Feindmarkierung, Vernichtungsdrang und Zerfall der »zivilisierten« Kultur

Kongo – Diese Herren amüsieren sich, Illustration aus Les bourreaux des noirs, L’Assiette au Beurre, 11. März 1905
Foto: imago images / KHARBINE-TAPABOR
Susann Witt-Stahl
In der deutschen Gesellschaft tun sich Abgründe auf. Hass gab es immer. Kommt er von unten, erweist er sich oftmals als ein ohnmächtiges Aufbäumen gegen die erdrückenden falschen Verhältnisse und spiegelt das Versagen der gesellschaftlichen Linken, eine Opposition hervorzubringen, die ihn produktiv macht und in revolutionäre Politik übersetzen könnte. Aber heute hat gallige Hetze ein bisher ungekanntes Maß erreicht. Dämonisierung, Diffamierung, Demütigung, Denunziation, Doxing – kein Mittel scheint zu schäbig, um »Feinde« zu markieren. Waren es vor einigen Jahren vorwiegend noch der marginalisierte »(clan-)kriminelle Ausländer«, »arbeitsscheue Sozialbetrüger« und »linke Krawallant«, stehen nun auch (wieder) die »Barbaren« im Osten und im globalen Süden sowie der auffällig für Frieden und universelle Gültigkeit von Menschenrechten engagierte bürgerliche Humanist auf der Abschussliste.
Der Furor fokussiert auf alles, was als der westlichen »Zivilisation« äußerlich oder irgendwie suspekt identifiziert wird. Migranten aus muslimisch geprägten Ländern, die als »Hamas«, »Terroristen« und »Islamofaschisten«, ebenso jüdische Nicht- und Antizionisten, die als »Antisemiten« gelabelt werden, gelten als vogelfrei. Gleichermaßen zu »Putinisten« erklärte Anhänger der Friedensbewegung oder auch nur Fürsprecher von Verhandlungsdiplomatie zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Allemal sollen Antiimperialisten und palästinasolidarische Linke – deren friedliche Proteste von der Staatsgewalt mit einer selten erlebten Brutalität beantwortet werden – als »fünfte Kolonne« der »Achse der Autoritären« (China, Russland etc.) und deren Fußtruppen, »Hamas«, »Hisbollah« und »Huthi«, ihr Existenzrecht verwirkt haben.
Kaum ein Tabu bleibt noch ungebrochen. Wurden schon vor Jahren Holocaustüberlebende, die nur auf das von den Palästinensern erfahrene Unrecht aufmerksam machten, als »Verräter« angeprangert, artikuliert sich jetzt bereits die Forderung nach Säuberungen des der überlegenen deutschen Kultur Fremden: Unter dem Stichwort »Remigration« wurde unlängst in den sozialen Medien die »Ausweisung« der US-amerikanisch-deutschen Schriftstellerin Deborah Feldman verlangt. Als antizionistische Jüdin richte sie »hier in Deutschland Riesenunheil an gegen Juden, im Grunde genommen gegen die gesamte Zivilisation«, so die Begründung des Urhebers, dessen Zuhause keineswegs die Gosse, sondern das linksliberale Akademikermilieu ist. »Wenn der Jude sich einen Ethnostaat nimmt, wo er die Vorherrschaft seiner eigenen ›Rasse‹ etabliert und dafür Minderwertige verdrängt, unterdrückt, entrechtet etc., dann ist das die Erfüllung des Traumes, der in Deutschland nicht aufgegangen ist«, analysiert Feldman treffend den Geifer, der ihr entgegenschlägt – von fanatischen Israel-Solidarisierern, Philo-Antisemiten, die Juden nicht in der Diaspora, sondern nur als zionistische Krieger im nachträglich für sie gewonnenen »Blitzkrieg« weit weg im Nahen Osten ertragen können. Die atemberaubende Rücksichtslosigkeit der Israel Defense Forces (IDF) ist zum Rauschmittel und »moralischen Kompass« von deutschen Revanchisten geworden, die endlich wieder losschlagen wollen. Erlaubt ist, was dem deutschen Imperialismus, der unter anderem Spezialkräfte der Bundeswehr im gelobten Land zu perfekten Killern ausbilden lässt, gefällt – mittlerweile nahezu alles.
