Melodie & Rhythmus

Kein Widerspruch zwischen autonomer und politischer Kunst

30.12.2014 11:13

Arkadiy Kots
Foto: Promo

Arkadiy Kots arbeiten an der Wiederbelebung klassenbewusster Liedkultur

Die russische Band Arkadiy Kots (benannt nach dem russischen Dichter und Sozialisten Arkadiy Yakovlevich Kots) ist immer mittendrin – bei Versammlungen, Demonstrationen, linken Konferenzen und politischen Konzerten. Sie gelten als die bedeutendste Band der linken Szene im heutigen Russland. Im Herbst haben sie ihr erstes Album mit dem Titel »Lasst uns politisch kämpfen« veröffentlicht. M&R-Moskau-Korrespondent Andrey Ukrainskiy bat sie zum Interview.

Sie bezeichnen sich als Kulturarbeiter – für wen arbeiten Sie? Verstehen sie Ihre Kunst als parteiische Kunst wie Lenin einst die Literatur?

Oleg Zhuravlev: Unsere kreative Arbeit kann man sicherlich als parteiische Kunst bezeichnen: Sie gründet auf einer bestimmten Position zum Klassenkampf, einer linken Überzeugung, und wir mischen uns mit ihr in die politischen Kämpfe nicht nur in Russland ein. Unsere Musik ist vielleicht sogar zu parteiisch, gemessen am Klassenbewusstsein und dem Niveau politisch-theoretischer Debatten in der russischen Gesellschaft. Viele von uns würden sich auch gern einer linken Partei anschließen und deren musikalisches Sprachrohr sein. Aber es gibt eine solche Partei bislang noch nicht. In diesem Sinne wiederum ist unsere Arbeit weniger parteigebunden als vielmehr an Protesten orientiert. Viele hat es in unserer Gesellschaft lange Zeit nicht gegeben. Aber als dann die Massenbewegung »Für faire Wahlen« entstand, wurde auch unsere Musik populär. Die »wütenden Bürger« sind jetzt ein Teil unseres Publikums und wir ein Teil der entstehenden Protestszene. Besonders stolz sind wir auf das gesteigerte Interesse von Vertretern der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften an unseren Songs.

Kirill Medvedev: Ich glaube, Brener [ein Moskauer Künstler, der die Lyrics für den Song »Für wen arbeitet Ihr, Kulturarbeiter?« der Band geschrieben hat – M&R-Red.] hat ziemlich klar formuliert, für wen wir arbeiten sollten: »für die Armen und die entfremdeten Studenten, nicht für die fetten Cops, sondern für ihre Gegner, für Migranten, die Obdachlosen und die Arbeiterklasse«. Man kann sicherlich noch mehr aufzählen, über Prioritäten streiten, aber grundsätzlich ist diese Aussage zutreffend. Wir ziehen es im Übrigen vor, von »engagierter Kunst« zu sprechen. Die Geschichte hat ihr materialistisches Fundament. Die Klasse, die Ausgebeuteten und Unterdrückten, hat ihre Interessen, die man verstehen und die artikuliert werden müssen. Aber jedes Individuum, jeder von uns, macht auch eigene subjektive Erfahrungen, die er oder sie verarbeitet. Kunst ist notwendig, um die breite Palette individueller Emotionen, Komplexe, Wünsche und Leidenschaften an die Oberfläche zu bringen, sie neu zu kodieren, in die allgemeine Agenda zu integrieren und sie für einen neuen kollektiven Versuch fruchtbar zu machen, eine bessere Zukunft und den Kommunismus aufzubauen. Dies ist nur möglich, indem man die subjektiven Erfahrungen immer wieder reflektiert und neu interpretiert. So wird Kunst wirklich parteiisch. Sie erfordert konstante Auseinandersetzung mit dem Selbst, mit einem kreativen und politischen Kollektiv. Festgefahrene Ideen über Kunst, ihre Parteilichkeit oder ihre Rolle im Klassenkampf sind für diesen Prozess nicht nützlich.

Anna Petrovich: Wir singen Lieder über Politik, und wir wollen, dass die Hörer sie als Liebeslieder wahrnehmen. Wir wollen Popmusik in dem Sinn machen, dass sie dem Volk zugänglich ist und gleichzeitig neue Maßstäbe für Form und Inhalt in unserer kulturellen Umwelt setzen.

Welchen Gebrauchswert hat Musik für Agitation und Propaganda?

