Melodie & Rhythmus

Zwischen den Welten

30.12.2014 11:26

Gundermann
Im zerklüfteten Revier. »Das Loch im Himmel soll sich wieder schließen / Und die Löcher in der Erde auch«
Foto: JW-Archiv

»Hier bin ich geborn / Wo die Kühe mag er sind wie das Glück«
Auf der Suche nach dem verlorenen Eisenland – Gundermanns Post-DDR-Hymne

Gerd Schumann

Nie waren Gundermanns »Lebens-Mittel« so wichtig wie heute. Oder vielleicht doch schon mal früher in den ersten Post-DDR-Jahren? Immer noch hat der Tag wieder nicht das gebracht, was er bringen sollte, unsere Sache scheint verloren, selbst Gott ist schon besoffen, die Uhr zeigt fünf vor zwölf. Und wir? »Wir hetzen auf der Suche nach dem Futternapf wie Ratten durch das Labyrinth.« Egal, mein Herzblatt, sei nicht traurig, schließlich:

Solang wir noch tanzen können
und richtige echte Tränen flennen
ist noch alles offen
ist noch alles drin

(»Herzblatt«)

Dieser melancholische Trotz, diese Bilder von Verlust und Weitermachen wider den böswilligen Zeitgeist, der uns allen an den Kragen will, dieses »Na und?« – noch sind wir da und schlachten eben die Uhr: Das alles muss sein unter der Herrschaft des Geldes über den Menschen, also absehbar noch recht lange. Natürlich mögen wir uns trotzdem wundern, dass sich Gerhard Gundermanns Werk so lange hält in unserem oberflächlichen, schnelllebigen Wegwerfwunderland inklusive US-Plastikkultur, die der »songwriter and rock musician« (Wikipedia) zeitlebens gefürchtet hatte und das uns in langen Warteschlangen antreten lässt, wo wir uns verkaufen müssen.

Und ich habe keine Zeit mehr
Räuber und Gendarm zu spielen
den Ämtern meine
Treue hinzutragen
und rauchende Motoren
mit meinem Blut zu kühlen
und nochmal eine Liebe auszuschlagen

(»Keine Zeit mehr«)

Seine Lieder seien noch »so präsent«, sagte Conny Gundermann in der Berliner Wabe am 15. Todestag ihres Angetrauten. Gundi habe »bestimmt gehofft, dass seine Lieder etwas länger leben als er selbst, aber … « Ja, schon so lange halten sie und immer weiter nach seinem plötzlichen Sterben am 21. Juni 1998 – Sommersonnenwende, ausgerechnet. Die mochte er gar nicht, die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, ab sofort würden die Tage wieder kürzer werden.

Die Nachricht von seinem Tod erschütterte; alle, die ihn, alle, die sein Werk kannten. Man könne es nicht beschreiben, meinte Tina Powileit, Schlagzeugerin seiner Band Die Seilschaft: »Es war furchtbar.« Und es schien das Ende der Seilschaft. »Wir waren einfach verwöhnt, einen Gundermann zu haben, der solche Texte, solche Lieder schreibt. Ich hatte das Gefühl, das war es jetzt.«

War es nicht. Trotz medialen Berührverbots, obwohl das Radio schwieg und weiter schweigt, die Palette der Gundermann-Interpreten wird immer breiter und bunter, die Vertreter seiner Gedanken werden mehr – das Werk des Künstlers widersteht inmitten einer immer kürzeren Halbwertszeit von Kulturgütern. Welchen Traum er sich noch erfüllen wollte, war Gundermann gefragt worden. »Das Lied heißt: ›Soll sein‹«, antwortete er.

