Melodie & Rhythmus

»Auch die Kunst muss standhalten«

30.12.2014 11:26

Mikail Aslan
Foto: privat

Der zazakisch-kurdische Musiker Mikail Aslan über den Kampf gegen den Islamischen Staat
Interview: John Lütten

Mikail AslanDie Belagerung von Kobanê und der Terror des Islamischen Staats (IS) gegen Kurden, Yeziden und andere »Ungläubige« lässt auch Kulturschaffende nicht kalt. Der zazakisch-kurdische Musiker Mikail Aslan hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Benefizkonzerte für die Menschen in Kobanê gespielt, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln und auf die dramatische Situation in den kurdischen Gebieten aufmerksam zu machen. Im November hat Aslan das Geld zu den Flüchtlingen nach Suruç bei Kobanê, kurz hinter der türkisch-syrischen Grenze, gebracht. Er selbst hat die Türkei vor knapp 20 Jahren aus politischen Gründen verlassen müssen und lebt seitdem in Deutschland. M&R sprach mit dem Gitarristen und Sänger über die Situation der Musiker in den umkämpften Gebieten, politische Musik in Rojava und der Türkei sowie die Möglichkeiten, den Kampf der Kurden gegen den IS musikalisch zu unterstützen.

Der Kampf der kurdischen Volksverteidigungskräfte gegen den IS dauert zurzeit weiter an. Wie erleben Sie, Ihre Freunde und Verwandten die Situation?

Ich verfolge das Geschehen so gut es geht, recherchiere viel und lese die Nachrichten aus der Region. Natürlich sind wir in unseren Gedanken bei den Menschen in Kobanê. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist jetzt so groß wie noch nie. Und zum ersten Mal wird die kurdische Frage auch in deutschen Medien breiter wahrgenommen. Das ist etwas Neues, vorher gab es ja ein regelrechtes Medienembargo. Auch die Solidarität ist stärker als zuvor, sogar bislang unpolitische Menschen werden jetzt aktiv. Das ist alles gut, aber im Prinzip tobt in der Region ja seit 30 Jahren ein harter Kampf zwischen den Kurden und verschiedenen Ländern. Die Menschen dort leiden schon lange jeden Tag. Einen derart heftigen Krieg hat es dort aber noch nie gegeben. Die Brutalität des IS ist abscheulich. Ich hoffe, die Aufmerksamkeit verpufft nicht, sobald sich die Situation dort entspannt.

Wie ergeht es den Musikern in der Region – wissen Sie, wie die Situation von Kulturschaffenden in den umkämpften Gebieten aussieht?

Nach einem unserer Benefizkonzerte kam ein Musiker aus Kobanê zu mir und berichtete, dass die Menschen dort alle auf der Flucht sind. Sie können ihre künstlerische Arbeit nicht fortsetzen. Die Kunst ist dort tot. Auch in den angrenzenden kurdischen und türkischen Gebieten hören viele auf zu musizieren. Sie werden anderweitig gebraucht und wollen den Menschen direkt helfen. Viele fragen auch, wie man in einer solchen Situation einfach weiter Musik machen kann. Und natürlich ist das unter den gegenwärtigen Umständen schwer. Aber ich denke, gerade jetzt darf man nicht damit aufhören, künstlerisch aktiv zu sein. Manche denken, es ginge den Künstlern nur um Aufmerksamkeit, aber das ist es nicht. Es geht darum, sich nicht einschüchtern zu lassen. Auch die Kunst muss standhalten.

Was genau tun Sie und andere Musiker, um den Kampf gegen den IS zu unterstützen?

Seitdem Kobanê belagert ist, bin ich jeden Tag unterwegs. Ich selbst habe in letzter Zeit mehrere Dutzend Solidaritätskonzerte gespielt. Die wurden von kurdischen und alevitischen Vereinen organisiert, auch von Linken. Vor allem DIDF, die Föderation der demokratischen Arbeitervereine, ist sehr engagiert. Manche Menschen haben erst bei unseren Auftritten von der Situation erfahren. Ich lebe schon lange in Deutschland, aber jetzt sehe ich auf unseren Konzerten viele neue Gesichter, und es gibt viel Interesse an dem, was wir zu sagen haben. Bei den Konzerten haben wir rund 20.000 Euro eingespielt. Gemeinsam mit einer DIDF-Delegation von Journalisten und Politikern haben wir dieses Geld im November nach Suruç gebracht – dort befindet sich eine wichtige Flüchtlingsstation – und dem örtlichen Hilfskomitee übergeben. Auch in der Türkei und den kurdischen Gebieten gibt es viele sehr engagierte Musiker, die Benefizkonzerte spielen; einige sind auch bis kurz vor die Grenze gezogen, um dort aufzutreten und zu helfen.

In der Türkei gibt es viele Musikgruppen, die klassische Folklore mit politischen Inhalten spielen. Wie ist das Verhältnis von Volksmusik und Protest in der Türkei?