Oleg Zhuravlev: Die Linke wird oft für ihre plakativen Statements kritisiert – nicht immer zu Unrecht. Dennoch sehe ich keinen Widerspruch zwischen autonomer und politischer Kunst. Agitation ist nicht Hauptzweck politischer Kunst. Musik, Poesie und visuelle Künste müssen in erster Linie beunruhigen und verstören, um einen politischen Effekt zu haben. Auf diese Weise können sie der Impuls sein, eine Situation neu zu denken oder Werte neu zu bestimmen. Wahre Kunst berührt, indem sie dich einerseits inspiriert und ermuntert und indem sie andererseits existenzielles Un behagen hervorruft. Es handelt sich um dieselben Erfahrungen, die die Basis für die Politisierung eines Menschen bilden, wenn er oder sie plötzlich beginnt, die Ungerechtigkeit und die Notwendigkeit kollektiver Anstrengungen, Solidarität und Kämpfe zu spüren. Politisierung und Radikalisierung sind Erfahrungen kollektiver Inspiration. Darüber hinaus sollten Musik und Songs ihre unmittelbar »politische Funktion« auch erfüllen, indem sie die Wut und Empörung zum Ausdruck bringen, ihnen Form geben und in eine progressive Richtung kanalisieren.

Sie spielen Stücke von Pete Seeger, Woody Guthrie, Lluís LIach und anderen. Verstehen Sie sich als Erben dieser Musiker?

Kirill Medvedev: Es ist völlig normal, dass man auf bestimmte Traditionen zurück- und Elemente davon aufgreift, die in anderen Kontexten schon zu einem strukturierten Kanon mit Nuancen und Widersprüchen gehören. Insbesondere wenn man eine bestimmte Form der Musik sprichwörtlich von Grund auf aufbaut. Wir denken auch nicht in irrationalen Kategorien der Selbstverwirklichung. Wir sagen nicht etwa: »Morgen habe ich einen Geistesblitz, dann schreibe ich einen brillanten Song über die Arbeiterklasse.« Natürlich kann das auch ab und zu passieren, aber wir sehen uns in der Regel die Traditionen an, wie und unter welchen historischen Bedingungen sie auf die Welt gekommen sind, in welcher Beziehung sie zu den Klassen und den sozialen Dynamiken standen. Die gegenwärtige gesellschaftliche Konstellation zeichnet sich durch eine im Entstehen begriffene Gewerkschaftsbewegung und rudimentäres Klassenbewusstsein aus. Gleichzeitig gibt es einen kulturellen Mangel – einen Mangel an Liedern. Nicht einmal die klassenbewusstesten Arbeiter erkennen automatisch ihre Musik. Billy Bragg hat bei seiner Ankunft in der Sowjetunion während der Perestroika-Phase einmal versucht, antisowjetischen und antikommunistischen Rockern zu erklären, warum die Arbeiterklasse Musik braucht. Damals verstanden sie ihn nicht. Aber wir verstehen ihn heute sehr gut! Wir können eine proletarische Kultur nicht ohne unsere kreativen Impulse erschaffen. Wir müssen sie in Kooperation mit anderen, in Rückbeziehung auf andere entwickeln und die Herausforderung annehmen, sie selbstständig zu formen. Anna Petrovich: Diese Songs – zum Beispiel »Which Side Are You On« von Flo rence Reece, »L’Estaca« von Llach oder »Miss Pavlichenko« von Guthrie – sind in Russland und unter den besonderen postsowjetischen Bedingungen wiedergeboren worden: der Repression gegen Gewerkschafter und Oppositionelle, der Gehirnwäsche durch die Orthodoxie und des endemischen sozialen Rassismus, des Faschismus und der politischen Apathie der Bevölkerung im Kampf für ihre Rechte. Die von Ihnen genannten Traditionen sind ein herrlicher Blumenstrauß, aus dem wir uns die schönsten Blüten für unsere Bemühungen auswählen.

In welche Events und Kampagnen sind Sie involviert?

Kirill Medvedev: Wir haben uns an Erinnerungsveranstaltungen beteiligt, mit denen der ermordeten Arbeiter von Schangaösen in Kasachstan gedacht wurde. Wir spielen regelmäßig aus Solidarität für politische Gefangene, inhaftierte Antifaschisten und bei LGBT-Festivals, weil wir glauben, dass diese Bewegung aufgrund des großen Drucks auf sie Unterstützung braucht. Wir sind auch bei den großen Demonstrationen der Opposition 2012 und 2013 aufgetreten. Das Konzert am 1. Mai 2014 im südwestlich von Moskau gelegenen Kaluga war für uns vielleicht das bislang wichtigste. Die Genossen der Gewerkschaft für die Arbeiter in den Autofabriken Russlands (MPRA) hatten uns dazu eingeladen, und wir würden uns freuen, wenn wir diese Zusammenarbeit fortsetzen könnten.

Das komplette Interview lesen Sie in der M&R 1/2015, erhältlich ab dem 5. Januar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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