Melodie & Rhythmus

Unwille zur Empathie

28.12.2015 14:09
Foto: Oliver Feldhaus

Foto: Oliver Feldhaus

Rapper Kaveh übt scharfe Kritik an der deutschen Hip-Hop-Kultur

Interview: John Lütten & Matthias Rude

Kaveh aus Berlin hat in der Vergangenheit bereits mit antirassistischem und antiimperialistischem Politrap von sich reden gemacht. Mit M&R sprach der überzeugte Internationalist über sein viertes Album »Gegen den Strom«, die Entpolitisierung der Hip-Hop-Kultur und den »antideutschen« Rollback linker Subkultur.

Ihr Album beginnt mit dem Song »Augenblick«, in dem es um Alltagsrassismus geht: »Du kennst ihn nicht, diesen ›Scheiß Kanake!‹-Blick / Sonst würdest du nicht wollen, dass man einige nach Hause schickt«, heißt es darin. Was denken Sie über die aktuelle »Flüchtlingskrise«?

Der Song ist eine Replik auf den Rapper Harris und schon älter. Leider ist sein Inhalt noch aktuell. Darum ist er der erste Track des Albums. Rassismus hat Tradition in Deutschland. Die jüngsten Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zeigen, wie viel faschistisches Gedankengut es gibt – nicht nur bei extremen Rechten, sondern auch in der »bürgerlichen Mitte«. Rassistische Stimmung hat Hochkonjunktur. Die Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle, weil sie einseitig über Flucht, Asyl und Migranten berichten und Ressentiments befeuern. Darum demonstrieren Leute gegen Asylbewerberheime statt beispielsweise gegen Bankenrettungen, für die viel mehr öffentliche Gelder aufgebracht wurden. Auch über Fluchtgründe wird kaum geredet: Es sind vor allem Militärinterventionen von NATO-Staaten, vor denen Menschen fliehen. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Sei es durch Waffenlieferungen oder durch direkte oder logistische Beteiligung an imperialistischen Kriegen.

Sie wurden in Teheran geboren, haben die Kindheit in Paris verbracht, in Kanada und Spanien gelebt und auf Englisch, Französisch, Persisch und Spanisch gerappt. Heute leben Sie in Berlin. Was bedeutet das für Ihre Musik – und wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich sehe mich als iranischen Berliner. Hier habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. In der Tat habe ich verschiedene Identitäten, weil ich in mehreren Kulturen verwurzelt bin. Ich sehe aber keine Notwendigkeit, mich festzulegen, sondern will verschiedene progressive Momente verbinden. Migrantischen Kids will ich vermitteln, dass es kein Problem ist, in mehreren Kulturen zu Hause zu sein – es ist okay, zu sagen: »Ich bin Türke und Deutscher.« Man sollte unterschiedliche Einflüsse als Bereicherung sehen. Das will ich in meiner Musik ausdrücken, in der ich auch meinen eigenen Erfahrungshintergrund verarbeite.

Deutscher Rap ist gerade so populär wie nie zuvor. In dem Song »Therapie« äußern Sie sich kritisch und sagen, Hip-Hop sei »in Deutschland auf dem Tiefpunkt«. Was stört Sie?

Die völlige Entpolitisierung und die Abkehr von den Werten dieser Kultur. Rap war ursprünglich immer politisch, er war die »Zeitung der Straße« – eine subversive Kultur, mit der sich die Unterschicht ein eigenes Medium schuf. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung Ende der 1990er ging es bald nur noch um Gangsta­ oder Party­Rap, und Rap wurde immer diskriminierender – gewaltverherrlichender, sexistischer, neoliberaler. Werte wie Respekt oder Glaubwürdigkeit spielen heute kaum noch eine Rolle. Im deutschen Rap geht es fast nur noch darum, so schnell wie möglich Geld zu verdienen. Es ist aber auch eine Gegenbewegung festzustellen: In den letzten Jahren gibt es wieder mehr politischen Rap, die linke Rap­Szene wird wieder stärker.

Ihre Texte zeugen von einer internationalistischen Einstellung, für die Sie in der Vergangenheit schon attackiert wurden. Das Musikvideo zum Song »Antideutsche/Tahya Falastin«, das Sie zusammen mit der Rapperin Thawra aufgenommen und vergangenen Oktober veröffentlicht haben, hat besonders aggressive Reaktionen hervorgerufen. Offenbar haben Sie einen Nerv getroffen.

