Melodie & Rhythmus

Der Fährmann

29.12.2025 10:15

Nekrolog auf Rolf Becker als politischen Künstler

Porträt von Schauspieler Rolf Becker

Foto: Gabriele Senft



Susann Witt-Stahl

Nun ist Rolf Becker nicht mehr da und so präsent wie selten zuvor. Denn mit der Trauer setzt die Bewusstwerdung der Dimension des Verlusts ein. Er fehlt so sehr, auf allen Ebenen – jetzt schon. Zu den tragischsten Momenten gehört, dass mit dem Tod von Rolf Becker ein hervorragender Vertreter einer politischen Kunstwelt in diesem Land abgetreten ist, die von immenser Bedeutung ist als Einspruchsinstanz – und nicht zufällig seit der großen Zeitenwende in ihrer Existenz bedroht.

Der Gedanke, dass der große Schauspieler und Brecht-Interpret nun nicht mehr leibhaftig zu erleben sein wird, ist schwer erträglich. In ein finsteres Loch blickt man gar, wenn man der Rolle gewahr wird, die er in der gesellschaftlichen Linken spielte und die sinnbildlich in der Hauptfigur des Stückes erfahrbar wurde, mit dem er eine Schlusskadenz seines Lebens als marxistischer Künstler setzte, der beharrlich am Weltveränderungspostulat festhielt: der alte Fährmann Charon in »Das Floß der Verdammten« – einer Hommage an das nach dem Gemälde von Théodore Géricault benannte Oratorium »Das Floß der Medusa« des Komponisten Hans Werner Henze von 1968, die auf Initiative des Kulturmagazins Melodie & Rhythmus (M&R) entstand und auf dessen Künstlerkonferenz 2019 Premiere feierte, mit Musik von Hannes Zerbe und Ernst Schnabels Originallibretto in einer Bearbeitung von Rolf Becker.

Wie Charon in der griechischen Mythologie alle Sterblichen über den »Fluss des Schmerzes« in das Totenreich bringt und Auserwählte nach Elysion in die Unsterblichkeit rettet, hat er mit seinem Schaffen unermüdlich gegen das Vergessen gerudert. So widmete er unzählige Lesungen dem Leiden der Verfolgten, Geschundenen, Ermordeten und Gefallenen – den Opfern in den KZs, Stalags und im Vernichtungskrieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion. Das tat er oftmals an Gedenkorten, wo Hammer und Sichel wie andere Symbole der einstigen Befreier verbannt wurden. Becker begriff diese Repressalien als erinnerungspolitischen Vorschein einer (nicht unmaßgeblich von Deutschland vorangetriebenen) Eskalation des Stellvertreterkonflikts in der Ukraine, die, wie er in seiner Rede am 1. September 2022 auf dem Ehrenfriedhof für sowjetische Gefangene in Stukenbrock bemerkte, »die Unermesslichkeit des in den zwei Weltkriegen Erlittenen noch zu übersteigen droht«. Er gab auch den Gequälten in der Colonia Dignidad, in Guantánamo, Abu Ghraib und anderen Folterstätten des NATO-gestützten Imperialismus eine Stimme. »Das Mitleid der Unterdrückten mit den Unterdrückten ist unentbehrlich«, mahnte er mit Brecht und geballten Fäusten. »Es ist die Hoffnung der Welt.« Er hat immer darauf geachtet, die nach Ende des Realsozialismus marginalisierten Künstler und Intellektuellen des proletarischen Internationalismus, der Antikriegsbewegung und des Antifaschismus zu Wort kommen zu lassen – Pablo Neruda, Erich Mühsam, Kollegen wie Dietrich Kittner, Franz Josef Degenhardt und andere mit »Gütesiegel Fernsehverbot«.

