Melodie & Rhythmus

Sex im Dunkeln

28.10.2015 15:27
Foto: Simon Höfele

Foto: Simon Höfele

Für seine neue Klanginstallation erkundet Mark Barden die Intimität homosexueller Subkultur

Interview: Fabian Schwinger

Im Oktober reüssierte er im Neue-Musik- Mekka Donaueschingen, Ende November erscheint seine erste Porträt- CD: Unter den zeitgenössischen Musikern ist der 34-jährige US-Amerikaner Mark Barden ein gefragter Mann. Mit M&R sprach der offen homosexuelle Komponist über seine neue Arbeit »Dark Room«, die gerade im Goethe-Institut Chicago Premiere feierte und kommendes Jahr in Deutschland aufgeführt wird.

Mark, wie können wir uns Ihre neue Klanginstallation »Dark Room« vorstellen?

Die Idee ist folgende: Ein Besucher betritt alleine einen komplett abgedunkelten Raum. Dort nimmt er zunächst nur ein leises Rauschen wahr. Doch während er sich weiter vorwärts bewegt, entdeckt er acht im Raum verteilte Lautsprecher, die unterschiedliche Klänge hervorbringen – und zwar so leise, dass man mit dem Ohr richtig nah an die Lautsprecher heran muss, um überhaupt etwas zu verstehen. Es entsteht also ein sehr intimes Verhältnis zwischen dem Raum und dem ihn erkundenden Zuhörer.

Und welche Sounds kommen aus den Lautsprechern?

Weil ich meine Klangquellen mit Sinustönen verfremde, dauert es eine Weile, bis der Besucher merkt, dass hier Sexgeräusche zu hören sind. Um die einzufangen, bin ich mit dem Mikrofon in schwulen Darkrooms unterwegs gewesen, wo Männer anonymen Sex miteinander haben. Keine laute Angelegenheit, aber man hört beispielsweise Mundgeräusche, Stöhnen oder das Reiben auf Haut. Ich hoffe, dass manche Besucher meiner Installation diesen Ursprung überhaupt nicht erkennen und ihre Hörerfahrung trotzdem als erotisch einstufen.

Wie sind Sie beim Sammeln Ihres Materials konkret vorgegangen?

Die Mikrofone waren in meine Ohrstöpsel eingebaut, so dass ich mich im Darkroom ganz normal bewegen konnte. Beim Rumlaufen bekommt man schon viel mit, aber für eine gute Aufnahme muss man direkt neben den Liebenden stehen bleiben. Weil vielen Darkroom-Besuchern das bloße Zuschauen gefällt, störe ich gar nicht weiter. Manchmal wird man angefasst, doch es ist kein Problem, sanft zu verstehen zu geben, wenn man nicht mitmachen will. Und lange Zeit passiert in dieser Umgebung auch einfach gar nichts.

Was fasziniert Sie an Darkrooms, dass Sie sie zum Thema einer Arbeit machen?

Im Gegensatz zu den bekannten Dating- Apps können im Darkroom ganz unerwartete Sachen passieren. Ich glaube, es ist von besonderem Wert, dass es Orte gibt, wo man jene Bedürfnisse ausleben kann, die man sich im Alltag – oft über längere Zeit – versagen muss. Gerade deshalb ist der Sex dort zum Teil übertrieben, riskant und extrem. Hier sind noch wirkliche Grenzerfahrungen möglich. Und wir Menschen brauchen diese Erfahrungen – generell, ganz unabhängig von Sexualität.

Um das Treiben im Darkroom rankt sich ja so mancher Mythos …

Meine Arbeit ist nicht sensationsheischend, sondern versucht ein intimes Hörerlebnis zu kreieren. Ich will keine Vorurteile bedienen. Was mich interessiert, ist die Musikalisierung einer authentischen sexuellen Situation. Natürlich habe ich im Club nicht jedem erzählt, dass ich im Darkroom meiner Arbeit nachgehe. Wenn ich dann an der Bar Bekannte traf, die nichts über mein Projekt wussten, wurde mein regelmäßiges Verschwinden im Darkroom entsprechend abfällig kommentiert.

Würden Sie sich als »queeren Komponisten« bezeichnen?

Ich bin auf jeden Fall »out«. Ein anderes Werk von mir heißt »looking for a man to love & fuck«, und der Titel ist bewusst so provokant formuliert, denn sobald du Schwulsein überhaupt erwähnst, ist es vielen schon zuviel. Wenn es um Liebe zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau geht, verdrängt das Gespräch über Homosexualität fast automatisch das eigentliche Thema – die Liebe. Das finde ich frustrierend, deshalb ist der Titel auch so in your face. »Dark Room« wirkt in dieser Hinsicht viel subtiler, weil es um Intimität an sich geht. Das können wohl auch Heteros verstehen.

Das komplette Interview lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 6/2015, erhältlich ab dem 30. Oktober 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Anzeigen

Che: Die ersten Jahre

flashback
logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt am Kiosk!

Anzeige Rosa-Luxemburg-Konferenz

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören