Melodie & Rhythmus

»Aus der schwarzen Dunkelheit«

26.04.2016 15:52
Foto: Picture Alliance / CPA Media CO. LTD

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titelRussische Arbeiterlieder – eine verlorene Tradition
Andrej Ukrainskij

Warum sind ausgerechnet in einem Land mit revolutionärer Vergangenheit Arbeiterlieder fast voll ständig aus der Alltagskultur verschwunden? Arbeiterlieder entwickelten sich auf der Basis eines fortschrittlichen Zweigs des bäuerlichen Volksliedes, das Ideen von Protest und Revolte gegen Ungerechtigkeiten ausdrückte. Die ersten Arbeiter im Russland des 18. Jahrhunderts waren meist unorganisierte Leibeigene, die gezwungen waren, in die industriellen Zentren umzusiedeln. Neben ihrer eigenen Weltanschauung besaßen sie ein Liedrepertoire, das sich unter den neuen Umständen rasch zu wandeln begann. In dieser frühen Phase des Kapitalismus stellten die Lieder der Bergarbeiter der Ural-Region ein signifikantes Beispiel für die Entwicklung eines kollektiven Klassenbewusstseins dar. Sie erzählen nicht von einem individuellen Arbeiterschicksal, sondern von allen Arbeitern mit ihren für alle gleichermaßen schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Fabriken und Zechen, wie etwa in »Unsere Bergarbeit« und »Unser Herz verzagt«.

In einem Zeitraum von 150 Jahren durchlief das Arbeiterlied eine vielseitige Entwicklung – von der Beschreibung des Arbeiterlebens und -schicksals (»Tränen fließen durch das Gold / Mit Blut ausgewaschenes Erz«) über die Anklage von Ausbeutern und Geistlichen (»Du Hurensohn, betrunkener Priester / Lakai von Polizei und Grundbesitzer«) bis zu Aufrufen, den Zar zu stürzen, und Revolutionshymnen. In dem Maße, in dem die Bildung unter den Arbeitern zunahm, verfeinerte sich die künstlerische Produktion: Die Lieder wurden individueller. Wissenschaftliche Literatur und Arbeiterfolklore durchdrangen sich gegenseitig.

Die erste illegale Sammlung »Russische Freiheitslieder« wurde 1863 in Bern von den Narodniki veröffentlicht. Sie richtete sich an Bauern, deren Mehrheit sie jedoch nicht zu schätzen wusste, weil sie noch im Bann zaristischer Illusionen standen. Fortschrittliche Arbeiter dagegen nahmen diese Lieder auf (darunter »Dubinuschka« und »Grundbesitzer haben uns lange drangsaliert«). Seit dieser Zeit wurde Singen ein wichtiger Bestandteil verbotener Versammlungen und immer beliebter. Lenins Kampfgefährtin Maria Essen beschreibt das Treffen einer illegalen Arbeiterorganisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Einmal kam ich zum Unterricht. Das geplante Thema war der Niedergang der einfachen Warenproduktion. Aber die Arbeiter spitzten ihre Bleistifte und baten darum, ihnen die ›Marseillaise‹ oder die ›Internationale‹ zu diktieren: ›Vom Niedergang wissen wir bereits. Lehre uns lieber Revolutionslieder, die wird man brauchen.‹« Die Einrichtung von Arbeitergesangsvereinen trug diesem Wunsch Rechnung.

Sozialdemokraten sorgten für eine starke Verbreitung der Lieder in Zeitungen und selbst editierten Kompilationen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gehörte die Komposition proletarischer Hymnen zu ihren Aufgaben. Eine der ersten und optimistischsten Hymnen – gewöhnlich hat der Heroismus russischer Lieder immer auch eine tragische Seite – war »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit«, geschrieben von Leonid Radin in Gefangenschaft. Entsprechend wurde sie das erste Mal während eines Häftlingstransports gesungen. »Die Wachen waren vollkommen überfordert und wussten nicht, was zu tun war, während die Revolutionshymne weiter ausuferte«, erinnerte sich ein Zeitzeuge. »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« unterstreicht die Einheit der revolutionären Kräfte − im Gegensatz zu dem noch von den Narodniki entworfenen Bild eines »Helden in der Masse«. Heute ist die »proletarische Marseillaise« von der marxistischen Band Arkadiy Kots ideologisch ausgereifter als die »Marseillaise« von Pjotr Lawrow.

