Melodie & Rhythmus

Die jüdische Dimension

30.08.2016 14:07
Kinder auf dem Marktplatz eines galizischen Schtetls (1910) Foto: Picture-Alliance / Imagno / Franz Hubmann

Kinder auf dem Marktplatz eines galizischen Schtetls (1910)
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Juden, Judentum und Musik – im Spannungsfeld des Diasporischen und Nationalen

Das Thema Juden bzw. Judentum und Musik ist vorbelastet. Erörtert hat es zum ersten Mal (pseudo)theoretisch Richard Wagner im 19. Jahrhundert. Was er dabei zuwege brachte, war eine der bissigsten antisemitischen Schriften, die in der Frühzeit des modernen Judenhasses entstanden sind. So voller Vorurteile, klischee- und ressentimentgeladen indes Wagners Polemik war, muss herausgestellt werden, dass ihr ein historisches Wahrheitsmoment innewohnte. Denn der Topos »Judentum in der Musik« war letztlich nicht von der Grundfrage zu lösen, die das Judentum selbst im 19. Jahrhundert umtrieb, namentlich die als »das jüdische Problem« apostrophierte Frage nach der Stellung der Juden in der infolge der industriellen und der Französischen Revolution und unter dem Einfluss der europäischen Aufklärung im Westen sich hegemonial etablierenden bürgerlichen Gesellschaft. Die aus den Ghettos und dem osteuropäischen Schtetl-Dasein sich emanzipierende Judenheit war bestrebt, sich an ihre Residenzgesellschaften zu assimilieren und zu integrieren – eine Tendenz, die sich nicht nur auf das ökonomische, soziale und politische Leben der Juden auswirkte, sondern eben auch auf ihr geistiges und kulturelles. Und weil »die Rückkehr in die Geschichte« vom Bedürfnis, Entbehrtes schnell und intensiv zu kompensieren, angetrieben war, vollzog sich sehr bald eine Dialektik des Emporkommens: Während die akkulturierten Juden sich immer präsenter und dominanter im künstlerischen und kulturellen Leben ihrer jeweiligen Gesellschaft hervortaten, war man antisemitisch bestrebt, ihnen ihr »Jüdisches« vorzuhalten, mithin  – besonders deutlich Wagner – ihnen eine genuine Schaffenskraft prinzipiell abzusprechen. Dass Juden wenig präsent waren in den zentralen Bereichen der schöpferischen Kunstpraxis, hing mit archaischen religiösen Vorgaben (etwa dem jüdischen Bilderverbot) und historischen Ausgrenzungsbedingungen zusammen; dies ließ man jedoch außen vor: Was im Reproduktiven zwangsläufig anerkannt werden musste, stellte man im Produktiven in Abrede. Hervorragende jüdische Geiger und Pianisten? Ja, ohne Zweifel. Nicht aber jüdische Maler und Komponisten.

Wesentlich Jüdisches?

Und doch erhebt sich auch unter Ausblendung der antisemitischen Demagogie die Frage, was unter »jüdischer Kultur«, unter »jüdischer Literatur«, unter »jüdischer Musik« oder »jüdischer bildender Kunst« zu verstehen ist. Eine konventionelle Definition geht davon aus, dass eine Kultur für jüdisch zu erachten sei, wenn sie von Juden gemacht ist. Entsprechend würden Mendelssohn, Heine, Marx, Freud, Einstein, Mahler und Modigliani der westlichen jüdischen Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts zugezählt werden. Eine solche Definition würde die Frage außer Acht lassen, ob der betreffende Künstler oder Intellektuelle sich selbst als Jude angesehen hat oder ob ihm sein Judentum unter repressiven historischen Umständen gegen seinen eigenen Willen aufgezwungen worden ist. Eine andere Definition von Kultur als »jüdisch« bietet sich an, wenn sie Juden, Judentum bzw. – allgemeiner – jüdische Materialien zum Gegenstand hat; eine solche Definition würde Einstein ausnehmen, aber auch Zweifel hinsichtlich der schieren Existenz einer jüdischen Dimension im Werk von Mendelssohn, Mahler oder Modigliani und im Hinblick auf den sehr spezifischen Zugang zum jüdischen Motiv im künstlerischen bzw. philosophischen Werk von Heine, Marx und Freud aufkommen lassen.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 5/2016, erhältlich ab dem 2. September 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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