Mit dem »Floß der Verdammten« schlug Becker aber auch eine Gedächtnisbrücke zu dem 1967 ermordeten Revolutionär Che Guevara, dem Henze und Schnabel damals ihr Werk als Requiem gewidmet hatten. Che Guevara hatte in seiner Arbeit »Der Sozialismus und der Mensch in Kuba« den Kampf gegen die Entfremdung als wesentliche Aufgabe der Kunst betrachtet. Genau das war das Leitmotiv eines anderen Künstlers, den Becker während der 1960er-Revolte kennengelernt und an dem er sich in nicht wenigen Belangen orientiert hatte: Erich Fried. »Immer anteilnehmend« und auf das »fraglos Hingenommene« aufmerksam machend, wie es der marxistische Dichter ausdrückte, lüftete Becker sein Künstlerleben lang die zunehmend dichten Ideologieschleier der kapitalistischen Gesellschaft – stets mit Sorgfalt und Langmut, bis die Wahrheit ans Licht kam.

Die Wahrheit ist immer konkret

Die Wahrheit hatte für Rolf Becker, als einen der wenigen zeitgenössischen Künstler, die historischen Materialismus noch produktiv mit Kunst zu vermitteln wissen, einen Zeitkern und war immer konkret. Und so versuchte er, mit größtmöglicher Präzision die Verhältnisse zu analysieren und zu erfassen, dabei immer eingedenk der Erkenntnis Lenins, dass »jede abstrakte Wahrheit zur Phrase wird, wenn man sie auf jede beliebige konkrete Situation anwendet«.

Besonders genau studierte Rolf Becker das jeweils historisch spezifische Verhältnis zwischen Faschismus und imperialistischem Krieg. Als Künstler, der in seiner Kindheit beides in der bisher schlimmsten Erscheinungsform und in seiner Jugend die Restauration und Rehabilitation der alten Nazis hatte erleben müssen, erkannte er früh die Warnzeichen und beobachtete den (bereits nach dem Maidan-Putsch in der Ukraine 2014 eingeleiteten) militaristischen Staatsumbau mit hellwachen Augen. Den Demagogen, die seit dem von der deutschen Reaktion vollzogenen Strategiewechsel immer häufiger für Kriege im Namen des »Antifaschismus« werben – derzeit mit Verve gegen den »neuen Hitler im Kreml« –, hielt er bereits 2009 in einem Beitrag mit dem Titel »Faschismus – ein Weg aus der Krise?« für die Zeitschrift Ossietzky den Spiegel vor: »So tritt eine einstmals große und revolutionäre Ideologie in der niedrigsten Form gemeinen Schwindels, frechster Bestechlichkeit, brutalster Feigheit, eben in faschistischer Form, zu ihrem Endkampf an, und der Bürger verlässt den Kampfplatz nicht, bevor er seine allerdreckigste Erscheinungsform angenommen hat«, zitierte Becker aus Brechts »Aufsätze über den Faschismus« mit Verweis auf die »Lügen zur Begründung des ersten Angriffskrieges unter Beteiligung der seit 1989 ›wiedervereinigten‹ Bundesrepublik Deutschland gegen Jugoslawien«. Darüber hinaus begegnete er damals schon mit Argwohn dem heute immer lauter tönenden Gerede von »notwendigen Einschränkungen« der bürgerlichen Demokratie, um die »angeblich gefährdete Demokratie zu schützen und zu erhalten«, das in Wahrheit die Radikalisierung der Klassenherrschaft meint. Mit Klarheit und ebenfalls mit Brecht bezog er Position gegen den falschen idealistischen Antifaschismus, der vom ökonomischen Machtgefüge abstrahiert, gegen den Faschismus ist, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, und barbarische Zustände bejammert, die angeblich von Barbarei kommen (und das ausschließlich in Ländern, die vom westlichen Imperium als Feinde markiert werden). »Der Ausweg ist wie die Wahrheit konkret«, notierte Rolf Becker. »Die Eigentumsverhältnisse ändern! ›Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt‹ (Erich Fried).«

»Schönheit, niemals verriet ich sie«

Ein Wesenskern jeder an der großen Veränderung arbeitenden Kräften Ausdruck gebenden revolutionären Kunst ist nicht nur die realistische Darstellung der Wirklichkeit, sondern die Überwindung der Wirklichkeit durch die Wahrheit – besonders über die menschlich eingerichtete Welt mit einer befreiten Gesellschaft, die aber noch fern ist. Das meinte Erich Fried, als er zur »Rettung der Welt vor der Wirklichkeit« aufrief. »Die Schönheit, niemals verriet ich sie«, ergänzte Rolf Becker ihn mit Worten aus einem Gedicht von Jannis Ritsos. Der »Begriff der Schönheit« des griechischen Lyrikers und Kommunisten, so Becker, »beinhaltet die Möglichkeit einer Welt, die wir im Moment nicht vorfinden, für die wir uns aber weiterhin einsetzen werden«. Auf dieser Basis rang Rolf Becker für eine Ästhetik des Widerstands gegen die falsche Wirklichkeit – bis ganz zuletzt.