Nach der Russischen Revolution spielten die Lieder über den Bürgerkrieg eine wichtige Rolle im Repertoire der Arbeiterlieder. Es ist auffallend, dass die neuen Lieder sich gleichermaßen an Arbeiter und Bauern richteten. Vor der Revolution wurde in den Liedtexten noch auf die Unterschiede zwischen den beiden abgehoben, etwa in dem Lied »Wir sind Brüder«: »Ich schmiedete Säbel, goss das Schrot / Du pflügtest das Land eines anderen / Zum Zeitpunkt unseres unerwarteten Treffens / Hast du, mein Bruder, mich nicht erkannt.« Später, in Zeiten des Zweiten Weltkriegs, wurde eine große Menge an Kampfliedern auch von Arbeitern geschrieben. »Ungefähr die Hälfte der 60 handschriftlichen Textbücher mit Liedern und Gedichten, die in meinem Besitz waren, gehörten in Kriegszeiten früheren Arbeitern«, schrieb ein sowjetischer Volkskundler.

Leider setzten sich sehr bald neue politische Tendenzen durch. Die alten Arbeiterlieder gerieten in Vergessenheit. Sie wurden zwar gesammelt, gedruckt, veröffentlicht, analysiert – aber sie verschwanden aus dem Repertoire sowohl professioneller Interpreten als auch der Amateure und Volkslied-Chöre. Viele Lieder sind nie aufgenommen oder aufgeführt wurden, so dass die Jugend die Wurzeln der russischen Proletarier-Kultur nicht mehr kennengelernt hat. Tatsache ist auch, dass es kein Folk-Revival in der UdSSR gegeben hat, diesen Liedern kein neues Leben eingehaucht wurde und viele von ihnen einfach aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind. Das Leben der Arbeiter veränderte sich rapide. Die große Mehrheit der Widersprüche, die sie einst zum Kampf gezwungen und das Aufkommen entsprechender Lieder begründet hatte, löste sich auf. Nach dem Verschwinden der Bourgeoisie begann ein schrittweiser Abbau des Klassenbewusstseins unter den Arbeitern. Auch diese Entwicklung fand ihren kulturellen Niederschlag. Neue Lieder glorifizierten den arbeitenden Menschen und drückten große Hoffnungen für die Zukunft aus.

Ohne Klassenbewusstsein und ohne eine wehrhafte revolutionäre Kultur traf die Restauration des Kapitalismus nach 1989 die russische Arbeiterschaft ins Mark. Hatte der Kapitalismus im 19. Jahrhundert neben dem Elend der Ausgebeuteten noch historischen Fortschritt gezeitigt, bedeutete er für die Menschen der ehemaligen UdSSR einen herben Rückschlag, der die Wiedererlangung eines Klassenbewusstseins vereitelte.

Dass auch 25 Jahre nach Niedergang der Sowjetunion keine hoffnungsvolle Veränderung in Sicht ist, lässt sich am Beispiel der von den Gelben Gewerkschaften (FNPR) veranstalteten Arbeiterlied-Festivals ablesen. Die Texte der prämierten Lieder würden besser in die Periode der Stalin’schen-Großbauten-Ära des Kommunismus passen. Optimismus und Stolz, die in diesen Liedern zum Ausdruck kommen, waren in der UdSSR nicht verkehrt, heute aber sind sie absolut anachronistisch. Diese Haltung spiegelt den Glauben einer relativ hohen Anzahl von Arbeitern an den »guten Zaren« wider − ähnlich dem der Bauern im 19. Jahrhundert. Erschwerend hinzu kommt, dass wir keine umfassende Information darüber haben, welche Lieder von Arbeitern geschrieben oder gehört werden, noch im Erinnerungsschatz der Arbeiter zu finden sind und welche Lieder sie sich wünschen. Niemand setzt sich mit diesen Fragen auseinander.

Die rar gesäten linken Bands, die Klassenbewusstsein auf ganz anderem ideologischen Level ausdrücken, sind in einer sehr kleinen Subkultur gefangen und den meisten Arbeitern unbekannt. Einzige Ausnahme sind Arkadiy Kots, die die Aufmerksamkeit von mehr und mehr Lohnabhängigen erlangen, weil sie ihre Lieder direkt bei Streiks und Protestaktionen spielen.

Vergangenen Februar kamen bei einer Explosion im Kohlebergwerk Workuta 36 Minenarbeiter ums Leben. In einer breit und sehr emotional geführten Diskussion über diese Tragödie in den sozialen Netzwerken wurde sehr oft ein altes, unter den Einheimischen noch sehr bekanntes und beliebtes Bergarbeiterlied zitiert, das mit einem Aufruf endet, der auch die Losung für einen neuen Aufbruch sein könnte: »Es ist Zeit für die Bergarbeiter, herauszukommen für den Kampf / Aus der schwarzen Dunkelheit.«

Den Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 3/2016, erhältlich ab dem 29. April 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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