Die Pilze sollen wieder in die Bomben kriechen
und die Bomben wieder inn Flugzeugbauch
das Loch im Himmel soll sich wieder schließen
und die Löcher in der Erde auch

(»Soll sein«)

Daraus wurde nichts. Der Traum blieb Traum wie der Auftrag Auftrag. Er lässt sich nicht abschieben, womöglich in die bei Politikern inzwischen aller Couleur beliebte Schmuddelecke »Unrechtsstaat«, auf dass auch Gundermann ins große schwarze Loch der Verächtung fallen möge. Werksubstanz und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lassen das nicht zu. Und die betreffen nicht nur den Osten – insofern besteht Hoffnung auf Verbreitung seiner Visionen auch in den »alte Länder« genannten Traditionshochburgen des deutschen Kapitals, der alten Krieger.

Darum Bruder darum wird Krieg
den ham wir uns jetzt vor die Füße gelegt
doch ich singe und bringe nicht um
obwohl ich nun wüsste warum

(»Krieg«)

Wer Gundermann heute hört, bald ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR, dem einzigen deutschen Staat, von dessen Boden kein Krieg ausging, der spürt, was aus dem »Steinland« hätte werden können. Geboren am 21. Februar 1955 in Weimar, hatte der spätere »Maschinist für Tagebaugroßgeräte« immer gewollt, aber nie richtig gedurft, und als Kurt Hager, ganz weitsichtig, endlich im März ’89 mit ihm redete, war es längst zu spät, und der SED-Kulturchef, ein Spanien-Interbrigadist, wurde immer noch vom Politbüro zurückgepfiffen. Haben Gundis Warnung nicht kapiert, die Genossen:

Es kommt der Tag
da sind die Kleinen groß
und die Großen werden tot sein

(»Es kommt der Tag«)

Die hatten es verbockt. Und die »89er-Revolutionäre«, die keine Revolutionäre waren, würden ihre Sonntagsreden von einem reformierten Sozialismus schnell vergessen und im Westen ankommen, und die, die sich als Sozialisten verstanden, landeten im Niemandsland. Steinland abgebrannt. Gundermann sagt: »Ich gehöre zu der Generation, die richtig Sozialismus machen wollte, aber nicht mehr dazu kam. Wir wurden und werden ausgelacht für unseren Idealismus. Doch genau der ist unser innerer Halt. Sonst wären wir unter den heutigen Bedingungen längst zusammengeklappt.«

Damals haute er erst mal ab, zog sich in sich selbst zurück, hatte in jenem trüben Herbst ’89 die Faxen einfach dicke – Fluchtpunkt: Havanna.

Jedes Haus in Santa Clara
mitm Bild von Che Guevara
das alles war noch da
als ich in Cuba war

(»Cuba«)

Das sang er nach der Melodie von Bruce Cockburns »Nicaragua«, wohin ab 1986 viele seiner Kollegen gefahren waren, »um der Revolution zu helfen«. Er kam nicht hin und ärgerte sich, fand dort doch »so was statt wie die Internationalen Brigaden in Spanien 1936«. Er sei ein »Revolutionsromantiker« gewesen, sagt mancher und meint es vielleicht sogar liebevoll. Schon als 14-Jähriger hatte Gerhard ernst gemacht, als er im Keller eine Pistole 08 gefunden hatte, versteckt von seinem Vater, der jede Menge Ärger bekam. Der Junge spazierte durch Hoyerswerda, in der Hosentasche die Parabellum, träumte vom Freiheitskampf in Vietnam, und bis zum Hals ging der Herzschlag.

Meine Reiseroute hieß
Hamburg-Paris-Saigon
doch am Westgrenzenübergang
da hatten sie mich schon
deshalb blieb mein Posten
bei der FNL noch leer
dafür hatte ich ‚ne Zelle
und die Nacht war tränenschwer

(»08«)

Nach Kuba hatte der Liedermacher mit den Wilderern eine prächtig-lärmende Band gefunden, ließ die Internationale krachen, am Tag, als Old Dixie starb, unten am Mississippi und am Rio Jamara, wo die Interbrigadisten ihre letzte Schlacht schlugen, es rettet uns kein höhres Wesen und so weiter. Die Völkerwanderung über Prag und Budapest hatte im frühen Vor-November 1989 eingesetzt, verwandelte sich recht schnell in ein wirres Hin und Her. Millionen machten rüber, unübersehbar viele zog es zurück. Entwurzelte auf der Suche.

