Melodie & Rhythmus

Kuba ist immer noch unser Zuhause

24.02.2015 14:04

Ibeyi
Foto: Flavien Prioreau

Nach dem Tod ihres berühmten Vaters haben Ibeyi Musik als Schmerz-Ventil entdeckt
Katja Schwemmers

In Kuba waren Naomi und Lisa-Kaindé Díaz lange Zeit nur als Töchter des Buena-Vista-Social-Club-Perkussionisten Angá Díaz bekannt. Doch das ändert sich mehr und mehr, seit die in Paris lebenden Geschwister selbst Musik machen. Ibeyi nennen sie sich, was in der Yorùbá-Sprache »Zwillinge« heißt. Mit ihrem vor allem durch seine eindringlichen Spirituals überzeugenden Debütalbum gelten die beiden schon jetzt als spannendste Newcomer des Jahres. M&R erzählten sie von den vielfältigen Einflüssen in ihrer Musik und ihrer Heimat Kuba.

Naomi und Lisa-Kaindé Díaz sitzen in der Rockstar-Suite des Hamburger Hostels Superbude St. Pauli und plappern aufgeregt durcheinander. Dass die langhaarige Perkussionistin Naomi das impulsive Energiebündel und Partygirl von Ibeyi sein soll, darauf würde man nicht unbedingt kommen. Denn zumindest an diesem Tag steht ihr in Sachen Quirligkeit ihre mit Afro dekorierte Zwillingsschwester, die Sängerin Lisa-Kaindé, in nichts nach. »Naomi benutzt ein schmutzigeres Vokabular als ich«, sagt sie. »Sie weiß, wie man Gangster ist.« Kollektives Gelächter schallt durch den Raum.

»Wir bekommen die Gelegenheit, an vielen Orten und vor vielen Menschen zu spielen. Das macht uns wirklich glücklich. Auch wenn nach unseren Konzerten keine Zeit für wilde Feierei ist.« Seit Richard Russell, der unter anderem Produzent von Damon Albarn und Miteigentümer von XL Recordings ist, die Schwestern in einem Live-Video auf Youtube musizieren sah, hat sich der Alltag von Ibeyi radikal verändert. »Innerhalb von vier Monaten war alles anders. Nach einem Konzert in Paris wurden wir direkt unter Vertrag genommen. Drei Monate, nachdem wir Russell das erste Mal getroffen hatten, standen wir auch schon mit ihm im Studio in London und haben mit den Aufnahmen für unser Debüt begonnen.«

Es ist Ibeyis einzigartige Kombination aus Alt und Moderne, die ihnen ein Alleinstellungsmerkmal verleiht. Elektronik-Samples, Pianoklänge, Perkussion-Instrumente und Spirituals kommen in ihrer Musik zusammen. Viel von ihrer Inspiration entstammt der Yorùbá-Tradition, jenen gebetsartigen Gesängen, die einst aus Westafrika auf den Sklavenschiffen nach Kuba kamen. »Es ist ein kulturelles Vermächtnis. Yorùbá macht einen großen Teil der kubanischen Kultur aus. Diese Musik war auch immer ein integraler Teil unseres Lebens, dank unserer Mutter. Deshalb war es für uns auch ganz natürlich, diese Musik in unsere Songs miteinfließen zu lassen.« Ihre Mutter, die Ibeyi mittlerweile managt, ist venezolanisch und ließ sich recht früh von ihrem Vater Angá Díaz, dem Perkussionisten vom Buena Vista Social Club, scheiden. Als die Zwillinge zwei Jahre alt waren, verließ die Familie Kuba wieder in Richtung Paris, der Stadt, in der sie geboren worden waren.

