Melodie & Rhythmus

»Im Punk geht es um Freiheit – für Menschen und Tiere«

24.02.2015 14:11

Crass
Crass in der Cleator Moor Civic Hall in Cumbria 1984, Foto: Wikipedia

titelTierbefreiung in Punk und Hardcore
Matthias Rude

Wie wird jemand zum politisch engagierten Punk? Um darauf eine Antwort zu finden, hilft ein Blick ins Buch »Shibboleth – My Revolting Life« (1996), der Autobiografie des heute 71-jährigen Penny Rimbaud, den man als Vater der Anarcho-Punk-Bewegung bezeichnen könnte. »Schon in frühester Jugend war mir klar, dass nicht alles in Ordnung war«, lautet der erste Satz des ersten Kapitels. Eine Szene, die sich ihm beim Blick in eine McDonald‘ s-Filiale bot, beschreibt er mit den Worten: »Ein Kind schält sich aus Angst vor dem Clown von seiner Kleinfamilie weg, spürt vielleicht die Tragödie, die sich hinter dieser Scharade der Jovialität verbirgt; das Schlachthaus und die abgeholzten Regenwälder, die chemischen Zusätze und das kränkelnde Vieh, die kühle, berechnende Bosheit, die Müll zur Küche der Popkultur erhöht hat.«

Gegen all das rebellierte Rimbaud. Seine Band Crass – nach der Bowie-Zeile »The kid was just crass« benannt – wurde 1977 als Reaktion auf den Ausverkauf der jungen Punkbewegung durch Gruppen wie Sex Pistols und The Clash gegründet, zu einer Zeit, als man das A im Kreis kaum je außerhalb etablierter anarchistischer Literatur zu Gesicht bekam. Crass machten es zum Symbol einer ganzen Subkultur – einer, die gegen alles anstürmte, was die herrschende Ordnung repräsentierte. Von Anfang an gehörte dazu auch das, was tagtäglich in den Tierfabriken vor sich geht. »Human kind condemns the hunting beast / Yet their own choice leaves behind such ragged meat«, klagt etwa »Sentiment« (1982) an, eines der langsameren Crass-Stücke. Die meisten Texte aber wurden mit so einer extremen Geschwindigkeit vorgetragen, dass sie praktisch unverständlich waren. Aus diesem Grund reiste die Band zu Auftritten stets mit Kisten voll selbstgedruckter Flugblätter, auf denen die Musiker ihre Ideen und Überzeugungen erklärten.

»Bevor über das Internet Dokus über das alltägliche, unfassbare Leid von Tieren in Mast- und Schlachtbetrie- ben für alle zugänglich wurden, war die Punkszene eine wichtige Plattform«, erinnert sich Markus Meißner, Frontmann der 1995 gegründeten Band Kafkas. Gegenüber M&R sagt er: »Für mich gab es einen klaren Zusammenhang zwischen der Philosophie der Punker und dem Einsatz für Tierrechte.« Craig O’Hara bezeichnet in seinem Standardwerk »The Philosophy of Punk« Tierrechte und Vegetarismus gar als »Heftklammern« der politischen Theorie engagierter Punks. Sie »betrachten die Art, wie wir Tiere behandeln, als weitere der vielen schon bestehenden Formen von Unterdrückung«, so O‘Hara. Entsprechend habe es zwischen 1980 und 1985 kaum eine anar chistische Band gegeben, die »kein hungerndes Kind oder kein gefoltertes Tier auf dem Plattencover hatte«. Die schottischen Anarcho-Hardcore-Punks Oi Polloi erklärten diesen Zusammenhang 1985 folgendermaßen: »Bei Punk geht es um Freiheit – für Menschen und für Tiere. Punk richtet sich gegen Diskriminierung, gegen Sexismus, Rassismus, ebenso Speziesismus.«

Tatsächlich hat das, was wir heute als Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung kennen, seinen Ursprung vor allem in der Sub- und Gegenkultur. »Häufig wird behauptet, die moderne Tierrechtsbewegung habe sich in den 1970er-Jahren aus dem philosophischen Nachdenken über den moralischen Status der Tiere entwickelt. Dass sich die Tierrechtsbewegung zu jener Zeit formieren konnte, hatte aber einen anderen Grund: die Protestbewegungen der 1960er-Jahre«, erklärt der Schweizer Publizist und Tierrechtler Klaus Petrus. In England wurde das Konzept der Stadtguerilla zum Vorbild für die 1972 gegründete Animal Liberation Front (ALF). Innerhalb kurzer Zeit bildeten sich international unabhängig operierende Zellen, deren Aktionen – Tierbefreiungen, Sabotageaktionen, Sachbeschädigungen – vor allem in sich als anarchistisch verstehenden Zusammenhängen Unterstützung fanden. Denn die neue soziale Bewegung verstand sich als die ultimative Befreiungsbewegung, die in der Absicht handelte, sämtliche Mechanismen der Unterdrückung auf einmal anzugehen. Das verdeutlicht auch das Schlagwort »Unity of Oppression«, das vor allem im anarchistischen Diskurs in Deutschland der 90er-Jahren eine Rolle spielte. Dass es sich ursprünglich um den Titel eines Songs handelte, zeigt die starke Anbindung der frühen Bewegung an die musikalische Subkultur: »When men and women, straight and gay, whites and non-whites begin to unite when humans can treat non-human species with fairness and dignity, then only then is there unity of oppression«, heißt es auf dem Album »Friendly Fascism« (1991) des US-amerikanischen Industrial-Hip-Hop-Projekts Consolidated.

