Melodie & Rhythmus

»Sehr leise, langsam, in Beschämung«

30.08.2016 14:06
Fotos: DPA-Bildfunk / Hendrik Schmidt

Fotos: DPA-Bildfunk / Hendrik Schmidt

Vor 50 Jahren kam Paul Dessaus Klagegesang über Deutschland zur Uraufführung

Fabian Schwinger

Reichlich verspätet gelangte Paul Dessaus Oratorium »Deutsches Miserere« am 20. September 1966 in Leipzig zur Uraufführung. Der Komponist hatte sein ehrgeiziges Stück musikalischer Reeducation, das auf Texten Bertolt Brechts basiert und die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg aufarbeitet, im April 1947, noch im US-amerikanischen Exil fertiggestellt. Aber anstatt wie erhofft einem Nachkriegspublikum präsentiert zu werden, harrte das pazifistische Chorwerk nach der Rückkehr Dessaus nach Ost-Berlin seiner Uraufführung. Eine für den 8. Mai 1951 geplante Premiere wurde abgesagt – sicher auch wegen der Nachbeben der Debatte um Dessaus »Lukullus«-Oper, die ihm Formalismus-Vorwürfe seitens der DDR-Staatsführung eingetragen hatte.

Für die lange verschleppte Aufführung scheinen aber auch technische Limitierungen verantwortlich: Dessau und Brecht setzten im »Miserere« nicht nur auf einen üppig ausstaffierten Klangapparat, sondern führten zusätzlich eine eigene bildnerische Dimension ins Werk ein. Das Zentrum der dreiteiligen Anlage bilden 29 kurze Sätze, zu denen dem Publikum jeweils ein Foto präsentiert wird – 29 Fotos also, die den Verlauf des Zweiten Weltkriegs in symbolischen Motiven spiegeln. Sie stammen aus Brechts »Kriegsfibel«, einer Sammlung von Bildern, die er in der internationalen Presse fand und mit mal ironischen, mal aufrüttelnden, mal ergreifenden Vierzeilern kommentierte. Die Einlassung dieser »Fotoepigramme« in Dessaus Werk schweißte Text, Bild und Musik zu einer neuen, nicht unbedingt praktikablen multimedialen Form zusammen. Für die damalige Zeit besaß dieser experimentelle Rahmen, der mehr als Konzert und doch kein Musiktheater war, Seltenheitswert.

Rückblick ins Jahr 1933: Als die Faschisten in Deutschland die Macht ergreifen, flieht Paul Dessau, Spross einer jüdischen Musikerfamilie, zunächst nach Frankreich. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs emigriert er nach New York, später nach Los Angeles, wo auch Brecht lebt. Seine Jahre in den USA empfindet der Komponist als quälende Wartezeit: Wann wird er wieder in die befreite Heimat zurückkehren können? Als im November 1942 Briten und Amerikaner dem deutschen Afrikakorps eine symbolische Niederlage zufügen und drei Monate später die Sechste Armee in Stalingrad kapituliert, rückt das Ende des Zweiten Weltkriegs in absehbare Nähe. Die Frage nach der Rolle, die Deutschland im Nachkriegseuropa einnehmen wird, stellt sich nun dringlicher – und wird für Dessau zum inspirierenden Movens. »Es schwebte mir seit langem schon vor, ein Chorwerk, wie etwa das Requiem von Brahms, nur ganz anders, keineswegs religiös, sondern im Gegenteil ganz weltlich, ganz politisch, einen großen Klagegesang über Deutschland zu schreiben«, erinnert er sich im Rückblick. Aus der Intention einer Elegie erklärt sich auch der Werktitel: »Miserere mei, Deus« – »Gott, sei mir gnädig!« – beginnt der 51. Psalm der lateinischen Bibelübersetzung, der das Bekenntnis von Schuld zum Thema macht. Selbst wenn Dessau seinem Oratorium die religiöse Dimension abspricht, tragen die Referenz auf die katholische Liturgie, der Gebrauch der Orgel sowie Brechts Texte das Spiel mit christlicher Symbolik tief ins Werk hinein. Gleich der große Eingangschor »O Deutschland, bleiche Mutter« ruft den christlichen Topos der um den Leichnam Jesu trauernden Maria auf. Doch Brechts Mutter ist »blutbesudelt« und voller Ambivalenz – »ein Gespött oder eine Furcht«.

Ohne das Ausmaß der kollektiven Verdrängung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft erahnen zu können, rechnete Dessau mit der Einsicht der Besiegten in die von ihnen begangenen Gräueltaten. Die Gemütslage der Scham wird von der Klangsprache des »Miserere« antizipiert, weil der Komponist das Talent besitzt, sein Instrumentarium entsprechend zu psychologisieren: Er streicht die Violinen aus dem Orchester und treibt der Musik damit ihre hellen Farben aus. Marschtempi und solistisches Schlagwerk lassen eine unterdrückte Aggression gären, die mitunter in unverhohlene Martialität umschlägt. Gleichzeitig pflanzt Dessau Spuren von Angst und Unsicherheit in den Satz: Die Gesangslinien des Chors teilen sich oft in kurze Phrasen, was den Eindruck der Atemlosigkeit hervorruft. Mit der Vorschrift »kurze Luftpausen« wird jegliches sinnliches Legato innerhalb der Stimmen unterbunden: »Der Effekt ist eine unterdrückte Verängstigung.« Dazu passt der Einsatz des Trautoniums – jenes elektronischen Instruments, dessen unheimliche Atmosphäre durch Alfred Hitchcocks Film »Die Vögel« weltweite Bekanntheit erlangte. Eine der Spielanweisungen verdient besondere Erwähnung: »Sehr leise, langsam, in Beschämung« ist der fünfte Satz am Ende des ersten Teils überschrieben. Er birgt den einzigen Originaltext, den Brecht für Dessau schrieb (während die anderen aus früheren Anthologien und Gedichtsammlungen stammen): »Sieben Jahre aßen wir das Brot des Schlächters / Sieben Jahre schmiedeten wir ihm die Kriegskärren / Ein besiegtes Volk fuhren wir zu besiegen andere Völker.«

Im Mittelpunkt des Oratoriums aber stehen die vertonten Ausschnitte der »Kriegsfibel«, an deren Anfang und Ende jeweils das Bild eines wild agitierenden Adolf Hitlers seine Kommentierung erfährt: »Wie einer, der ihn schon im Schlafe ritt / Weiß ich den Weg vom Schicksal auserkürt / Den schmalen Weg, der in den Abgrund führt: / Ich finde ihn im Schlafe. Kommt ihr mit?«, säuselt der Solo-Bass im tänzelnden Takt einer gespenstischen Nachtmusik. Neben der faschistischen Führungsriege wird der Krieg in all seinen Facetten bebildert: Aufrüstung, in Flammen stehende oder zerbombte Städte, verwundete Soldaten und Zivilisten. Und immer wieder der Tod: die Hinrichtung eines französischen Soldaten, ein grotesk aus dem Schützengraben ragender Leichnam, verstreute Helme in einem Flussbett. Auch ein Bild aus Robert Capas berühmter Dokumentation des D-Days, der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, findet Eingang in das Panorama des Leidens. Diese Art der Kriegsfotografie, die unmittelbar ins Kampfgeschehen eintaucht, und über Brechts Fotoepigramme einen prominenten Platz im »Miserere« zugewiesen bekommt, war damals eine noch sehr junge Bildsprache – ermöglicht erst durch die Entwicklung tragbarer Kleinbildkameras wie der Leica. Selbst wenn das Dessau’sche Werk ursprünglich auf das Schuld- und Schamgefühl der unter Hitler marschierenden Bevölkerung zielte, verfehlen seine Bilder auch bei Nachkriegsgenerationen ihre Wirkung nicht. »In die Erschütterung beim Betrachten der Nahaufnahme eines wirklichen Schreckens mischt sich Beschämung. Vielleicht haben nur jene Menschen das Recht, Bilder eines so extremen Leidens zu betrachten, die für seine Linderung etwas tun können«, versucht die Essayistin Susan Sontag Reflexe der Kriegsfotografie zu umschreiben. »Wir anderen sind, ob wir wollen oder nicht, Voyeure.«

In diesem Sinn hat das »Deutsche Miserere« bis heute kaum an Aktualität eingebüßt. Als radikales Antikriegs-Werk kündet es, so der Musikwissenschaftler Peter Petersen, »von einer Haltung zweier aufrechter Künstler, die sich ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen der ganzen Welt stets bewusst gewesen sind und demgemäß gehandelt haben«. Brecht allerdings konnte die Uraufführung des Werks nicht mehr erleben – er war an diesem Zeitpunkt bereits mehr als zehn Jahre tot. Das von ihm und Dessau erdachte Konzept einer multimedialen Auseinandersetzung mit aktueller Kriegsführung wurde erst in jüngster Zeit ästhetisch aktualisiert – fällt dem Zeitgeist entsprechend aber weitaus weniger didaktisch aus: In »Generation Kill« (2012) zeichnet der belgische Komponist Stefan Prins das Bild einer hypertechnisierten Gegenwart, in der die Grenzen zwischen Virtualität und Realität, Computerspiel und Kriegsführung fortwährend verschwimmen. Statt Kriegsfotografie hält in sein Werk Einzug: das Video eines amerikanischen Drohnen-Angriffs.

Den Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 5/2016, erhältlich ab dem 2. September 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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