Mit Musik konnten die heute 20-Jährigen lange nichts anfangen. »Wenn unser Vater uns an Instrumente heranführen wollte, sind wir lieber nach draußen zum Spielen gegangen.« Bis Díaz, der noch mit kubanischen Legenden wie Rubén González und Ibrahim Ferrer auf einer Bühne stand, 2006 selbst verstarb. Naomi und Lisa-Kaindé waren damals erst elf Jahre jung. »Es ist komisch, und vermutlich geschah es unbewusst, aber plötzlich verspürte ich Lust, sein Cajón, eine Art Kistentrommel, zu spielen«, erinnert sich Naomi. Im vergangenen Jahr starb auch noch ihre Schwester Yanira mit nur 29 Jahren an einem Herzinfarkt. Mit der Hinwendung zur Musik haben Ibeyi nicht nur ein Ventil für den Schmerz über den Verlust gefunden – die sehr verschiedenen Geschwister sind sich einander auch näher gekommen. »Im normalen Leben schreien wir uns oft an. Aber auf der Bühne haben wir eine Art der Kommunikation, die keine Worte braucht. Wir ergänzen uns gegenseitig«, meint Lisa-Kaindé. Es geht ihnen um die Musik und nicht um Image, das machen sie deutlich. »Wenn du eine Künstlerin bist, nackt sein und auffällig tanzen willst, dann kannst du das machen, wenn du es wirklich willst. Aber das ist nicht unsere Schiene. Wir twerken nicht. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich Twerken als Tanzform liebe.«

Obwohl sie nur einmal im Jahr nach Kuba zurückkehren, liegen ihnen der Rhythmus und die Kultur des Landes spürbar im Blut. »Kuba ist immer noch unser Zuhause«, meint Lisa-Kaindé. Nachdem US-Präsident Barack Obama im Dezember verkündet hat, dass die USA das Embargo aufheben und nach mehr als 50 Jahren wieder diplomatische Beziehungen mit dem sozialistischen Inselstaat aufnehmen wollen, dürfte sich das Tempo der Veränderung noch erhöhen. »Es ist natürlich einerseits cool, wenn Kuba nicht mehr isoliert ist, weil die Menschen es auch so wollten«, meint Naomi. »Aber auf der anderen Seite bin ich tief erschrocken darüber. Vielleicht ist es egoistisch von mir, aber ich habe Angst vor dieser Veränderung. Es wäre fatal, würde sich Kuba dem amerikanischen Lifestyle unterwerfen.« Zum ersten Mal während des Gesprächs sind die Schwestern ganz ernst. »Kuba muss vorsichtig sein, denn sonst wird es von Amerika geschluckt«, meint Lisa-Kaindé. »Ich meine, die Kubaner haben so viele Jahre für ihre Unabhängigkeit gekämpft. Das ist etwas, dass sie nicht verlieren dürfen. Die Menschen in Kuba haben wirklich gelitten. Es hat so viel Kummer und Elend gegeben. Heute sind sie gebildet und anspruchsvoll.« Auch in Kuba habe mittlerweile jeder ein iPhone, weiß sie zu berichten. Aber noch kennt kaum jemand Twitter oder Instagram. Und wenn es nach Ibeyi geht, darf das auch so bleiben. »Kuba ist auf gewisse Weise unverdorben«, findet Naomi. »Es ist voller Seele und Lachen. Es ist ein Paradies. Die Regierung muss aufpassen, denn alle wollen Kuba haben, weil es so wunderschön ist. Ich hoffe, dass die Regierung es nicht aus Gier nach Dollars weggibt.« Und Lisa-Kaindé sagt: »Wir leben zwar in Paris und haben dort mehr Geld zum Leben zur Verfügung. Aber der Unterschied ist, dass du in Kuba ohne alles überleben kannst. Du lernst zu überleben. Der Kapitalismus lehrt dich das nicht! In Paris gehst du vor die Hunde ohne Geld. Es ist wichtig, dass die Menschen in Kuba wissen, dass Kapitalismus schlechte Seiten hat.«

Ibeyi s/t
XL Recordings
www.ibeyi.fr

Den Artikel lesen Sie in der M&R 2/2015, erhältlich ab dem 27. Februar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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