Melodie & Rhythmus

»Never again«

30.08.2016 14:34
Foto: http://opole-z-sercem.manifo.com/nowa-synagoga /wikimedia.org / public domain

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Zur Annäherung experimenteller Musik an das Unbeschreibliche

Shlomi Frige *

Brüche, Auflösung, Leere, Verstörung. Intellektuelle musikalische Auseinandersetzungen mit dem Holocaust verweigern sich oftmals den konventionellen Hörgewohnheiten, weil sie das Unfassbare des Menschheitsverbrechens selbst in den Blick nehmen. Das gilt für die beiden Komponisten John Zorn und Meira Asher, die mit ihren Werken auf drastische und provozierende Weise mit dem Grauen der Shoah konfrontieren: Zorns »Kristallnacht«, eine Komposition in sieben Sätzen, erinnert an die Pogrome in Deutschland vom 9. November 1938 und handelt von »der jüdischen Erfahrung vor, während und nach dem Holocaust«. Als die Premiere 1992 in München stattfand, entfachte sie den Funken für die Entstehung der Radical Jewish Culture. In Ashers sieben Minuten langem Stück »Weekend Away Break« aus ihrem 1999 veröffentlichten Album »Spears into Hooks« steht eine gespenstisch anmutende Einladung in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Mittelpunkt. Beide Komponisten setzen intensiv auf den fragmentierenden Effekt der musikalischen Collage, ihre Stücke nähern sich jedoch dem Holocaust aus unterschiedlichen Perspektiven: Während Zorns Arbeit auf jenes Ereignis abhebt, das den Auftakt zur Ghettoisierung und Vernichtung der europäischen Juden bildete, demonstriert Asher, wie der kulturindustrielle Komplex die Rezeption des Holocausts ideologisch verformt.

In Zorns »Kristallnacht« verschmelzen Klezmer, Jazz und zeitgenössische Idiome mit gellendem Lärm und Sound-Samples. Bezüge zur Verfolgung der Juden gab es bei der Münchner Premiere einige: Die Musiker trugen den Gelben Stern, und die Türen des Konzertsaals waren verschlossen – für das Publikum gab es buchstäblich keinen Ausgang, durch den es hätte entkommen können. Gleich zu Beginn der Vorstellung ertönte das Geräusch eines fahrenden Zuges zur Erinnerung an die Deportationen. Zorns Werk ist befrachtet mit Symbolen und Klängen einer verfolgten Kultur, die nahezu ausgelöscht worden ist: Zu Anfang erklingt traditionelle jüdische Volksmusik. Ihr musikalischer Fluss wird durch historische Samples in deutscher Sprache unterbrochen, dann schlägt NS-Propaganda durch, eine Rede von Adolf Hitler legt sich über die Melodie der Violine. Zudem setzt Zorn in seiner Suite sehr ausgiebig laute Geräusche ein. Der zweite Teil »Never Again« beginnt mit dem drei Minuten dauernden Lärm zersplitternder Fenster, dessen Lautstärke die physische Schmerzgrenze erreicht. Im weiteren Verlauf des Werkes wird die jüdische Folklore in einer weiterentwickelten, veränderten und aktualisierten Form dargeboten. Zorn lebt seine musikalische Radikalität aus und liefert ein neues, dem etablierten gegenläufiges Narrativ: Er zerlegt das Image der jüdischen Volksmusik als Symbol der Diaspora und der Kultur der Opfer und offenbart, wie leidenschaftlich und kühn und offensiv diese Musik sein kann.

Meira Asher wählt eine völlig andere Herangehensweise an die jüdische Katastrophe. »Weekend Away Break« weist Anklänge ans Kabarett auf: Asher übernimmt die Rolle einer Diseuse, die englisch mit einem besonderen französischen Akzent spricht und singt. Wie eine Fremdenführerin versucht sie, uns Zuhörer dazu zu verlocken, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu besuchen und preist es als eine Art Wellness-Resort an: »You awake to the sound of the siren / For another wunderbar day / And you’re gonna forget about breakfast / Because of those games you will play.« Diese zynische Beschreibung wird durch zwei kontrastierende Geräuschkulissen begleitet: Auf die Schläge einer kalt und industriell klingenden Basstrommel mit synthetisch gedehnten Gesangsstimmen folgen Samples von Johann Strauss’ Walzer »Sphärenklänge«. Asher hebt dadurch die (scheinbare) Distanz zwischen Kultur und Barbarei auf. Sie kombiniert das populäre Walzer-Genre mit dem Grauen des Vernichtungslagers − um die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass die Kulturindustrie das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit heteronom als Vehikel des Massenbetrugs und für Kommerz-Zwecke vereinnahmt hat. Dementsprechend bietet Asher uns einen eingängigen Refrain: »Birkenau, Birkenau, Birkenau, rolls off my tongue like a poem now«. Dabei kann es dem Zuhörer sogar passieren, dass er sich beim Mitsummen des Liedes ertappt – ein schockierender Effekt.

* Shlomi Frige lebt in Tel Aviv und ist studierter Kontrabassist und Komponist mit Fokus auf Tanztheater. Seine Kinder-Oper »Moonless Night« feierte im Mai in Jerusalem Premiere.

Den Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 5/2016, erhältlich ab dem 2. September 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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