Melodie & Rhythmus

Der Punk der Rebellion

23.06.2014 14:31

Kellerratten
Foto: Privat

titelRatos de Porão (Kellerratten) beweisen: Metal aus Brasilien, das ist nicht nur Sepultura. Ein Gespräch mit Sänger und Frontmann João Gordo
Maciej Zurowski

Wie beim Punk oft der Fall, begann auch die Geschichte des brasilianischen Hardcore in einem kleinen Ladengeschäft: Fábio Sampaio, später Shouter der einschlägigen Band Olho Seco, eröffnete 1979 im Stadtzentrum von São Paulo Punkrock-Discos (Punkrock-Schallplatten). Mit seinen Vinyl-Importen aus England und Skandinavien – vor allem aber mit den erschwinglicheren Mixtapes, die er selber zusammenstellte – schwor er die lokale Punkgemeinde auf den europäischen Knüppel-Hardcore von Discharge, Chaos UK und Kaaos ein.

Aus diesem Milieu gingen auch Ratos de Porão (Kellerratten) hervor, die sich in wenigen Jahren zur wichtigsten Hardcore-Band Brasiliens mauserten. »Die frühen Hardcore- Punks kamen vor allem aus den Vorstädten von São Paulo«, erzählt deren Frontmann João Gordo im Gespräch mit M&R, »sie rekrutierten sich aus einer Schicht arbeitsloser, gelangweilter und unzufriedener junger Leute.« Die gab es zur Genüge. Schließlich hatte die Militärjunta, die den Neoliberalismus mit offenem Terror durchsetzte, das Land in Grund und Boden gewirtschaftet.

Gordo ist ein jovialer Typ von großer Statur, der sich nie ganz ernst nimmt, aber vor Selbstbewusstsein strotzt. Ohne falsche Bescheidenheit macht er klar, welche Bedeutung seine Musik in der Hardcore-Szene Brasiliens hatte: »Ratos de Porão waren von Anfang an systemkritisch, und schon unser erstes Album ›Crucificados pelo sistema‹ hat in dieser Hinsicht den richtigen Ton getroffen. Meine Musik hat unzählige Menschen inspiriert.«

Leider richtete sich die Rebellion der Hardcore-Kids nicht immer gegen die Mächtigen. »Für junge Punks war es normal, in Gangs umherzuziehen und andere Punks anzugreifen, die aus dem falschen Stadtteil kamen«, erinnert er sich, »und etliche Leute kamen bei diesen Bandenkriegen um.« Wo eine Regierung soziale Ungleichheit und Prügel verabreicht, ist es nicht verwunderlich, dass nicht der versprochene Wohlstand, sondern die Gewalt nach unten durchsickert. Doch Gordo hat dem eine weitere Erklärung hinzuzufügen: »Wegen der Zensur drangen nur wenige Informationen zu uns durch. Deswegen war unsere Vorstellung von Punk-Ideologie sehr rudimentär, und die Punkbewegung in São Paulo wurde vor allem durch den US-Film ›The Warriors‹ beeinflusst.«

Dennoch spürte man in den frühen 80ern, dass sich die Diktatur ihrem Ende zuneigte. Als Ratos de Porão 1982 zwei Beiträge für den Brasilien- Hardcore-Sampler »Sub« aufnahmen, wurden die Stücke noch von den Behörden zensiert. »Als ‹Crucificados pelo sistema› erschien«, so Gordo, »musste Musik nicht mehr durch die Zensur.« Freilich war die Situation für Bands wie Ratos de Porão nach wie vor kein Zuckerschlecken: »Alles war verdammt schwer. Es war schwer für uns, gute Musikinstrumente zu finden. Es war schwer für uns, Alben zu veröffentlichen. Auftrittsmöglichkeiten gab es kaum, dafür Drogen en masse. Andererseits denke ich, dass dir jede Hürde auch viel Feuer verleiht.«

Manchmal begleitet Popkultur sozialen Wandel nicht nur, sondern sie ahnt ihn voraus – und die Aufbruchstimmung der Zeit äußerte sich in einer Explosion subkultureller Kreativität. Zeitgleich mit dem Hardcore-Punk der deklassierten Jugend brachte das Studentenmilieu eine Vielzahl interessanter, mitunter politisch engagierter Post-Punk-Bands wie Mercenárias, Agentss und Fellini hervor – nachzuhören auf der Retrospektive »Não Wave« (2005). Überschneidungen gab es durchaus: »Ich war mit vielen Leuten von Bands wie Mercenárias, Blue 29, IRA, Abstract Rude, Agentss und ICU befreundet«, beteuert Gordo. Und mit der Eröffnung des Madame Satã Night Club bekam die Szene eine Spielwiese, in der sich von Künstlern und Schwulen bis Punks und Journalisten die Gegenkultur von São Paulo traf.