Signifikant für die deutschen Zustände heute ist, dass Mob und Elite sich häufig in einer Person oder Organisation vereint finden und weit hinein in die gesellschaftliche Linke expandieren. Unlängst bezeichnete der Bundestagsabgeordnete und ehemalige thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow die erschütternden Bilder vom Massenschlachten an Kindern in Gaza in einem Interview zynisch als »Hamas-Scheiße« und erging sich in verbaler Erniedrigung junger Aktivisten, die ihr Entsetzen über das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung Ausdruck geben. Die Genozidopfer sollen mit ihren verbrannten Leibern und blutenden Stümpfen nicht die feinen Sinne und das zarte Gewissen der »Zivilisierten« belasten und gefälligst geräuschlos verrecken. »Heul leise!« ist auf X und anderen Kanälen zum geflügelten Wort geworden. Das ist nicht zuletzt ein Phänomen grassierender »roher Bürgerlichkeit«. Diese ergebe »sich aus dem Zusammenspiel von glatter Stilfassade, vornehm rabiater Rhetorik sowie autoritären, aggressiven Einstellungen und Haltungen«, so der Soziologe Wilhelm Heitmeyer schon 2012, als die sozialdarwinistische »Renaturalisierung von Ungleichheit« mit der Wirtschaftskrise ihren Lauf nahm. »Sie findet ihren Ausdruck in einem Jargon der Verachtung gegenüber schwachen Gruppen und der rigorosen Verteidigung bzw. Einforderung eigener Etabliertenvorrechte im Duktus der Überlegenheit.«
Das kolonialistische Verfahren
Was gegenwärtig tobt, geht jedoch darüber hinaus. Zunehmend bedienen sich bürgerliche Hassmeuten einer Diktion, die dem deutschen Kolonialherrenmenschen aus tiefstem »Herz der Finsternis« spricht. In dem so betitelten Roman von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899 notiert ein für Gräueltaten berüchtigter Leiter einer Handelsmission im Kongodelta: »Exterminate all the brutes« (Rottet die Bestien aus). In der deutschen Gesellschaft ist Hetze längst (wieder) in Vernichtungswillen übergegangen. Besonders wer als bereits am Boden liegend und als wehrlos ausgemacht wird, zieht Aggressionen auf sich: »Gaza, halt dein peinliches Opfermaul! Die Nakba globalisieren! Happy hunting, IDF« – solcher Drang zur Ausmerzung und zum Sadismus bildet nicht mehr eine Ausnahme, sondern normalisiert sich schleichend in der politischen Kultur Deutschlands und wird längst nicht mehr nur geduldet.
Das, was der Mitbegründer der Négritude Aimé Césaire »kolonialistische Verfahren« nannte und dem jetzt schon die Palästinenser gnadenlos unterzogen werden, droht perspektivisch mit der Militarisierung und Aufrüstung Deutschlands und des Westens zum großen Krieg gegen »die Autoritären«, auch, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg, wieder auf »Feinde« in Europa (das eines der Hauptschlachtfelder sein wird) angewendet zu werden. Die Grenze des »Dschungels«, der laut dem neokonservativen Bellizisten Robert Kagan wegen der Schwäche des »Gärtners«, des Welthegemons USA, laufend »nachwächst« und »gerodet« werden muss, verläuft mitten durch die deutsche Gesellschaft. »Hamastan« und »Putin-Land« gehören abgebrannt – sei es in Neukölln und Mecklenburg-Vorpommern oder in der Medienlandschaft.
