Melodie & Rhythmus

»Sag mir, wo die Blumen sind …«

24.01.2023 17:10
Gegen den rechten Zeitgeist: Melodie & Rhythmus-Künstlerkonferenz am 8. Juni 2019 in Berlin Foto: Christian-Ditsch.de

Gegen den rechten Zeitgeist: Melodie & Rhythmus-Künstlerkonferenz am 8. Juni 2019 in Berlin
Foto: Christian-Ditsch.de

Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist bereits fast ein halbes Jahr vergangen, seit der Herausgeber, Verlag 8. Mai, und unsere Redaktion bekannt geben mussten, dass unser Kulturmagazin Melodie & Rhythmus (M&R) »auf Eis gelegt« wurde. Das letzte Heft, das erscheinen konnte, war M&R 2/22 mit dem Titelthema »Kinder«. Für die Produktion weiterer Ausgaben fehlte es uns an qualifizierten Kräften in der Redaktion.

Das ist aus vielerlei Gründen eine schmerzhafte Tatsache: Erstens weil damit zumindest bis auf Weiteres ein Projekt aus der kritischen Öffentlichkeit verschwunden ist, das eine lange und bewegte Geschichte hat – M&R ist 1957 gegründet worden und war das auflagenstärkste Kulturprintorgan der DDR. Zweitens weil M&R als unabhängiges marxistisches Magazin für Kunst und Kultur auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt einzigartig ist. Drittens weil dieses Magazin in einer historischen und politischen Zeitenwende, die lange vor dem 24. Februar 2022 (dem Datum des Beginns der dramatischen Eskalation des Ukraine-Kriegs) eingesetzt hat, als radikales Veto gegen die Zerstörung der Aufklärung, die Paralyse der Kritik und andere regressive Entwicklungen in der (politischen) Kultur unserer Gesellschaft unverzichtbar ist.

Wir erleben in Deutschland und der westlichen Welt einen bedrohlichen Abbau von Grund- und Bürgerrechten. Die Presse- und Meinungsfreiheit wird sukzessive eingeschränkt, und in der Medienlandschaft ist eine Monokultur gewuchert, in der Objektivität, Fakten, Recherchen, kritische Debatten durch Manipulation, Desinformation, Propaganda, häufig sogar offene Hetze ersetzt werden. Diese Tendenzen verschärfen sich gegenwärtig vor allem im Zuge der Ausweitung des Stellvertreterkrieges in der Ukraine zwischen der NATO und Russland, der jederzeit in einem nuklearen dritten Weltkrieg kulminieren kann. Jeder Einwand aus der Bevölkerung gegen die offenbar mittlerweile unbegrenzten Waffenlieferungen und gegen die Sanktionspolitik des Westens, die vor allem zulasten der ärmeren Bevölkerung geht und Existenzen vernichtet, sowie jedes Plädoyer für einen Waffenstillstand und Verhandlungslösungen wird systematisch unterdrückt und diskreditiert, in einigen Fällen auch kriminalisiert. Wenn es so weitergeht, droht ein Totalausfall der Medien als vierte Gewalt – das gilt auch und besonders für das Feuilleton.

Kunst und Kultur bilden das ideologische Hauptkampffeld, wenn es um die Ästhetisierung des Grauens und wiederbelebten faschistoiden Heldenkults geht, vor allem aber spielen sie eine Schlüsselrolle bei der mentalen Mobilisierung junger Menschen im vorpolitischen Raum für die Unterstützung des Expansionskurses des Westens. Die Kulturindustrie ist bereits weitgehend auf Kriegswirtschaft umgestellt: Vom Schlagerstar bis zur »linken Punkband« – sie liefern fast nur noch seichte, scheinbar tendenzlose Ablenkung, die jedes kritische Denken abtötet, oder marschieren längst schon im Gleichschritt mit den NATO-Propagandisten. In den Programmen der Literaturverlage dominiert das Who’s Who der deutschen Normalisierung und des Revanchismus. Auf den Bühnen von Theatern und Musikspielhäusern finden vorwiegend »Wunschkonzerte« für die Bundeswehr und ukrainische Nationalisten statt. Selbst die letzte Nische der Gesellschaftskritik, das einst als »fünfte Gewalt« gefeierte Kabarett, ebenso wie die Satire, ist weitgehend zum Komödienstadl der Kriegstreiber und Rüstungsindustrie verkommen. Die früher sehr reiche und vielfältige Friedenskultur in diesem Land wurde nahezu ausradiert. »Sag mir, wo die Blumen sind …« – dieses Fanal gegen militärische Gewalt und das Leid und Elend, das sie bringt, aus dem Antikriegslied von Pete Seeger (seit Vietnam Hymne der internationalen Friedensbewegung) ist erstickt worden.

Um den fortschrittlichen Künstlern, die trotz alledem für Frieden und Völkerverständigung streiten, wieder das Gehör eines Massenpublikum verschaffen zu können, bedarf es eines starken Organs. Ein Magazin für Kunst und Gegenkultur wie M&R wird heute als Stimme der Aufklärung und Ideologiekritik und aller, die nicht einverstanden sind mit einer zutiefst irrationalen Politik, die Mensch und Natur weiter in den Abgrund treibt, so sehr gebraucht wie nie zuvor in der Geschichte nach 1945.