Hier sind wir alle noch
Brüder und Schwestern
hier sind die Nullen ganz unter sich
hier isses heute nicht besser als gestern
und ein Morgen gibt es hier nicht

(»Hier bin ich geboren«)

Ironie trägt immer Wahrheit in sich, mindestens, und mit dem Mittel der Selb- stironie lassen sich zudem gehässige An- würfe schön spitzzüngig auskontern. »Hier liegt mein Vater unter der Erde / Meine Mutter liegt auffm Balkon / Hier frisst mir eine Kinderherde / Die letzten Haare vom Ballon.« Das klang zwar nicht unbedingt, als stimmte der Baggerfahrer gerade die Nationalhymne der Nach-DDR an. Doch machten alle in den überfüllten Konzertsälen – vom Tränenpalast bis zu den vielen vor der finalen Abwicklung stehen – den Kulturhäusern der untergegangenen Republik – freiwillig-begeistert den sentimentalen Chor, wie befreit nach den ekligen Demütigungen durch die überheblichen Sieger. »Hier führt mich meine Reise / Nicht weit, aber tief« – das stimmte. Doch endete die Auferstehung aus Ruinen im kalten, restaurierten »Deutschland, einig Vaterland«, und Der Spiegel lästerte frei nach Goethe über Gundermanns Publikum: »Hier sind sie Ostler, hier dürfen sie`s sein.«

Schluss mit den Klagen
aus ist der Traum
runter vom Wagen
und rauf auf`n Baum
Fernseher aus Sternschnuppen an
rein in die Frau und raus aus’m Mann
rein ins Vergnügen und raus aus’m Krieg
zurück in die Höhle da hinten ist Licht

(»Alle oder keiner«)

Sehr frei nach Neil Youngs »Rockin‘ in the Free World« verlangte der Dichter-Rocker immer weiter nach dem, was für ihn Lebens-Mittel war. Sein kommunistischer Idealismus, der ihn angesichts des landschaftszerstörerischen Braunkohletagebaus auf einen roten Ökotrip führte, steigerte sich in ein durch und durch solidarisches und also über allen Kleinmut erhabenes Credo: »Aber alle oder keiner.«

Den Artikel lesen Sie in der M&R 1/2015, erhältlich ab dem 5. Januar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Lesen Sie auch:

Roland Knauer über Gundermanns erste LP »Männer, Frauen und Maschinen«: Zwischen den Zeiten, M&R 1/2015

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Che: Die ersten Jahre

 

Zusatzinfos: Von und über Gundermann

Platten, Filme, Texte, Bücher, Materialien, Konzerte, Stimmen

Gerhard Gundermann, 21. Februar 1955 – 21. Juni 1998

Der Großteil von Gerhard Gundermanns musikalischem Werk, darunter seine vier letzten Studioalben (Einsame Spitze, 1992, Der 7. Samurai, 1993, Frühstück für immer, 1995, Engel über dem Revier, 1997) sowie der Nachlass (u.a. »Krams – Das letzte Konzert«, die direkte Post-DDR-Zeit mit den »Wilderern«, »Oma Else« mit Petra Kelling, Live-Stücke u.a. mit Silly und Tamara Danz), sowie »Männer, Frauen und Maschinen« (Amiga, 1988) unter:
www.buschfunk.com

Außerdem bei Buschfunk:
Zwei Liederbücher

Gundermann aufgeführt:
»Alle oder keiner. Tribut an Gerhard Gundermann« zum 10. Todestag (DVD/2 CD mit u.a. Böwe, Mahoni, Morgenstern, Prahl, Dresen, Polkaholix, Rühmann, Tschirner, Die Seilschaft, Silly, Schmeidel, Randgruppencombo)