Wie der Publizist Chris Hedges kürzlich, anlässlich der Ermordung des rechten Influencers Charlie Kirk, zu den US-amerikanischen Zuständen anmerkte, sind »giftige Rhetorik und Drohungen, die wie Handgranaten über kulturelle Grenzen hinweg geworfen werden und manchmal in tatsächliche Gewalt umschlagen«, heute »ein Vorbote des vollständigen sozialen Zerfalls«. Das heißt: »Verderbtheit wird zur Moral. Gräueltaten werden zu Heldentum, Verbrechen zu Gerechtigkeit. Hass wird zur Tugend. Gier und Vetternwirtschaft werden zu bürgerlichen Tugenden. Mord wird zum Guten. Krieg ist die ultimative Ästhetik. Das ist es, was uns bevorsteht.«
Was das konkret für Deutschland bedeutet, lässt mit Friedrich Merz ein Bundeskanzler erahnen, der die Auslöschung von Menschenleben und die Pulverisierung von Wohnhäusern, Hospitälern, Schulen und Straßen durch Israels faschistisch freidrehende Militärmaschine als zuträgliche »Drecksarbeit« für die gute Sache deutscher Interessen begreift. In einer Zeit, in der der deutsche Imperialismus das Grundgesetz durch eine von Machiavellismus und Willkür der Eliten geleitete Staatsräson und das Völkerrecht durch seine auf Eroberung und räuberische Aneignung zielende »wertebasierte Ordnung« zu ersetzen trachtet, haben Kants kategorischer Imperativ (die Universalisierungs- wie die Zweck-an-sich-Formel) und die Idee vom »Friedensstaat« ausgedient.
Schmittianisierung der Politik
Philosophischer Leitfaden der deutschen Bourgeoisie ist (wieder) die Freund-Feind-Theorie von Carl Schmitt – eines faschistischen Denkers, dessen wohl bekannteste Schrift »Der Begriff des Politischen« Ernst Jünger 1930 als eine »besondere kriegstechnische Erfindung« gewürdigt hatte: »eine Mine, die lautlos explodiert«.
Jüngers Befund, der »Rang eines Geistes wird heute durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt«, gilt in der Gegenwart wie nie zuvor seit 1945. Carl Schmitt liefert als von Thomas Hobbes und dem Untergang der Weimarer Republik inspirierter »antiliberaler Liberaler«, wie der israelische Faschismusforscher Ishay Landa ihn charakterisiert, den Herrschenden der BRD das scheindemokratische Rezept für die sukzessive Beseitigung, zumindest Einschränkung, der Freiheitsrechte und Mitbestimmung von unten und die gleichzeitige Entfesselung des imperialistischen Impulses der kapitalistischen Ökonomie. Zum Verständnis von Demokratie müsse »notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen« gehören, hatte er bereits 1923 konstatiert. Das korrespondiert mit der Definition des Politischen als Unterscheidung von Freund und Feind mit dem Krieg als Höhepunkt. »Die Begriffe Freund, Feind und Kampf erhalten ihren realen Sinn dadurch, dass sie insbesondere auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung Bezug haben und behalten«, heißt es in »Der Begriff des Politischen«. »Der Krieg folgt aus der Feindschaft, denn diese ist seinsmäßige Negierung eines anderen Seins.«
Landa warnte 2021 vor einer fortschreitenden »Schmittianisierung« der Politik. Diese zeige sich zum Beispiel in der »umfassenden Neutralisierung sozialer Kämpfe« sowie der »Übertragung politischer und ökonomischer Entscheidungsgewalt an kleine Eliten sogenannter Experten, die nicht gewählt und den Massen gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind«. In der Außenpolitik sei eine »Radikalisierung des Kampfes zwischen Staaten und Völkern, der Wir-gegen-sie-Kriegsführung« zu beobachten, die in Konzepten wie »Kampf der Kulturen« zum Vorschein komme. Heute ist der Begriff »wehrhafte Demokratie« zunehmend als eine Drohung an den »Feind« mit der Option seiner Ausstoßung aus der »Westliche-Werte«-Gesellschaft, notfalls Ausschaltung, zu verstehen (meist nicht durch Tötung, es kann auch durch Sanktionierung zwecks Zerstörung seiner wirtschaftlichen, politischen und sozialen Existenz geschehen – eine Praxis, die in der EU bereits Realität ist und etwa gegen oppositionelle Journalisten angewendet wird).
