Melodie & Rhythmus

Letzter Vorhang für Linkes Theater?

26.09.2017 14:17
Foto: DPA / Paul Zinken

Foto: DPA / Paul Zinken

Kritiker sehen in der neoliberalen Zurichtung von Spielstätten den Verlust einer originär gesellschaftskritischen Institution

»Gutes Theater ist immer linkes Theater.« Wie sehr das von Grips-Theater-Gründer Volker Ludwig zur Prämisse erhobene Programm der Emanzipation und kritischen Aufklärung die Diskussionen um den Umbau der Stadttheater-Landschaft bestimmt, zeigt sich im oft bemühten Bild der »feindlichen Übernahme« der Institutionen durch einen die neoliberale Kulturagenda durchsetzenden Manager. So befürchteten die Unterzeichner des Offenen Briefs vom Juni 2016, der sich gegen die Ernennung von Tate-Direktor Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne wandte, einen substanzlosen, da politisch indifferenten Spielplan: »Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.« Drohen sich die Spielstätten hierzulande ihrer kritischen Perspektive auf die Gesellschaft und oppositionellen Haltung zum schlechten Bestehenden vollständig zu entledigen? Wir lassen folgende These diskutieren:

Linke Positionen werden systematisch aus den Spielplänen deutscher Theater verbannt.

PRO

Wiederholung des neoliberalen Arbeitsregimes

Die neoliberale Ideologie ist heute so tief in das Denken und Fühlen eingesunken, dass die Menschen selbst fleißig an Flexibilität und Eigennutz arbeiten. Die Theatermacher bilden hier keine Ausnahme, nur verstehen sie es teils hervorragend, ihre neoliberale Agenda unter dem Mäntelchen linker Theorien zu verstecken.

Bernd Stegemann ist Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin und Dramaturg am Berliner Ensemble. Zu seinen Publikationen zählen »Die Kritik des Theaters« (2013) und »Das Gespenst des Populismus« (2017).

CONTRA

Neue Räume für kritische Positionen

In der heutigen Zeit scheint politische Kunst wichtiger denn je – und ihre Wirkkraft zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Zensur. In Russland wird Regisseur Kirill Serebrennikow verhaftet, in Ungarn werden kritische Theaterleiter abgesetzt und durch linientreue Manager ersetzt, in den USA die ohnehin geringen Kulturförderungen eingeschrumpft. Aber werden linke und systemkritische Positionen tatsächlich aus den Spielplänen deutscher Theater verbannt?

Amelie Deuflhard ist seit 2007 Intendantin von Kampnagel in Hamburg, Europas größtem Produktionszentrum für die freien darstellenden Künste. Mit EcoFavela Lampedusa Nord initiierte sie 2014 einen Lebens- und Aktionsraum für Geflüchtete. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen.

Die kompletten Debattenbeiträge lesen Sie in der Melodie & Rhythmus 4/2017, erhältlich ab dem 29. September 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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