Melodie & Rhythmus

Eine Klasse für sich

12.03.2026 11:26

Das Epstein-Netzwerk als Symptom rücksichtsloser Machtausübung und des Zerfalls der westlichen (Werte-)Ordnung

Porträt von Schauspieler Rolf Becker

Die Römer in ihrer Dekadenz, Gemälde von Thomas Couture, 1847
Foto: IMAGO / Art Media / Heritage Images

Susann Witt-Stahl

Die Freigabe von Epstein-Akten hat weltweit eine Welle des Entsetzens und der Empörung ausgelöst. Der Name des mehr als eine halbe Milliarde schweren Investmentbankers, dessen Machenschaften dadurch zum Teil enthüllt wurden, ist zum Platzhalter für alles nur erdenklich Verabscheuungswürdige geworden – über den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen hinaus. Er steht für Megalomanie, Willkür und Zynismus, unstillbare Gier nach Ausschweifung und Perversem, schier unbegrenzte kriminelle Energie von mehr oder weniger prominenten, aber mächtigen Happy Few. Von kaum jemandem in der jüngeren Geschichte wurde Maxim Gorkis Metapher vom Kapitalisten als »Greis«, der »die Welt vergewaltigt«, so sinnlich erfahrbar gemacht wie von Jeffrey Epstein und seinem Netzwerk notgeiler alter Geldsäcke.

»Das Epstein-Netz umspannt das Who’s who der gesellschaftlichen Elite und nährt den Verdacht, dass für Privilegierte andere Regeln gelten«, so ein Kommentator in der Stuttgarter Zeitung unter dem Titel »Moralische Bankrotterklärung«. Nicht nur an Marx geschulte Ideologiekritiker dürften sofort erkennen, dass dieser Befund herzergreifend naiv ist. Denn was damit als nicht ganz auszuschließende Möglichkeit dargestellt wird, ist seit jeher eine unumstößliche Tatsache. Diese einzugestehen, stellt diejenigen, die die Meinung der Herrschenden als »Mainstream« inszenieren und verwalten, vor ein Dilemma: Einerseits nötigen die durch rund 3,5 Millionen Seiten, in denen allein der Name Donald Trump 38.000 Mal auftaucht, 2.000 Videos und 180.000 Fotos bloßgestellten Eliten, darunter Bill Clinton, Bill Gates, hochrangige Diplomaten, Wirtschaftsgrößen etc., sowie die von ihnen begangenen oder zumindest gedeckten Scheußlichkeiten zur öffentlichkeitswirksamen Ächtung – allein zur Ehrenrettung der bürgerlichen Gesellschaft. Andererseits muss der seit der Zeitenwende 1989/90 alle Verhältnisse überwölbende Schein gewahrt bleiben, dass die Klassengesellschaft und damit eine herrschende Klasse, deren Reichtum auf räuberische Aneignung gesellschaftlicher Arbeit basiert und die nahezu alles kontrolliert, gar nicht existiert und »wir« – vom Blackrock-Manager bis zum Paketzusteller – alle »Mittelschicht« sind, wie Gerhard Schröder und Tony Blair Ende der 1990er-Jahre verkündet hatten.