Im Takt Leviathans
Das deutsche Projekt der Eliminierung der »Feinde«, verbrämt mit einem »Nie wieder!« als Handlungsmaxime, das die emanzipatorische Essenz des Buchwaldschwurs völlig pervertiert hat, durchwirkt seit Jahren die Kulturszenen. Vor allem die kommerziellen, die aus der Entmenschlichung der deutschen Gesellschaft ihren Profit zu schlagen wissen: 2024 gab die Hip-Hop-Band Antilopen Gang, im vollen Einklang mit der AfD und anderen extremen Rechten, durch Projektion deutscher Schuld auf die palästinensische Bevölkerung im Nahen Osten diese faktisch zum Massenmord frei, indem sie sie in ihrem Song »Oktober in Europa« einfach zum »Schutzschild der Nachfahren der Judenvergaser« erklärte. Der RTL-Unterhalter Oliver Pocher wünschte der Schauspielerin Enissa Amani, die sich an der Hilfsflottille für Gaza beteiligt, eine »One Way«-Reise, also Verderben und Tod. Filmemacher und Fotografen, die es noch wagen, den Hunger und das Siechtum dort in Bildern festzuhalten, werden von Springer- und anderen Kampagnenmedien als »Terrorhelfer« und Fälscher denunziert und sind ihres Lebens nicht mehr sicher; die Opfer der »zivilisierten« Barbarei sollen soweit wie möglich unsichtbar gemacht werden. Seit die Ideologiekanonen gegen die Hütten des Friedenslagers donnern, bringen sogar »rote Rapper« ihr Publikum zum Schweigen – Disarstar etwa hat schon 2023 »Free Palestine!«-Rufe auf seinen Konzerten unterbunden –, damit in den Palästen der deutschen Staatsräson umso lauter vernehmbar zur Hatz auf internationalistische Künstler, allemal auf palästinensische und russische, geblasen werden kann.
Der Pianist Igor Levit stigmatisierte unlängst den auf Druck der Bundesregierung und EU von allen Konzertbühnen verbannten Dirigenten des »Feindes« Waleri Gergijew als »Kollaborateur« und »Profiteur der Machenschaften des russischen imperialistischen Diktators« – ein Aufruf zu noch mehr Repression und Ächtung. Levit, der schon die Forderung »Ceasefire now!« als Affront betrachtet, ist den Propagandisten deutscher Kriegstüchtigmachung seit Jahren als musikalischer Botschafter von Netanjahu und israelischen Kriegsverbrechen lieb und teuer; folglich wird er mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Als jüngst der Chef des Israel Philharmonic Orchestra, Lahav Shani, der am 22. Oktober 2023 (zu einem Zeitpunkt, als schon Tausende von palästinensischen Zivilisten totgebombt waren) ein »Salute to Israel«-Konzert unter anderem für die IDF dirigierte und sich in einer Ansprache mit der Armee solidarisierte, erstmals im Ausland ausgeladen wurde, orchestrierten Levit und das deutsche Kulturestablishment einen Sturm der Entrüstung über »Antisemitismus«. Es hagelte nur so Einladungen für Lahav Shani. Und so streichelte er zum Beispiel in der Philharmonie Essen die – durch berechtigte Vorwürfe der Genozidkomplizenschaft aus aller Welt – narzisstisch gekränkte deutsche Seele mit Musik vom Lieblingskomponisten, die ihr seit jeher Balsam ist: Richard Wagner.
Mit seinen bunten Galas, bespielt von Stars und Sternchen, und gut gefüllten Theatern und Konzertsälen begeben sich von einer Koalition der Willigen dominierte deutsche Kunst- und Kulturszenen – zunächst noch unter den Vorzeichen einer arg lädierten liberalen Demokratie – auf die Spuren von Wilhelm Furtwängler (der mutiger war als deutsche Künstler heute und lange »nur einen Trennungsstrich zwischen guter und schlechter Kunst« anerkennen wollte). Der Stardirigent des »Dritten Reichs« lenkte damals mit seinen Berliner Philharmonikern vom Grauen in den Konzentrationslagern, Bombennächten und Schützengräben mit Beethovens Neunter Sinfonie und anderen lieblichen Klängen der »Versöhnung« und »Brüderlichkeit« ab – wie sie es heute auf vom bisher größten Menschheitsverbrechen des 21. Jahrhunderts und dem Gedanken an das sich anbahnende Inferno in Europa tun. Wie könnte es aber auch anders sein, wenn die Musen im Takt Leviathans agieren? »Wie soll Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selbst nicht von den Schicksalen der Menschen bewegt wird?«, fragte Bert Brecht 1938 und gab die Antwort: »Wenn die Menschlichkeit zerstört wird, gibt es keine Kunst mehr.«
Anzeigen br>



Fotos von Katja Koschmieder und Jens Schulze