Um mit der Kunst Wahrheiten zu sagen, die das Bestehende transzendieren, bedarf es Formen nicht als Hüllen, sondern als »wahres Soziales« (Georg Lukács). In Rolf Beckers Schaffen verbanden sich Inhalt und Form, durch mehr als ein halbes Jahrhundert lange Aneignung marxistischer Wissenschaft und Weltanschauung sowie durch professionelle Ausübung eines von der Pieke auf gelernten Handwerks, zur nahezu perfekten Einheit. Nur, wer diese verinnerlicht hat, kann das »Kommunistische Manifest« und Charons letzten Satz in »Das Floss der Verdammten« – »Die Überlebenden aber kehrten in die Welt zurück: belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen« – so herausdonnern, dass das Publikum die in Walter Benjamins siebter geschichtsphilosophischer These festgehalte Wahrheit über die kämpfende Klasse als Subjekt historischer Erkenntnis in ihrer ganzen Tragweite rational wie emotional begreifen kann: Nicht an der Idee einer besseren Zukunft – vielmehr am Eingedenken der blutigen Niederlagen der unterdrückten Klasse in der Vergangenheit nähren sich die Revolutionäre von morgen. Rolf Becker kannte den nur scheinbar feinen, aber letztlich entscheidenden Unterschied zwischen heroischem Pathos und revolutionärer Emphase sehr genau und wusste, dass dieser mit dem Unterschied zwischen oben und unten identisch ist. Überwältigungsästhetik, Nostalgieseligkeit und Kitsch – Kunst als Rauschmittel und Blendwerk waren ihm ein Graus. Dem unwahren Ganzen des vulgärgesamtkunstwerklichen Prinzips setzte er das Fragmentarische, Unvollkommene, Gebrochene und Zerbrechliche entgegen – stets das, was die Widersprüche aufdeckt statt sie tröstend zu verhüllen.

Sensibel, wie er war, reagierte er auf Theaterintendanten und -regisseure, die willfährig gegenüber der brutalen Wirklichkeit von Wiederaufrüstung und Militarisierung der Wahrheit die Flügel stutzen. Wütend machte ihn, wie immer wieder in Gesprächen zu spüren war, wenn nicht einmal bei der künstlerischen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit halt gemacht wurde. Zum Beispiel wurden wiederholt für Neuinszenierungen von Peter Weiss’ »Die Ermittlung« über den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965, die Namen der Industriekonzerne (Siemens, Krupp etc.), die längst wieder nach »Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln« (Brecht) trachten, aus dem Text entfernt – zum Schutz der Täterkartelle und Hauptprofiteure eines Systems, in dem »der Ausbeutende in bisher unbekanntem Grad/ seine Herrschaft entwickeln durfte/ und der Ausgebeutete/ noch sein eigenes Knochenmehl/ liefern musste«, wie es in Weiss’ Stück heißt. Die Unwahrheit ist eben immer inkonkret. Je bedrückender und trostloser die deutschen Zustände, desto plumper kann sie walten. »Zieht gen die großen Räuber jetzt zu Felde/ und fällt sie allesamt und fällt sie bald/ von ihnen rührt das Dunkel und die große Kälte/ sie machen, dass dies Tal von Jammer schallt« – dass dieser Teil des Schlusschorals der »Dreigroschenoper« für am reaktionären Zeitgeist ausgerichtete Inszenierungen einfach gestrichen wird, war für Becker pure »Lumperei«.

