Esther Bejarano zum 100. Geburtstag
Moshe Zuckermann
In den vergangenen zwei Jahren musste ich besonders oft an Esther Bejarano denken. Sie, die Schoahüberlebende, die nach 1945 nach Palästina emigriert war und in Israel eine Familie gründete, hielt es mit ihrem kommunistisch gesinnten Mann im zionistischen Staat 15 Jahre aus und kehrte 1960 nach Deutschland, ihrem Geburtsland, zurück. Aber gerade das Israel, dem sie lebensgeschichtlich den Rücken gekehrt hatte, ließ sie nicht mehr los. So erging es den meisten Schoahüberlebenden: Entweder sahen sie im zionistischen Land ihre persönliche »Erlösung« vom erlittenen Horror als Juden und solidarisierten sich mit ihm bedingungslos, gleichsam in Anerkennung der historischen Notwendigkeit einer Staatsgründung von und für Juden. Oder aber sie sahen im zionistischen Staat, der die Legitimation seiner Gründung nicht zuletzt von der den Juden widerfahrenen Genozidkatastrophe ableitete, gerade den Widerspruch zur »Lehre«, die sie selbst aus dem Holocaust gezogen hatten – namentlich in den Auswirkungen des historischen Unrechts, das der Zionismus an den Palästinensern bereits 1948 begangen hatte, und in der israelischen Politik ihnen gegenüber, die nach 1967 im barbarischen Okkupationsregime und der systematischen Knechtung des palästinensischen Kollektivs mündete.
In Erinnerung blieb mir ein Bild von Esther aus dem Jahr 2015, auf dem sie auf der Bühne stehend zu sehen ist, während ihr Sohn Joram und ein anderer Musiker ihrer Band Microphone Mafia ein Transparent mit der Aufschrift »Nie wieder Krieg!« über ihrem Kopf halten. Im Laufe des (noch immer nicht beendeten) Gazakriegs fragte ich mich oft, wie wohl Esther auf ihn reagieren würde, wenn sie noch leben würde. Denn zum einen würde auch bei ihr, die Schreckliches am eigenen Leib hatte erfahren müssen, der 7. Oktober das blanke Entsetzen ausgelöst haben. Zum anderen würde der in Reaktion darauf begonnene Rache- und Vergeltungskrieg der Israelis, der sich zunehmend zu einem Vernichtungskrieg gesteigert und Tod, Elend, Zerstörung und Verwüstung unbeschreiblichen Ausmaßes bewirkt hat, Esther erschüttern und bestürzen.
Überrascht wäre sie aber von dieser Gewalteskalation wohl kaum gewesen. Das »Nie wieder Krieg!«, das sie zum Motto erkor, bezeugt doch gerade ihr Bewusstsein davon, dass das Beschworene einem Wunschdenken entsprang und eher eine Gesinnung repräsentierte als eine anstehende Realität. Esther war zu politisch, um ignorieren zu können, dass der historische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sich mitnichten auf der Bahn seiner politischen Lösung befindet. Schon gar nicht unter den Netanjahu-Regierungen.
Aber selbst sie (wie viele ihrer Gesinnungsgenossen, ich eingeschlossen) hätte wohl nicht ahnen können, dass eines Tages unter der rechtsradikalsten Regierung in der gesamten israelischen Parlamentsgeschichte kahanistische Terroristen und messianisch beflügelte Rassisten an den Schalthebeln des zionistischen Staates sitzen würden – einem verbrecherischen Premierminister verbündet, dem wegen Korruption, Betrug und Veruntreuung der Prozess gemacht wird und der, um seine Macht und Herrschaft zu erhalten, einzig seine persönlichen Interessen verfolgt, die er unentwegt über die Interessen des Staates und die Belange der israelischen Gesellschaft stellt. Auch Esther wäre nicht in den Sinn gekommen, dass der zionistische Staatsführer den Austausch der israelischen Geiseln, die nun in Hamas-Gefangenschaft elend zu Grunde gehen, mit Vorbedacht systematisch vereiteln würde. Gewusst hatte sie aber auf jeden Fall, und zwar schon seit Langem, dass der zionistische Staat, der eben gerade in Kategorien von Immer-wieder-Krieg und mit militaristischem Ethos des »totalen Sieges« denkt und handelt, nicht das historische Versprechen einzulösen vermag, den Juden eine sichere Zufluchtsstätte vor der »Welt« zu bieten.
Glücklich wäre Esther Bejarano darüber nicht gewesen, recht behalten zu haben mit all ihren Befürchtungen, Prognosen und Mahnungen, die von Menschenliebe und Sehnsucht nach Frieden motiviert waren. Am 15. Dezember wäre sie 100 Jahre alt geworden. Vielleicht ist es gut, dass sie diesen Geburtstag nicht mehr begehen kann, dass ihr also die vergangenen Jahre mit allem, was sich in Israel und Palästina zugetragen hat, erspart geblieben sind. Und dennoch – wie schön wäre es gewesen, ihr zu diesem Jubiläum gratulieren zu können und es mit ihr gemeinsam feiern zu dürfen.
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