So wurde die »Epstein-Klasse« als Betriebsunfall unserer »wertebasierten« Gesellschaftsordnung entdeckt. Der Begriff stammt von dem demokratischen US-Kongressabgeordneten Ro Khanna, der erheblich dazu beigetragen hat, dass die Epstein-Files veröffentlicht wurden. Das Medienestablishment eignete sich seine Schöpfung begeistert an. »Eine Schicht, die global agiert, dauernd unterwegs ist, weltweite Kontakte als potenzielle Geschäfte handelt«, definierte der Tagesspiegel ihn aus. »Diese Klasse ist nicht durch Werte und Lebenseinstellungen verbunden, sondern durch Reichtum, grenzüberschreitende Mobilität und offenbar eine hohe Skrupellosigkeit.« Abgesehen davon, dass Epsteins Netzwerk keineswegs weltumspannend war (es reichte von den USA über Großbritannien und Frankreich bis nach Norwegen): Statt zu realisieren, dass diese Charakterisierung letztlich nur Eigenschaften der herrschenden Klasse und ihrer Eliten aufzählt – wenngleich unzureichend, unter anderem weil sie sich vorwiegend auf deren Erscheinungsform beschränkt und ihre ökonomische Stellung im Produktionsprozess ausblendet –, orakeln »Experten«, wie so ein »System« bloß entstehen konnte. In der ZDF-Talkshow »Maybrit Illner« wurde es unter anderem als »Männersache« in einer »männlich dominierten Welt« verhandelt. Talkmasterin Illner betrachtet die »Epstein-Klasse« als »neofeudale Kaste«, die der Auffassung sei, dass »Reichtum nicht mehr erarbeitet, sondern vererbt wird« – als sei dieser jemals von den Kapitalisten und nicht von den Arbeitern erarbeitet worden. Folglich wurde in der Runde neben der juristischen Aufarbeitung der Vergehen dieser neuen »besonderen Klasse«, wie aus den »MeToo«-Debatten gewohnt, das »Empowerment« der Frauen und schließlich die »Ausbildung von Haltung« bei den Menschen, die »eigene Werte und Grundvorstellungen« haben würden, als Abhilfe empfohlen.

Sonderfall Chomsky

Und so wird in langen Zeitungsartikeln Gericht über Angehörige der »Epstein-Klasse« gehalten und Werte-und-Normen-Seminare veranstaltet. Das betrifft vor allem die Causa Noam Chomsky – ein Sonderfall dieser »besonderen Klasse«. Der weltweit renommierte Linguist war bisher auch eine Ikone der internationalen Linken, wurde nun aber durch die Files als »guter Freund« Epsteins, der geldwerte Gefälligkeiten annahm und wegschaute, sogar als Täterschützer geoutet (mit den Delikten sexuellen Missbrauchs steht er allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in Verbindung). Chomsky genoss seit dem Vietnamkrieg wegen seiner zum Teil sehr scharfen Kritik am US-amerikanischen und westlichen Imperialismus sowie an der israelischen Besatzungspolitik ein hohes Ansehen als integrer Intellektueller. Und so häuften sich auch in den sozialen Medien Erklärungs- und Entlastungsversuche von in ihrem Glauben an ihn erschütterten Anhängern. Da es keine nennenswerten Hinweise gibt, dass Chomsky sich seine politischen Positionen von Epstein »abkaufen« ließ, also aktiv Verrat begangen hat, ist zumindest die Forderung einer Trennung von Person und ihrem Lebenswerk bei der Beurteilung plausibel: »Was auch immer man von Chomskys Beziehung zu Epstein halten mag, ich glaube nicht, dass sie seine monumentalen Beiträge zu unserem Verständnis von Macht, Propaganda, Imperialismus und Unternehmenskapitalismus überschatten sollte«, schreibt etwa Tim Hjersted, Direktor der Dokumentationsplattform Films for Action, in einer umfangreichen Analyse unter dem Titel »Chomsky and Epstein: What the Evidence Shows«.

Ob jedoch »katastrophales Urteilsversagen« und »ethisch blinde Flecken«, die der Autor Chomsky bescheinigt, ausreichende Erklärungen sind für dessen Verhalten, ist mehr als fraglich. Wie Chomsky bis zu seinem Schlaganfall 2023, der ihn zum Rückzug aus den öffentlichen Debatten zwang, auf vielen Feldern als Intellektueller Kritik an den falschen Machtverhältnissen übte, so konnte er wie alle Angehörigen der Wissenschafts- und Bildungseliten nur den begrenzten Horizont eines »Champagner-Linken« entwickeln. »Dieses Haus, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale ist, gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht auf den gestirnten Himmel«, verdeutlichte Max Horkheimer in seinem Aphorismus »Wolkenkratzer«, warum ab einer bestimmten Höhe im monopolkapitalistischen Gesellschaftsbau von ihm produziertes Leid, Not und Elend meist nur als diffus bedrückende Vorstellungen und nicht als konkrete Erfahrungen existieren – und somit auch kein umstürzlerischer Hass auf die Profiteure und ihre Propagandisten. Ein in den Epstein-Akten enthaltenes Foto, das Chomsky beim offensichtlich heiteren und entspannten Plausch mit Trumps ehemaligem MAGA-Chefstrategen und ultrarechten Demagogen Steve Bannon zeigt, visualisiert die Etikette eines »Wolkenkratzers«, der stetig weiter in den Himmel wächst und gegenwärtig zur Festung ausgebaut wird. Die Bewohner der höheren Etagen stehen zwar auf dem Markt in Konkurrenz und im öffentlichen Meinungsstreit in Gegnerschaft zueinander, privat pflegen sie jedoch einen vorwiegend nonchalanten Umgang, vor allem im Überbau, in dem der Kitt produziert wird, der alles zusammenhält – auch von linken Intellektuellen, die ihre moralische Integrität in die Waagschale zu werfen haben.