Viele dieser Gruppen sind in den 70er-Jahren entstanden. In dieser Zeit war die türkische Linke sehr stark, auch kulturell. Deshalb wurden viele der politischen Fragen auch in der Kunst behandelt, vor allem natürlich der Kampf gegen Unterdrückung und Repression. Generell ist die Geschichte der türkischen Linken noch einmal ein Thema für sich. Was mich selbst betrifft, habe ich ja 1994 die Musikgruppe Grup Munzur mit begründet. Ich komme aus einer links orientierten Familie, und es war damals so, dass die kurdische Sprache verboten war – egal ob man nun politische Inhalte hatte oder nicht. Wir mussten uns also zwangsläufig mit der Unterdrückung beschäftigen und Stellung beziehen. Deswegen waren politische Fragen von Anfang an ein Thema für uns. So war das bei vielen.

Sie haben es bereits angesprochen: Kurdische Kunst ist in den vergangenen Jahrzehnten in der Türkei immer wieder mit starker Repression belegt worden. Wie politisch ist die kurdische Musik?

Sie ist in den letzten 30 Jahren immer politisch gewesen – wie gesagt, ihr blieb ja auch kaum etwas anderes übrig. Ich finde, sie war teilweise sogar etwas zu politisch. Nicht weil die Inhalte falsch gewesen wären, sondern weil sie dabei manchmal ihre künstlerische Tiefe verloren hat. Die Kunst verlangt von uns auch, dass wir die intimen und ureigenen Regungen und Erfahrungen der Menschen aufgreifen und künstlerisch verarbeiten. Sie hat neben ihrer weltlichen und alltäglichen Seite auch einen sinnlichen menschlichen Tiefgang – eine mystische Seite, wenn man so will. Beides muss da sein. Es ist immer wichtig, dass Künstler politisch Stellung beziehen und sich engagieren. Aber sie müssen dabei eben immer auch Künstler bleiben.
kurden
Seit 2012 wird in den kurdischen Gebieten das Projekt eines selbstverwalteten und demokratischen Autonomiegebiets verwirklicht. Welche Rolle spielen Kunst und Musik für den Aufbau – gibt es neben dem politischen auch einen musikalischen Aufbruch?

Ja, auf jeden Fall. Erstmals gibt es eigene politische Strukturen und die Möglichkeit, eine eigene kurdische Kultur zu organisieren. Viele junge Menschen dort zeigen Interesse daran, und der Staat kann sie dabei unterstützen. In Rojava gibt es ein Kulturministerium, das den jungen Menschen beispielsweise dabei hilft, Konzerte zu organisieren. Die Menschen dort können endlich frei als Kurden leben, und sie leben friedlich mit den Armeniern, den Assyrern, den Christen und allen anderen zusammen – sowohl in der Politik als auch in der Kultur. Dagegen richten sich der Hass des IS und auch der türkische Nationalismus. Vom türkischen Friedensprozess bin ich übrigens sehr enttäuscht, ich erwarte da nicht mehr viel.

Sie selbst haben die Türkei vor knapp 20 Jahren aus politischen Gründen verlassen. Welche Rolle spielt das Exil für ihre Musik, welche Botschaft verbinden Sie mit ihr?

Als ich damals nach Deutschland gekommen bin, habe ich mich das erste Mal frei von Repression und Unterdrückung gefühlt. Ich musste mich aber auch mit Identitätsfragen beschäftigen: Was will ich, wer bin ich etc. Ich habe hier gelernt, auf meine innere Stimme hören zu müssen, und das hat meine Kunst stark ge- prägt. Zum anderen habe ich hier auch eine musikalische Ausbildung machen und fünf Jahre an einem Konservatorium Gitarre studieren können. Ich habe dabei sozusagen meine »westliche« Seite kennengelernt, auch das war prägend. Das Leben und die Ausbildung in Europa haben mir und meiner Musik eine neue künstlerische Tiefe möglich gemacht – ich bin hier mit meiner Musik gewachsen. Das hat auch dafür gesorgt, dass die Menschen meine zazakisch-kurdische Kultur zu respektieren und achten gelernt haben. Und die jetzige Situation zeigt ja, wie wichtig das sein kann. Dabei ist es immer noch so, dass ich in offiziellen Institutionen der Türkei nicht auftreten kann. Dafür haben aber einige bekannte türkische Musiker meine Lieder dort gespielt.

Auch in Deutschland werden mehr Menschen auf die Situation der Kurden aufmerksam und wollen helfen. Was können Kulturschaffende tun – gibt es Solidaritätsprojekte, oder sind welche geplant?

Ein paar wenige Sachen gibt es schon. Aber generell muss ich sagen, dass ich von den deutschen Kollegen mehr Initiative erwartet hätte. Vor allem von linken Musikern. Die Leute könnten zum Beispiel mehr eigene Solidaritätskonzerte organisieren, egal ob nun mit türkischen und kurdischen Musikern oder ohne. Die Benefizkonzerte werden leider fast nur von türkischen und kurdischen Musikern gespielt – das ist sehr schade! Es scheint jedoch generell so zu sein, dass die deutsche Linke nicht mehr so internationalistisch ausgerichtet ist wie früher.

www.mikailaslan.de

Das komplette Interview lesen Sie in der M&R 1/2015, erhältlich ab dem 5. Januar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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