Melodie & Rhythmus

Missbrauchtes Trauma

16.03.2021 14:58
Foto: Redfish

Foto: Redfish

Der britische Publizist Dan Glass über seine jüdischen Erfahrungen im Täterland

Interview: Dror Dayan

Dan Glass ist Autor, Künstler, LGBTQ-Aktivist und Enkel deutsch- und polnisch-jüdischer Holocaustüberlebender. Seit Jahren engagiert sich der Londoner für verschiedene politische Bewegungen und Kampagnen. 2020 war er Protagonist in dem Dokumentarfilm »Censoring Palestine. The Weaponisation of Anti-Semitism« des linken Medienkollektivs Redfish. M&R sprach mit Dan Glass über die Dreharbeiten und seine Erlebnisse in Deutschland.

Herr Glass, Sie haben 2019 und 2020 an einer Dokumentation über die wachsende ideologische Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs gegen Linke in Deutschland mitgearbeitet. Was waren Ihre Eindrücke?

Ich war bereits 2015 für mein Dialogprojekt »Nie wieder, niemals!«, das von Enkeln der Opfer des NS-Regimes – nicht nur von Juden, sondern auch von Sinti und Roma und politischen Aktivisten – initiiert worden war, für längere Zeit in Deutschland. Bei meinem jüngsten Besuch war ich ziemlich erschrocken, wie stark der Rechtsruck dort mittlerweile fortgeschritten ist. Und ich bin sehr wütend über die deutsche Unterstützung der israelischen Regierung: über Politiker, für die »Nie wieder!« heißt, immer hinter Israel zu stehen. Auch Gruppierungen wie die sogenannten Antideutschen finde ich äußerst merkwürdig. Ich glaube fest daran, dass der Mensch von den Umständen gebildet wird. Diesen Leuten wurde immer beigebracht, sie sollten sich schuldig fühlen. Aber das halte ich für kontraproduktiv; es verhindert das Trauern, das eine sehr wichtige politische Emotion darstellt, wenn damit richtig umgegangen wird.

In einer Filmszene tragen Sie Kippa und eine Halskette mit Davidstern und spazieren durch die Sonnenallee in Berlin-Neukölln – einem Bezirk, der als No-go-Area für Juden gehandelt wird. Sie allerdings schienen sich dort recht wohl zu fühlen …

Es war tatsächlich schön. Einer meiner Großväter ist in Berlin aufgewachsen. Ich kenne von ihm Geschichten, wie er vor dem Krieg durch die Stadt geradelt ist und historische Ereignisse aus unmittelbarer Nähe miterlebt hat.

[↗] Der Film »Censoring Palestine. The Weaponisation of Anti-Semitism«

Das komplette Interview erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2021, erhältlich ab dem 19. März 2021 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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