Solche Kastration und Konsumierbarmachung des Nonkonformen konterte er regelmäßig mit Kampfansagen des bewegten Brecht an die herrschende Klasse: »Es kommt der Tag, da wird sich wenden/ das Blatt für uns, er ist nicht fern«, rezitierte Rolf Becker 2017 in Hamburg auf einer LKW-Ladefläche stehend für die gegen den G20 demonstrierende Masse eine nachträglich ergänzte Strophe von »Mutter Courage« – auch in Reaktion auf die Polizeigewaltexzesse und Grundrechtsverletzungen –, die mit einem unmissverständlichen Appell endet: »Drum wer mit uns noch nicht marschieret/ der mach sich auf die Socken nun.«

»Zeit der Verleumder«

Das haben die politische Klasse und die sie tragenden Medien weggeblendet. Nicht verziehen hat man Rolf Becker seine Solidarität mit den unterdrückten Palästinensern und ihrem Widerstand gegen die israelische Besatzung. Bei der Verleihung des Rosa-Luxemburg-Preises am 12. April 2025 durch junge Welt (jW) und M&R in Berlin ließ er sich mit einer Kufiya ablichten, die ihm seine Genossen umgelegt hatten – ein Zeichen, mit dem er den von ihm dort formulierten Protest gegen das affirmative Schweigen zum Massenmord in Gaza, auch der hegemonialen deutschen Linken (vor allem der Führung der Linkspartei, Gewerkschaften, VVN-BdA etc.), für alle sichtbar unterstrich.

Als regelrecht suspekt galt dem deutschen Establishment Rolf Beckers tiefe Verbundenheit mit jüdischen Marxisten. Diese drückte er auf Veranstaltungen wie »Losgelöst von allen Wurzeln …« aus, organisiert und in einem Film dokumentiert von M&R, für die er 2016 die Musikerin und Holocaust-Überlebende Esther Bejarano sowie den Historiker und Sohn von Auschwitz-Überlebenden Moshe Zuckermann auf einer »Wanderung zwischen den jüdischen Welten« begleitete. Mit großer Sorge betrachtete Becker die wachsenden Anfeindungen gegen jüdische Antizionisten, die Einspruch gegen den Landraub und Siedlerkolonialismus in Palästina erhoben.

Schauspieler Rolf Becker auf der Bühne

Foto: Gabriele Senft



Ein Grund mehr für ihn, Lesungen von Werken Erich Frieds zu halten. Dieser war bereits nach der philosemitischen Kehrtwende für eine deutsche Staatsräson der »Israelsolidarität« ab den 1950er-Jahren – mit der sich der deutsche Imperialismus den ersehnten welthistorischen Persilschein verschaffte – aus demselben politischen Lager als »roter Antisemit« verfemt worden, das ihn 1938 als »Saujud« zur Flucht aus Wien getrieben hatte. Bald wurde auch Rolf Becker vor allem von »Antideutschen« mit perfider Hetze überzogen; schon bevor er 2018 auf der nach einem Gedicht von Erich Fried betitelten und dessen Andenken gewidmeten Konferenz »Zeit der Verleumder« in Berlin auftrat. Kein Wunder, entpuppten sich diese Kreise doch sukzessive als glühende Bewunderer der zionistischen Erscheinungsform des Faschismus, »würdige« Nachfolger des anachronistischen Zugs des Globke-Staats BRD und Bannerträger deutscher Kontinuitäten in der zur militärischen Führungsmacht der EU aufsteigenden Berliner Republik, vor denen Fried und Becker gewarnt hatten.

Um diese Wahrheiten zu Gehör zu bringen, hat sich der Künstler, der auf nahezu allen renommierten Theaterbühnen dieses Landes gestanden und an Filmproduktionen mitgewirkt hat, die Kino- und Fernsehgeschichte schrieben (»Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, »Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck« etc.) nie gescheut, in Kneipenhinterzimmern, am Stadtrand oder in der Provinz aufzutreten – vor allem wenn Veranstaltern adäquate Räume verweigert wurden. Das geschah 2021 in Österreich für eine Lesung ausgewählter »Texte gegen Krieg und Entfremdung« von Erich Fried aus Anlass von dessen 100. Geburtstag. Rolf Becker suchte nie den Konflikt mit denjenigen, die ihn als Genossen nicht (mehr) überzeugten, ging ihm aber auch nicht aus dem Weg, wenn sie sich wie das Gegenteil davon verhielten – so in Graz: »Alle Säle waren von der Leitung der KPÖ gesperrt worden für uns«, berichtete er später bei einem Kittner-Abend in der jW-Maigalerie. »Warum macht die KPÖ das?«, fragte er und gab selbst die Antwort, gewohnt sachlich, nicht auf Stimmungsmache, sondern aus Aufklärung zielend: »Sie ist nur regierungsfähig bei Duldung durch die anderen Parteien in Österreich.«

