Melodie & Rhythmus

»Barbarisch«

28.10.2015 15:26
Von neoliberalen Ideologen fälschlicherweise als »Kollektiv« bezeichnet: die faschistische »Volksgemeinschaft« Foto: Philipendula (wikimedia.org)

Von neoliberalen Ideologen fälschlicherweise als »Kollektiv« bezeichnet: die faschistische »Volksgemeinschaft«
Foto: Philipendula (wikimedia.org)

Zur Ideologie des Antikollektivismus

Susann Witt-Stahl

Noch nie war das Kollektiv so schlecht beleumundet wie heute. Dabei wäre gesellschaftliche Arbeit und damit das Projekt Mensch und dessen Eintritt in die Geschichte ohne Kollektiv gar nicht möglich. Als politisches, so die Definition von Wikipedia, sei es ein »soziales Gebilde mit fortschrittlichen und gemeinsamen Zielen«, für deren Erlangung »sich freiwillig organisierende Mitglieder durch gemeinsame Arbeit miteinander verbunden sind«. Marxisten entwarfen auf Basis der demokratischen und egalitären Prinzipien der Räterepublik das sozialistische Kollektiv ohne hierarchische Autorität.

Diese Tatsache hält seine Feinde heute mehr denn je nicht davon ab, es nach allen Regeln der Kunst zu diskreditieren. Adornos Diktum vom »barbarischen Kollektiv« macht die Runde – aber entkontextualisiert und ideologisch verformt. Denn nicht etwa die nazistische »Volksgemeinschaft« (ein »falsches Kollektiv« – wie Eisler und Adorno in »Komposition für den Film« schrieben -, weil es eine Radikalisierung der sozialdarwinistischen Matrix des Kapitalismus, Konkurrenz und Auslese statt Solidarität propagiert), sondern deren Antithese, antikapitalistische Bewegungen, sind gemeint.

Der Schaum, der sich vor den Mündern ihrer in der Regel systemfrommen Gegner bildet, sobald sie das Wort »Kollektiv« hören, hat seinen Grund in der Totalitarismustheorie, die nach Auschwitz von den Architekten des Neoliberalismus, vor allem Friedrich August von Hayek und Walter Lippmann, verbreitet worden war. Das Ziel: Der Kapitalismus sollte von seinen Verbrechen exkulpiert, der Sozialismus bekämpft und durch Privatisierung, Deregulierung und Sozialkürzungen eine massive ökonomische Umverteilung von unten nach oben vorangetrieben werden.

Um Menschen zur Duldung einer Wirtschaftsagenda zu bewegen, die den genuinen Interessen von 99 Prozent der Bevölkerung diametral entgegensteht, sind gewaltige ideologische Verrenkungen nötig: Von Hayek & Co. bescheinigten Kommunismus (jener von den Verdammten dieser Erde getragenen revolutionären Theorie und Praxis zur Durchsetzung der klassenlosen Gesellschaft) und Faschismus (der brutalsten Form bürgerlicher Klassenherrschaft) gemeinsame Wesenszüge und subsumierten beide unter dem Begriff der »totalitären kollektivistischen Bewegungen« – ein Taschenspielertrick manipulativer Gleichmacherei, durch die dem Marxismus die Verbrechen des Faschismus mitangelastet und Letzterer als »Antithese des Kapitalismus« erscheinen konnte.

Seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus rast der Neoliberalismus ungebremst auf der welthistorischen Siegerstraße, sein totalitarismustheoretischer Überbau ist Staatsdoktrin und die Verfechter des Antikollektivismus (heute die verbreitetste Erscheinungsform des Antikommunismus) sind in Wirtschaft, Politik und Kultur Legion: »En vogue waren sozialistische Ideen mit den extremen Spielarten des nationalen Sozialismus der Faschisten und des Kommunismus. Gemeinsam war ihnen die Unterordnung der Menschen unter das Kollektiv sowie die zentrale Lenkung der Wirtschaft«, feierte 2008 Die Welt unter dem Titel »Herzlichen Glückwunsch, Neoliberalismus!« die Geburtsstunde des erfolgreichen Konzepts der »Verteidigung der Freiheit gegen Faschisten und Kommunisten«.

Selbst Strömungen, die im linken Milieu verankert sind und sich als »kommunistisch« bezeichnen, blenden heute aus, dass es »der Liberalismus selbst ist, der den total-autoritären Staat aus sich ›erzeugt‹« (Herbert Marcuse), und sind mit von Hayek einer Meinung: Die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei verläuft zwischen prokapitalistischem Individualismus und faschistisch-sozialistischem Kollektivismus, der sich dem Kampf gegen den Liberalismus verschrieben hat. Der blanke, sich nicht selten zum Wahn steigernde Hass auf das Kollektiv und die widerständige Masse geht so weit, dass Antifas dem neoliberalen Super-Ego huldigen und gewerkschaftlich organisierte Arbeitskämpfe unter Faschismusverdacht stellen, weil diese dem »Volkswohlstand« dienen. »Anstatt den Kampfeswillen für einen möglichst hohen eigenen Lohn einzusetzen, wird für das Kollektiv ein möglichst gerechter Lohn eingefordert«, beklagt ein Bündnis gegen Rechts. Von Hayek hatte in den 1950er-Jahren die große neoliberale Wende prognostiziert; von solchen Linken jedoch hatte er nicht einmal zu träumen gewagt.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 6/2015, erhältlich ab dem 30. Oktober 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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