Gordo beschreibt, wie es dort zuging: »Es war ein verrückter Ort, in dem immer die neuesten Post-Punk- und New-Wave-Bands auftraten. Eine nackte Frau saß die ganze Nacht lang in einem Käfig und aß Kohl. Alle waren ständig auf LSD.« Demgegenüber ging vor den Toren des Clubs die selbstzerstörerische Rebellion der Hardcore-Kids weiter: »Draußen gab es immer grenzenlose Gewalt zwischen Punks und Skinheads, und 1984 war es mit der Hardcore-Szene beinahe vorbei.« Bandenkriege und Polizeischikanen hatten ihre Opfer gefordert: Auf die immer sporadischeren Hardcore-Gigs trauten sich nur noch die ganz Hartgesottenen.

Als Ratos de Porão 1985 nach einer längeren Schaffenspause zurückkehrten, war die Junta nicht mehr. Eine Volksfront- Partei, der sowohl Bürgerliche als auch Kommunisten angehörten, hatte die kollabierte Militärregierung abgelöst. Auch bei Ratos de Porão wehte ein neuer Wind: »Die erste große Metal-Erleuchtung«, erinnert sich Gordo, »kam, als in England die ›Warning‹-EP von Discharge erschien. Dann folgte ›To the End of the Earth‹ von English Dogs und ›Power from Hell‹ von Onslaught. Am meisten hat uns aber das Album »Speak English or Die« von S.O.D. dazu bewogen, eine metallischere Richtung einzuschlagen.«

»Crossover« nannte man damals die Genre-Fusion, die Hardcore-Bands ein größeres Publikum und Thrash-Metal- Bands mehr Street Credibility verschaffte. Nach Jahren in einer fast nur noch männlichen, sich ständig bekriegenden Szene bot Crossover sich als Sprungbrett in die etwas konventionelleren Gefilde von Sex, Drugs und Rock’n’Roll an: »Die Gewalt in der Punk-Szene war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und uns den Übergang in die Metal-Welt erleichterte«, bestätigt Gordo, »dort ging es friedlicher zu, und obendrein waren dort die schönsten Mädchen.« Und wie reagierten ihre alten Anhänger? »Nun ja, von den Punks wurden wir als Verräter abgestempelt. Das erste Crossover-Konzert in Lateinamerika fand 1987 in São Paulo statt, als wir zusammen mit Sepultura auftraten. Im Vorfeld gab es viel Streit und Ärger, und wir bekamen jede Menge Todesdrohungen von Skinheads. Aber passiert ist letztendlich nichts.«

Dass Ratos de Porão zu einer apolitischen Metal-Band wurden, bestreitet er: »Die korrupte Politik, sozialen Missstände und Krisen in Brasilien blieben eine Quelle der Inspiration für uns. Ich denke, dass all die Ungerechtigkeiten und Absurditäten die Bands wütender machen, ihnen eine gehörige Portion echten Hass verleihen. Das war zu der Zeit nicht anders.«

Viele soziale Bewegungen blühten auf – wie die der Landlosen. Mit der Lula-Regierung kam schließlich eine Arbeiterpartei an die Regierung, die keinen Geringeren als Gilberto Gil zum Kulturminister machte … und die Arbeiter enttäuschte. Die Klassengesellschaft, die extreme Kluft zwischen Arm und Reich, blieb trotz politischer Freiheiten bestehen. Haben sich seit den 80ern denn irgendwelche Hoffnungen erfüllt? »Nicht wirklich«, antwortet Gordo, »Brasilien ist ein seltsames Land, in dem Gesetze von Dieben gemacht werden und Dieben nützen. Von Hoffnung werde ich erst sprechen können, wenn wir hier eine Revolution haben, und die Gesetze der Diebe über Bord geworfen werden.«

Den Artikel lesen Sie in der M&R 4/2014, erhältlich ab dem 27. Juni 2014 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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