Die »anarchistische« Einstellung war theoretisch kaum fundiert – Rimbaud meint: »Wenn jemand damals Bakunin erwähnt hätte, hätten wir ihn wahrscheinlich für eine Wodka-Marke gehalten« –, zeichnete sich aber durch eine antikapitalistische Praxis, oftmals sogar ausgeprägtes Klassenbewusstsein aus: »Fresst die Reichen, nicht Tierleichen!«, war seit Ende der 1980er-Jahre auf den Demonstrationen der Tierbefreiungsaktivisten zu hören. In England richteten sich die Jagdstörungen explizit auch gegen den Adel und das Großbürgertum, während Kampagnen gegen Schlachthäuser auch auf die miserablen Arbeitsbedingungen der dort ausgebeuteten Lohnarbeiter aufmerksam machten.

Entsprechend wurde das Thema kaum je isoliert betrachtet. Im Booklet zur Platte »The A.L.F. Is Watching and There’s No Place to Hide« (1988) – einer der vielen Benefizplatten, die veröffentlicht wurden, um Geld für ALF-Aktivitäten zu sammeln – beispielsweise heißt es: »Dieselbe barbarische Einstellung, die zulässt, dass Tausende von Menschen auf den Schlachtfeldern des Krieges nur für die Stinkreichen hingemetzelt werden, ist auch dafür verantwortlich, dass Millionen von Tieren im Namen der Wissenschaft oder für Nahrung, Kleidung etc. ermordet werden.« Da die Tierbefreiungsbewegung teilweise aus der Friedensbewegung hervorging, bestanden thematische und personelle Überschneidungen. »War is not a game«, warnte die Band Conflict auf ihrer ersten EP »The House That Man Built«, die 1982 bei Crass Records, dem hauseigenen Label Rimbauds und seiner Genossen, erschien. Im Jahr darauf veröffentlichte sie das Album »It’s Time to See Who’s Who«, auf dem sich der Song »Meat Means Murder« befand.

Die Botschaft »Fleisch ist Mord« verbreitete sich schnell in der Punkszene; Fanzines richteten Rubriken zum Thema ein, auch in den USA (Flipside, MRR, Hippycore) und in Australien (Fight Back). In Deutschland publizierte das Ox-Fanzine Kochbücher »für die fleischfreie Punkrock-Küche«. Innerhalb der vom Hardcore-Punk geprägten Straight-Edge-Bewegung wurde die vegane Variante sogar zur bedeutendsten Strömung der 90er. Nachdem Vegetarismus im Hardcore zunächst keine Rolle gespielt hatte, machten Youth of Today mit »No More« 1988 den Anfang: »Meat eating flesh ea – ting think about it!« Bald gab es in vielen Ländern VeganStraight- Edge-Bands, etwa in Schweden (Refused, Abhinanda), Portugal (New Winds) und Brasilien (Point of No Return). Auch in Israel organisierten sich Aktivisten im Kontext des anarchistischen Milieus, woraus später Gruppen wie Anarchists Against the Wall hervorgingen. In den USA entwickelte vor allem das von Kurt Schroeder gegründete Label Catalyst Records Vegan-Straight-Edge im Rahmen progressiver sozialer Bewegungen weiter.

Dort formierten sich vereinzelt auch obskur anmutende Bands. So erklärten Earth Crisis aus Syracuse im Bundesstaat New York auf ihrer ersten EP »All Out War« (1992) der restlichen Welt den »totalen Krieg« zum Zweck der »Verteidigung der Unschuldigen«. Linke wandten sich gegen eine solch irrige Auffassung von Militanz und betonten die Notwendigkeit antikapitalistischer Politik im Kampf um Tierbefreiung. So heißt es in dem Song »Burning Bridges« (1994) der kanadischen Band Chokehold: »Violence against one meat eater / Is not going to liberate one million animals / We must take action against those who run the industry / Not the ones lied to.«

Den Artikel lesen Sie in der M&R 2/2015, erhältlich ab dem 27. Februar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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