Randgruppencombo
»Immer wieder wächst das Gras«, 2001
»…live in Ost-Berlin«, 2004
»Live im Postbahnhof«, 2013

Anspieltip (Youtube):
Gundermann und Seilschaft live (Mix)

Konzerte:

Kufa. Der Bürgerchor
21.2.2015 Hoyerswerda
70 Frauen und Männer aus Hoyerswerda singen Gundermann, plus u.a. Brigade Feuerstein, Erich Fried-Chor, Carmen Orlet und Hugo Dietrich

Die Seilschaft
6.2.2015 Pirna, Q24 (Akustikprogramm)
7.2.2015 Fürstenwalde, Kulturfabrik (Akustikprogramm)
14.2.2015 Torgau, Kulturbastion
20.2.2015 Hoyerswerda, Kufa

Dresen, Prahl plus Band und Gästen
19.2.2014 Neuruppin. Kulturkirche
21.2.2014 Berlin. Kesselhaus der Kulturbrauerei

Die Schauspiel-Brigade Leipzig spielt Gundermann
22.2.2014 Berlin, Kino Babylon
23.2.2015 Leipzig, Moritzbastei
Zwölf Schauspieler treten auf zusammen mit u.a. einem Streichquartett, einem Bläsertrio. Das Babylon zeigt einige Filme.

Literatur:

Gerhard Gundermann: Rockpoet und Baggerfahrer. Gespräche mit Hans-Dieter Schütt, Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 1999
Rosa Luxemburg Stiftung: Texte vom Gundermann-Kolloquium zum 50. Geburtstag „Härter als der Rest“ 2008, Zeitschrift Utopie Kreativ [pdf]

Stimmen im Original:

Conny Gundermann
»Er hat meinen Verstand, mein Herz, meine Seele berührt und hat mir Kraft gegeben, in diesem neuen, kalten Land, in dem ich keinen richtigen Platz finden konnte, zu lieben und zu leben. Mit Gundis Liebe, seinen Gedanken, Geschichten und Liedern war dies möglich.« (aus CD-Booklet, Gundermann: Krams – Das letzte Konzert)

(Herbst 1989 wollte er) »nur noch weg. Sein Fluchtpunkt wurde das Land Kuba. Heute bin ich froh, dass er trotz meiner Widerstände damals diese Reise nach Kuba unternommen hat, denn was er dort sah und emotional erlebte, hat ihm geholfen, Abstand zu finden und den Blick für die Dinge zu schärfen, die er für sich und uns in seinem Land noch tun kann. Die Texte zu einigen heute für uns wichtigen Lieder entstanden während dieser Reise.« (aus: Booklet, Werkstücke II, mit: Die Wilderer)

Henry-Martin Klemt, Journalist, Lyriker, Liedtexter
»Zum letzten Mal hörte ich ihn auf der Burg in Beeskow. Fast hätte das Konzert gar nicht stattgefunden. Es goss in Strömen, der Strom fiel aus. Über den Burghof neigte sich die Dämmerung. Ratlos pendelte der Blick der Musiker zwischen Bühne und Himmel hin und her. Als es beinahe dunkel war, brach der Regen mit einem Schlag ab und wenige Augenblicke später flammten die Lichter wieder auf.
Gerhard Gundermann sang und wir hörten ihm zu, rückten zusammen auf unseren nassen Bänken. Nie habe ich mir zu erklären vermocht, was es eigentlich war, das mir diese Lieder zu Lebensmitteln machte. Die griffigen Floskeln vom »singenden, klingenden Baggerfahrer«, über die Gundermann nur allzu gern spottete, gehen ins Leere. Wie soll das rechte Bein erklären, was ihm das linke bedeutet?« (www.hmklemt.de)