Klassenzugehörigkeit verpflichtet, da bleibt nicht viel Raum, um aus der Reihe zu tanzen. Wo alle im Luxus und Überfluss leben und lukrative Kontakte vermittelt werden, ist nahezu jeder korrumpierbar. Daher werfen sich die Gentlemen einander nichts vor – sie bilden lieber Genießen-und-schweigen-Kartelle. Der Fall Chomsky lege offen, bemerkt der Sprachwissenschaftler Richard Pinner, »wie elitäre Netzwerke dissidente Figuren gleichsam neutralisieren, wie soziale Nähe trotz öffentlicher Skandale fortbesteht und wie Schweigen als strukturelles Merkmal und nicht als persönliches Versagen funktioniert«. Für Pinner ein Merkmal eines durchaus »intakten Systems – eines, in dem intellektuelles Prestige, finanzielles Kapital und sozialer Zugang eine sich gegenseitig verstärkende Struktur bilden«.

Dekadent wie Caligula

Die High Society schert sich wenig um moralische Regeln und neigt überdurchschnittlich zu Empathielosigkeit und asozialem Verhalten. Das ist durch wissenschaftliche Studien belegt. Ob Hubschrauberjagden auf Wildtiere in Afrika, bei den auch das Leben der mit Kleingeld angeheuerten einheimischen Helfer am Boden nichts zählt, zu veranstalten oder blutigen Ultimate-Fighting-Galas, modernen Gladiatorenkämpfen, in der ersten Reihe beizuwohnen, atemberaubende Verschwendung von nicht regenerierbaren Naturressourcen (die Liste widerwärtiger »Vergnügungen«, denen Reiche und Privilegierte nachgehen, nicht wenige davon Straftaten, die meist ungeahndet bleiben, ließe sich unendlich fortsetzen): Wenn Mordlust, Gewaltrausch und dem Bedürfnis nach dionysischen Exzessen freien Lauf gelassen oder die Option, damit viel Geld zu verdienen, gezogen wird, dann gibt es kaum rote Linien. Freiheit bedeutet für einen erschreckend großen Teil der herrschenden Klasse und deren Eliten, sich alles herausnehmen zu können. Erlaubt ist, was gefällt. Die Vergewaltigung von Minderjährigen gehört zu den wenigen Grenzüberschreitungen, die die westliche Gesellschaft nicht einmal ihnen durchgehen lässt.

Dass Epsteins Genießen-und-schweigen-Kartell dennoch mehr als ein Jahrzehnt funktionierte, indiziert, dass die herrschende Klasse sich formiert hat und ihre Aktionsfelder und Lebenswelt hermetischer abgeschirmt sind. Die Kohäsion in den Elitenzirkeln nimmt in Phasen der Radikalisierung des Klassenkampfs von oben, fortschreitender Militarisierung und Entdemokratisierung der Gesellschaft zu. Seit der globalen Finanzkrise 2007–2008 und seit das Gespenst der »multipolaren Welt« umgeht, sind Figuren wie Jeffrey Epstein, die stabile »Connections« zwischen Spitzen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien und dem »Celebrity«-Glamourkosmos herstellen, von besonderem Nutzen – perspektivisch sogar Garant ökonomischen und sozialen Überlebens in oberen Stockwerken des »Wolkenkratzers«.

