an einem Waldrand im EU-Grenzgebiet Posten zu beziehen und verdächtige Bewegungen an die Organisation zu melden. Der versprochene Clou: Dank europäischer Satellitentechnik und Webcam gehe das nun auch ganz bequem vom heimischen Sofa aus. Alternativ konnte man sich bereit erklären, an seinem am Rande des EU-Binnenraums gelegenen Urlaubsort (z.B. auf den Kanaren, Malta oder Sizilien) die Augen offenzuhalten und seine Beobachtungen dann an die EUBW zu melden – öde Sonnenbraterei als Abenteuerurlaub. Was für ein ungemeines Potenzial zur Verstärkung unserer Grenzsicherung! Seither lässt Klein seine Organisation immer wieder für einen partizipativen Überwachungsstaat werben – im Netz unter europeanborderwatch.org, aber auch mit lokalen »Registrierungsbüros«, dessen Osnabrücker Filiale im Frühjahr 2015 von aufgebrachten Demonstranten umzingelt wurde – was auch daran liegt, dass Klein sein Spiel mit populistischen Motiven nie sofort als Kunst zu erkennen gibt.

Auch eine dritte Arbeit von Klein, die an der Grenze zwischen Kunst und Politik siedelt, erfährt durch die aktuellen Flüchtlingsbewegungen erhöhte Aufmerk- samkeit: »Tracing Godwin« fokussiert auf das Schicksal des gleichnamigen nigerianischen Flüchtlings, der 2010 über Libyen und das Mittelmeer zunächst nach Lampedusa gelangte. Seit seiner Ankunft im Euroraum lebt Godwin illegal vom Topflappenverkauf. Das Dilemma: Um sein Leben in der Illegalität zu finanzieren, muss er sich und seine Waren als Verkäufer der Öffentlichkeit präsentieren. Klein traf Godwin 2011 in Neapel, erfuhr mehr über seine schwierigen Lebensumstände und fotografierte ihn schließlich, um dem realen Ankömmling fortan zu einer fiktiven Verkaufsreise durch Europa zu verhelfen: mittels Plakaten mit dem Konterfei Godwins, die man an ausgewählten Orten seiner Stadt platzieren kann. Nicht Klein sucht diese Orte aus, sondern wer immer es will. Godwins fiktiver Standort wird dann auf der Website godwin.georgklein.de dokumentiert. Mittlerweile ist er ganz schön in Europa herumgekommen …

Ob nun »illegale Sounds«, »European Border Watch« oder Godwins Verkaufsroute – Kleins mit politischen Motiven spielende Werke bringen Kunst mitten hinein in den gesellschaftlichen Diskurs und bieten dem Publikum Möglichkeit zur Reflexion. Seine Installationen sind gleichzeitig Aufforderung und Verführung zum Handeln: entweder wider die Hilfesuchenden – als Teil der fiktiven EUBW – oder in Solidarität mit ihnen, indem man unter illegalem Status in Europa Lebenden wie Godwin erhöhte Sichtbarkeit an öffentlichen Plätzen beschert. Klar ist: Jedwede Hingabe an die von Klein geschaffenen Situationen motiviert die Einnahme, das Durchdenken oder die Diskussion eines eigenen politischen Standpunkts.

Den Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 1/2016, erhältlich ab dem 30. Dezember 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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