Definitiv. Ich war selbst verwundert, denn wir hatten erwartet, dass so ein Song eher ignoriert oder belächelt werden würde. Aber die Angriffe zeigen, dass die »Antideutschen« völlig den Kopf verloren haben. Mit unserem Projekt wollten wir ihren Anfeindungen etwas entgegensetzen und auf ihre Demontage linker Positionen hinweisen. Außerdem wollten wir erreichen, dass sich Leute positionieren. Das ist uns gelungen. Dabei mussten wir feststellen, dass das Verhalten mancher Musiker aus dem linken Milieu sehr schwach war. Interessant ist nicht nur, wer sich geäußert hat, sondern auch, wer geschwiegen hat.

Ihnen schlug viel Hass entgegen. Sebastian Bartoschek von dem Blog Ruhrbarone bezeichnete Sie als »Kebab« und »Tinderella Thawra«; an anderer Stelle wurden Sie als »Perser-Nazi« und »Pali-Nazi-Schlampe« beschimpft, denen man »die Fresse polieren« sollte. Filou vom Berlin Boom Orchestra wollte bei Ihnen gar die Logik eines »Auschwitz-Kommandanten« ausgemacht haben.

Was bei Filou los ist, wenn er iranischstämmige Migranten mit Auschwitz­Kommandanten vergleicht, sollten Sie besser ihn selbst fragen. Mir zeigen solche Reaktionen, dass die, die wir kritisieren, inhaltlich nichts vorzuweisen haben. Das liegt auch daran, dass wir uns in unserem Song von der Hamas und antisemitischen Verschwörungstheorien distanzieren und eine linke Perspektive auf den »Nahostkonflikt« fordern. Bei unseren »Kritikern« sind deutsche Befindlichkeiten am Werk – das sehen Sie auch an den Nazi­Vergleichen –, die sie blind für die Situation der Palästinenser machen. Manchmal nimmt dieser spezifisch deutsche Unwille zur Empathie aggressive Züge an, was – wie bei Filou – auch zu Entgleisungen gegenüber jüdischen Linken führen kann.

Sie schrieben auf Facebook, erschreckend sei die Beobachtung gewesen, dass viele sich mit »antideutschen« Positionen identifizieren würden, ohne dieser Strömung anzugehören. Was heißt das?

»Antideutsche« Positionen gehören in der Linken längst zum Common Sense. »Antideutsche« sitzen an Schlüsselpositionen und entscheiden – wie in der Partei Die Linke – über Ressourcen, Fördergelder und Räumlichkeiten. Viele begreifen nicht, dass eine Art Modernisierung stattgefunden hat: Die Hardliner, die sich um die Zeitschrift Bahamas sammeln, sind kaum noch ein Problem. Gefährlicher sind die vermeintlich Gemäßigten, die etwa Teile des Ums­Ganze!­Bündnisses versammeln. Sie machen Antira­ und Antifa­Arbeit, verbreiten aber rassistische Stereotype über Palästinenser und Araber oder brandmarken Kritik an Kapitalisten als »strukturell antisemitisch«. Unter dem Deckmantel linker Politik werden Antiimperialisten und Friedensaktivisten gemobbt. Wer sich dagegen ausspricht, gilt als Spalter.

Unter dem Schlagwort »Zeckenrap« finden sich antirassistische und antisexistische Hip-Hop-Musiker wie Sookee und das TickTickBoom-Kollektiv, Jennifer Gegenläufer, das Label Springstoff. Aus deren Reihen wurden Sie aber nicht nur nicht in Schutz genommen, sondern ebenfalls attackiert. Gelten doppelte Standards, wenn es »die Richtigen« trifft?

Leider ja. Wenn die Antilopen Gang im Interview davon spricht, Blockupy­Demonstranten verprügeln zu wollen, lässt man das als Metapher durchgehen. Bei uns und anderen linken Musikern greift man einzelne Zeilen oder Video­Sequenzen heraus und interpretiert absurde Dinge hinein. Wenn ich Russia Today, einem Fernsehsender, der – da sollte man sich nichts vormachen – die Interessen des russischen Imperialismus vertritt, ein Interview gebe, wird das skandalisiert. Wenn die Antilopen Gang in der Tagesschau auftritt, die das Sprachrohr der deutschen Bourgeoisie ist, wird das zum kritischen Statement verklärt. Daran sehen Sie die Doppelmoral dieser Szene. Unser Song hat bewirkt, dass sich Leute wie Sookee, Filou oder Jennifer Gegenläufer zu erkennen gegeben haben. Sie vertreten »antideutsche« Positionen oder sind künstlerisch, politisch und ökonomisch zu sehr von ihrer Szene abhängig, als dass sie sich trauten, Flagge zu zeigen.

Kaveh Gegen den Strom
Digitale Dissidenz
facebook.com/kavehtracks

Das Interview lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 1/2016, erhältlich ab dem 30. Dezember 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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