Damit M&R sobald wie möglich wieder als Printmagazin in gewohnter Qualität erscheinen kann, bedarf es des Neuaufbaus der Kernredaktion. Erfreulich ist, dass sich schon diverse Autoren bei uns gemeldet und tatkräftige Unterstützung angeboten haben. Um arbeitsfähig zu werden, brauchen wir aber vor allem Redakteure und suchen Journalisten mit Berufserfahrung und soliden Kenntnissen in den Bereichen Kunst, Kultur und Politik für die Konzeption und Organisation der Ausgaben, Kommunikation, Lektorat und Korrektorat. Falls Sie sich für eine Beschäftigung als Redakteur bei M&R interessieren und die nötigen Qualifikationen mitbringen – wir freuen uns auf Ihre Bewerbung!

Bis wir die Produktion wieder aufnehmen können, werden wir Sie von nun an in jedem Quartal mit einem Newsletter über die aktuelle Lage und weitere M&R-Projekte informieren. Ebenso finden sich jeweils darin, wie auch in dieser Ausgabe (1/23), Hinweise auf interessante und empfehlenswerte kulturelle Ereignisse, Premieren, Neu- und Wiederveröffentlichungen sowie ein exklusiver M&R-Artikel zu einem ausgewählten Thema aus den Bereichen Kunst, Kultur, politische Kultur und Zeitgeist.

Wir organisieren auch M&R-Kulturveranstaltungen. Beispielsweise gab es auf dem UZ-Pressefest 2022 ein viel beachtetes Podiumsgespräch unter dem Titel »Die Musen im Takt der Kriegstrommeln? Künstler zwischen NATO-Patriotismus und Paralyse der Kritik« (mit dem Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel, Helma Fries von der Berliner Compagnie und Dieter Klemm von Floh de Cologne). Ein guter Auftakt für 2023 war am 15. Januar – in Kooperation mit der Tageszeitung junge Welt – die Weltpremiere des Dokumentarfilms »Oh, Jeremy Corbyn: Die große Lüge« von dem Filmemacher-Kollektiv Platform Films aus London im Babylon-Kino in Berlin. Die Vorstellung war mit rund 500 Zuschauern restlos ausverkauft.

Abschließend möchte ich mich bei Ihnen im Namen unseres Teams bedanken, dass Sie unserem Magazin treu geblieben sind. Von unschätzbarem politischen und moralischen Wert ist der enorme Zuspruch, den wir immer wieder von Freunden der M&R bekommen. »Ich hoffe zutiefst, dass Ihr diese Zeitschrift weiterführen könnt, mit welchen Lösungsansätzen auch immer. Die Gegenkultur darf niemals aufhören, selbst wenn sie ihren eigenen Untergang antizipiert«, schrieb uns ein Leser. »Es gibt da einen banalen, aber irgendwie für mich bewegenden und kraftspendenden Satz, wenn er mir zumindest von einem anderen Menschen erzählt wird, den ich jedem von Euch ans Herz legen will: GIB NIEMALS AUF!« Solche Zuschriften sind Treibstoff für unser Ringen um das Überleben der M&R und bestärkt uns in der Gewissheit, dass der Kampf für unabhängigen Kulturjournalismus wider den reaktionären Zeitgeist weitergehen muss.

Vielen herzlichen Dank für Ihre solidarische Unterstützung und Ihr Vertrauen in unsere Arbeit!

Susann Witt-Stahl
Chefredakteurin Melodie & Rhythmus

Kontakt: redaktion@melodieundrhythmus.com

Hinweise und Empfehlungen der M&R-Redaktion

Literatur

+ Gerhard Feldbauer: Giorgia Meloni und der italienische Faschismus

+ Matthias Rude: Die Grünen. Von der Protestpartei zum Kriegsakteur

+ John Bellamy Foster, John Ross, Deborah Veneziale and Vijay Prashad: Washington’s New Cold War: A Socialist Perspective

+ Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode

+ Burga Kalinowski: 75 Jahre junge Welt

Musik

+ David Rovics: David Rovics Is a Nazi

+ Tino Eisbrenner: Liedertour 2023

+ Master Al & Albino: Keine Illusionen

+ John Cale: Mercy

+ The Residents: Faceless Forever the Dog Stab! 50th Anniversary Tour

Film

+ Fritz Bauers Erbe – Gerechtigkeit verjährt nicht

Ausstellung

+ 1922 – George Grosz reist nach Sowjetrussland
Das kleine Grosz Museum, Berlin
Bis 1. Mai 2023

Vorträge/Kongresse

+ Nadia Alatawneh: Palästinensische Beduinen und ihre Zukunft im Negev
25. Januar 2023, Palästina Komitee Stuttgart

+ Jane Zahn, Ekkehard Sieker: Die Medien und der Ukrainekrieg
28. Januar 2023, Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal

+ Susann Witt-Stahl: Der NATO-Krieg in der Ukraine als Motor der Rechtsentwicklung in Deutschland [pdf]
10. Februar 2023
Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung e.V.

+ Diverse Referenten: Antifa als Instrument der Herrschenden?
25. Februar 2023, Antiimperialistische Koordination, Wien

Nachruf

+ Karl Heinz Roth: Forschung als Flaschenpost
Wer die Wahrheit sucht, wird immer wieder anecken: Zum Tod des Historikers und Philosophen Werner Röhr (1941–2022)

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Zum Niedergang des linken Kulturjournalismus – und was jetzt zu tun ist. Ein Gespräch mit Susann Witt-Stahl

Ausgerechnet vor einem heißen Herbst mit Antikriegs- und Sozialprotesten wird M&R auf Eis gelegt – ist das nicht ein besonders schlechter Zeitpunkt?
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