Epstein und seine Komplizen trieben ihr Unwesen im Hintergrund des aufhaltsamen Aufstiegs eines Oligarchen mit ausgeprägter Racket-Natur zum politischen Führer des Welthegemons – während die Deindustrialisierung gnadenlos durchgesetzt, der Rust Belt endgültig in eine Geisterregion verwandelt und Millionen von Amerikanern in die Armut gestürzt wurden. Noch bevor Donald Trump agieren konnte wie Nero und im Stadium des Niedergangs des US-Imperiums das »goldene Zeitalter« predigte, das er durch radikalen Bruch der gesamten internationalen Rechtsordnung und Weltbrandstiftung herzustellen trachtet, frönten sie bereits der Dekadenz eines Caligula. Was als »Epstein-Sonderklasse« erscheint, ist nichts anderes als unter den Vorzeichen großer Kriege und anderer Katastrophen rapide wachsender und aus verschiedenen Interessengruppen entstammender Abhub der Kapitalistenklasse für sich und deren Eliten, der im Bewusstsein erweiterter Möglichkeiten des Machtmissbrauchs, der Ausdehnung rechtsfreier Räume und nahezu garantierter Straffreiheit tut, was er kann.

Verschwörungstheorie und Verschwörungspraxis

Einige Liberale bemühen sich mit dem Hinweis auf eine funktionierende Justiz, die Epstein 2019 verhaften ließ (sowie auf den mutmaßlich angesichts seiner ausweglosen Lage gewählten Freitod als gerechte Strafe), um Schadensbegrenzung. Das ist zum einen vergeblich wegen der Schwärzungen von Namen in den bisher veröffentlichten Akten, der verweigerten Offenlegung von noch einmal mindestens derselben Menge und anderer negativer Umstände, die die überwältigende Mehrheit der Mittäter vor Strafverfolgung schützen. Zum anderen aber auch, weil das rechte Lager dank der Geburt der »Epstein-Klasse« massenwirksam die Ursachen und Schuldverantwortung für die sich auftuenden Miseren von der herrschenden Klasse und deren Strukturen, die es sponsern, auf eine von ihm selbst selektierte und abgesonderte Schurkengruppe umzulenken versucht: »Globalisten« – früher als »raffendes Kapital« geschmäht, das mit der »jüdisch-internationalen Hochfinanz« identifiziert und dem ein produktives »schaffendes« Kapital gegenübergestellt wurde (in seltenen Fällen wird der »Globalisten«-Begriff auch von Kommunisten verwendet für die Akteure der imperialistischen Globalisierung im Interesse des transnationalen Monopolkapitals und ohne antisemitische Konnotation). Diese werden als eine eingeschworene, homogene Machtelite imaginiert, die weltweit zwecks »Great Reset« an einem Strang zieht. QAnon und andere Sekten lassen dieses Narrativ in Wahnfantasien von satanischen Kannibalismus- und Blutorgien gipfeln (nicht zuletzt ein Ausdruck der Nekrophilie, die seit der Verkündung des »Endes der Geschichte« und Auslöschung des Gedankens an die Herstellung menschlicher Verhältnisse grassiert). Rechte Influencer haben noch andere Übeltäter als »Epstein-Klasse« entlarvt. Diese rekrutiere sich aus »Linken«, zum Beispiel US-amerikanischen Demokraten, weiß etwa der Chefredakteur des Schweizer Magazins Nebelspalter, Markus Somm. Die Behauptung, neoliberale Eliten mit riesigen Vermögen gehörten dazu, sei eine der »Verschwörungstheorien«, die die Linke »seit Karl Marx dauernd präsentiert«.