Der Auftrag

Für Rolf Becker bedeutete eine Loslösung von der Marx’schen Erkenntnis »Die Arbeiterklasse ist revolutionär oder sie ist nichts« Abkehr von »jeglicher Perspektive für eine Weiterentwicklung der Menschheit, für das Erhalten der Schönheiten, die uns auf diesem Planeten noch verbleiben« – Selbstaufgabe. Daher machte er sich weder mit Salonmarxisten gemein, die sich im Grandhotel Abgrund eingerichtet haben, um die Welt der Eliten ungestört von Leid und Not der Verdammten nur verschieden zu interpretieren, um sich von ihr verändern (korrumpieren) zu lassen. Noch erging er sich in Arbeiterdenkmal-Posen oder beteiligte sich am kulturindustriellen Verramschen von sozialistischen und kommunistischen Symbolen als Zierrat. Die Rote-Fahnen-Schwenkerei derer, die schon morgen wieder an den Bier- und Bratwurstständen (standort-)nationalistische Reden der Konzernbosse und ihrer Betriebsratsfürsten beklatschen, empfand er als schaurig. »Diese Fahne ist aus Blut«, forderte er Respekt gegenüber den Abermillionen ein, die in der Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe gefallen sind, um deutlich zu machen: Wo Marxismus, Sozialismus, Kommunismus und deren Kultur zur Phrase werden, perpetuieren sie Konterrevolutionäres.

Angesichts der Verheerungen nach dem »Ende der Geschichte« 1989/90 stand für Rolf Becker als marxistischen Realisten im letzten Lebensabschnitt die recht früh gewonnene Einsicht im Vordergrund, dass die Vorstellung von Kunst als interventionistischer, unmittelbar auf die Verhältnisse einwirkender Macht Illusion ist: Ziel der Kunst könne gegenwärtig nur sein, Kunst überhaupt wieder zu ermöglichen, reagierte er 2012 in einem Interview auf sich deutlich verschlechternde deutsche Zustände, die das »Ausblenden politischer, ökonomischer und sozialer Zusammenhänge« in der Kultur immer weiter vorantreiben. Umso wichtiger war es ihm, sein schauspielerisches Können nicht allein zwecks Broterwerbs als Darsteller in TV-Serienproduktionen einzusetzen; es ging ihm auch darum, in Kontakt und im Austausch mit der Bevölkerung zu bleiben. »Wenn wir nicht geerdet sind, können wir nicht senden.« Dass Rolf Becker als orthodoxer Kommunist hier und da in die Mitte der Gesellschaft hineinfunken konnte, ist vielleicht sein größter Erfolg.

Am 12. Dezember 2025 hat der Fährmann schließlich den Fluss seines eigenen Schmerzes überquert, er wird nicht mehr zurückkehren. Nun müssen andere ans Ruder und den Kampf gegen das Vergessen aufnehmen – nicht zuletzt auch als Akt der Rettung von Rolf Beckers marxistischer Kunstwelt vor der Wirklichkeit. Das ist jetzt der Auftrag. Zumindest für alle, die einen Abschied von ihm nehmen wollen, »der, wie bei allen Menschen, die wir lieben, nicht enden wird« – Worte aus seiner Trauerrede für Esther Bejarano, die er in ein Zitat des Schriftstellers Claus Bremer, eines Freundes und Weggefährten, münden ließ: »Liebe ist Tod des Todes.« In Liebe werden sich alle Rolf Beckers erinnern, die sein Anliegen verstanden haben, allein schon wegen der ergreifend nüchternen Bescheidenheit (resultierend aus der Tatsache, dass er auch das eigene Wirken der objektiven Betrachtung im Lauf der Geschichte unterzog), mit der er kurz vor seinem Tod Bilanz für seine Generation politischer Künstler zog: »Nicht nennenswert, was wir erreicht haben, aber wichtig, dass wir es versucht haben.«

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