Der Spiegel (12/1996)
»Wo immer der Deutsch-Rocker aus dem Dörfchen Spreetal bei Hoyerswerda auftritt, spielt er vor vollem Haus. Andächtig lauschen die Hörer in Berlin, Cottbus und Sangerhausen seinem Vortrag – hier sind sie Ostler, hier dürfen sie`s sein.«

Richard Engel, Filmemacher
»(…) Seine Lieder haben mehr und mehr eine tiefzielende Trauer – aber da dieser Gundermann selber nicht ganz von dieser Menschenwelt ist, bleibt eine deutliche Spur Heiterkeit, eine magische Anziehungskraft des Bejahenden, die aus seinen Liedern, aus seinen Augen, seinem Lachen und zugleich von ganz weit her kommt-Vielleicht von dort, wo wir noch immer Märchen vermuten, auch wenn wir leider erwachsen geworden sind.« (aus: Gespräche mit Hans-Dieter Schütt, S. 38. Engel drehte von 1981-1983 für das DDR-Fernsehen das Porträt »Gerhard Gundermann«; »Ende der Eisenzeit«, 1999)

Gisela Hoyer
»Die Wende brachte ihn wie andere aus dem Gleis. Der innerlich Zerrissene, wenig begabt zum Wendehals, rang mit sich und seinem Weltbild. Als dann »Gundermann und Seilschaft« loszogen, hatten sie schnell Erfolg, bei alten und neuen Fans. (…) Die Medien haben Gundi irgendwann zum Springsteen des Ostens gekürt, seine Platten verkauften sich, die Konzerte liefen – fast ohne Werbung. Seine Lieder, beispielsweise auf der letzten CD »Engel über dem Revier«, gehören zum Besten, was deutsche Rockmusiker je erdacht haben.« (Leipziger Volkszeitung)

Bernd Rump, Liedermacher, Stückeschreiber, Politiker
»Gundi kannte ›Stabü‹ (Staatsbürgerkunde) und Parteilehrjahr genauso wie wir alle. Und er wollte einst Offizier werden – bis sie ihn heraus warfen aus der Offiziershochschule. Wir hassten insbesondere den amerikanischen Imperialismus und seit Vietnam war das für mich z. B. nichts Theoretisches. Ich habe versucht, mich für Vietnam damals zu melden. Natürlich nahmen sie mich nicht. Sie nahmen niemanden. Und wenn ich es für mich bedenke – irgendetwas von diesem Hass ist geblieben seit Son My.«

Simone Hain, Architektur-Historikern
»Etliche Jahre nach seinem frühen Tod führen seine Lieder jedenfalls ein beachtliches Eigenleben und pflanzen sich eindrucksvoll über regionale, kulturelle, Sprach- und Generationsgrenzen hinweg fort.«

»Wenn ich mich nicht täusche, wurden diese Kassetten 1991/92 auf dem Hohepunkt der Kolonialisierung des Ostens wie verbotene Drogen und geheime Nachrichten weitergegeben. Die vor allem mit den »Wilderern« eingespielten Titel bezogen ihren Gebrauchswert aus ihrer subversiven Wucht: »die Sieger trinken auf unsere Kosten / und verlieren den Verstand«. Das war wie der erste befreiende Wutschrei nach mehrmonatiger allgemeiner Vereinigungsstarre. Von da an war er plötzlich unverwechselbar: GUNDERMANN.«

Birgit Dahlke, Literaturwissenschaftlerin
»Hatte sie (die halbironische Ostalgiewelle) in der ersten Hälfte der 90er Jahre noch die Funktion einer polemischen Identitätssicherung und –vergewisserung, so wurde sie in den letzten Jahren zu einer offensiven Identitädüpolitik: Hier sind wir (immer noch) und wir sind ›anders‹.«