In Deutschland machen indes staatlich finanzierte »Extremisten«- und »Antisemiten«-Jäger keine halben Sachen und versuchen, neben rechten Erzählungen über die »Epstein-Klasse« auch linke Kritik an kapitalistischer Herrschaftsausübung abzuräumen und als »Verschwörungsmythen« abzustempeln. Das geschieht, wenn Epsteins Verbindungen zu israelischen Regierungs- und Geheimdienstkreisen erwähnt werden, vor allem aber, sobald die Klassenfrage aufgeworfen wird. »Sexualisierte Gewalt ist kein exklusives Verbrechen reicher Eliten, sondern allgegenwärtig«, relativiert etwa die Amadeu-Antonio-Stiftung und warnt vor »Personalisierung« des Problems und vor »Feindbildern«. Sie räumt zwar eine »unfassbare Machtballung« ein, findet aber das »klassische Motiv vom jüdischen Strippenzieher« allein in der Feststellung, Epstein habe Steve Bannon bei der Förderung des Aufstiegs rechter Parteien in Europa geholfen (belegt ist allerdings, dass er dafür seine Kontakte spielen ließ). Ähnlich die linksliberale Aktivistin Veronika Kracher: Was auf »Epstein Island« geschehen sei, »nämlich systematisch sexuelle Gewalt auszuüben, ist mitnichten eine Sache reicher Eliten«. Männer könnten in der Epstein-Debatte nun »auf ›die da oben‹ externalisieren«. Andere Stimmen erinnern daran, dass viele »einfache Leute« wie Arbeiter auch nicht besser seien als die »Epstein-Klasse«.

Zumindest einige solcher bürgerlichen Anschauungen reduzieren den Fall auf Sexualstraftaten und verschleiern, dass Epstein letztlich die kapitalistische Logik der Ausbeutung und Verdinglichung des Menschen auf bittere Weise ausgereizt hat: Durch Handel mit von Personen einer vulnerablen Gruppe abgepresstem Sex, bei dem »die Ware«, deren exklusive »Lieferung« via »Lolita-Express«-Privatflieger und deren »Konsum« in standesgemäßem Ambiente und geschützter Umgebung auf der »Island of Sin« erfolgte, mit Zugang zu Machtzirkeln und -einfluss statt mit Geld bezahlt wurde. Ausschließlich Angehörige der herrschenden Klasse und deren Eliten verfügen über die nötigen »Produktionsmittel« für solche Profitmacherei. Lesarten der Causa Epstein, die die Täter vorwiegend als Rädchen der patriarchalen Strukturen verstanden wissen wollen (in die alle Männer mehr oder weniger verstrickt sind), und Kritiker mit dem Vorwurf einer angeblich falschen »Personalisierung« sowie des »strukturellen Antisemitismus« konfrontieren, unterschlagen den Zusammenhang zwischen Struktur und Handlung im Kapitalismus und damit dessen Klassencharakter – sie nivellieren den Unterschied zwischen oben und unten, der einer ums Ganze ist. Die ausbeutende Klasse ist zwar auch dem System unterworfen (in einem viel geringeren Maß als die ausgebeutete Klasse), gleichzeitig herrscht sie aber auch durch dieses hindurch. Karl Marx beschrieb den Kapitalisten unter anderem als »personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital«. Wer das ignoriert, exkulpiert faktisch kapitalistische Ausbeutung und verstellt den Blick auf die Tatsache, dass diese durch Klassenkampf als Triebkraft geschichtlicher Entwicklung abgeschafft werden kann.

Nun sind progressive Kräfte gehalten, das Aufploppen der »Epstein-Klasse« auf dem Radar der Massen in den westlichen Gesellschaften als seltene Chance zu begreifen. Allein dadurch, dass Epstein und seine Clique den Beweis erbracht haben, dass Verschwörungspraxis ein wesentliches Mittel der Machtausübung und Einflussnahme der herrschenden Klasse und deren Eliten ist (selbst The New York Times und Teile des Medienestablishments hierzulande, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland, haben das mittlerweile eingeräumt), können gewöhnlich tief verborgene Struktur- und Handlungmechanismen der kapitalistischen Ordnung freigelegt werden. Zudem bedarf es einer Analyse der Epstein-Verschwörung als Symptom des westlichen Imperialismus im Zerstörungsfieber. Sonst können breite Bevölkerungsschichten nicht zu der unverzichtbaren Einsicht vordringen, die der vietnamesische Autor Sony Thăng auf den Punkt gebracht hat: »Epstein war nicht die Fäulnis. Er war der Gestank. Die Fäulnis einer herrschenden Klasse, die die Welt wie ein Buffet behandelt, Kinder wie Beilagen und Konsequenzen wie optionale Extras. Man kann den Gestank beseitigen. Die Fäulnis bleibt.«

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