Paul D. Bartsch, Literaturwissenschaftler, Liedermacher
»Und natürlich gibt es die Erinnerung an unsere Treffen – in den frühen Achtzigern bei einer Singewerkstatt in Halle, als die »Brigade Feuerstein« zur Gestaltung des Abschlussprogramms in einem klapprigen Bus, in dem gelacht, gekocht, getrunken, geschlafen und gesungen wurde, anreiste und mit ihrem Habitus einer Anarcho-Kommune gelindes Befremden bei den oberen FDJ-Organisatoren auslöste.«

»Politisch Lied, privates Lied – stellt sich diese Frage bei Gundermann überhaupt? Hier geht eins so organisch ins andere über, ohne sich dabei aufzugeben, dass jede Trennung in meinen Augen unsinnig wäre.«

Delle Kriese, 1900-1992 Schlagzeuger bei »Gerhard Gundermann und die Wilderer«, heute Klaus Renft Combo, Polcaholix, Thomas Putensen
»Gundi hatte den kleinen Blick auf die Dinge, den mittleren und den großen natürlich. Viele noch dazwischen.« (…). Er »war nicht nur mit Wissen beladen, sondern auch mit Erkenntnis. Das hebt ihn von vielen anderen ab.«

Stefan Körbel, Liedermacher (u.a. Karls Enkel), Kulturwissenschaftler
»Er war der letzte wirkliche deutsche Volkssänger. Zumindest für den Osten. Und wenn er länger gelebt hätte, wär er es auch für den Westen geworden.«

»Ich erinnere mich z. B. an eine nächtliche Horrorfahrt, das zweite Konzert der 89er Tour, in Halle. Sein Skoda war kaputt, und die einzige Schrauberbude, die das mal schnell hatte machen können, war eben in Hoyerswerda. So schleppte ich ihn in der Nacht mit meinem fünfundzwanzigjährigen asthmatischen Wartburg quer durchs Ländchen. Der Skoda wog wie Blei. Wir pennten paar Stunden in Spreetal, und dann gings wieder ins Anhaltinische. Die Tour ging weiter, noch drei Wochen. Erholung? Denkste. Nach solchen Wochen brauchte ich immer drei Tage, um mich in die Normalität zu finden. Gundi aber saß am nächsten Tag auf dem Bagger. Harter als der Rest.«

Birgit Dahlke, Literaturwissenschaftlerin
»Ein Subjekt, das sich als geschichtsträchtig phantasiert hatte, muss seine reale gesellschaftliche Ohnmacht erkennen. Gundermann hat sich nicht in der damit verbundenen melancholischen Position eingerichtet, Selbstmitleid war ihm fremd.» (Alle Zitate aus: »Härter als der Rest. Gerhard Gundermann zum 50. Geburtstag.« Kolloqium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, 19.2.2005)

Klaus-Peter Schwarz, Philosoph und Dichter
»Die zentrale, ›Berliner‹ Anerkennung Gundermannsa und der »Brigade Feuerstein« als eines der wichtigsten Projekte moderner, sozialistischer Kunst, in der sich sowohl die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Kunst als auch die Arbeitsteilung zwischen Arbeit, Kunst und Politik auflösten, schlug freilich nicht bis in die Provinz durch.« (aus: Berliner Debatte INITIAL 10, 1999)

Gerhard Gundermann
»(…) Des weiteren ist es oft vorgekommen, dass ich von Kulturfunktionären befragt werde, ob das, was ich mache, denn noch auf unserem Boden gewachsen ist. Ich habe seit zwei Jahren einen Garten und einen erfahrenen Gartennachbarn. Ich habe noch nie gesehen, dass der vor einer ihm zu mickrig gewachsenen Tomatenstaude steht und sagt: Bist du denn auf meinem Boden gewachsen? Sondern er überlegt, ob sie vielleicht zu wenig Sonne abgekriegt hat oder zu wenig Wasser, ob der Boden von Schädlingen befallen ist oder mal wieder umgegraben werden müsste. (…)«
(Gerhard Gundermann: »Verantwortung für das eigene Produkt«. Beitrag zum Kongress der Unterhaltungskunst, März 1989
[pdf])

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