
Foto: Archiv Klaus Fried
Erich Fried und sein Weg zur politischen Lyrik
Gerhard Lampe
Erich Fried fehlt gerade heute – in einer Zeit von Hatespeech und Fake News. Ich vermisse schmerzlich seine Haltung und seine Dichtkunst, die durch ihre hellsichtigen Worte helfen könnte, allgegenwärtige Propaganda als Lügen zu entlarven. Er wurde am 6. Mai 1921 in Wien als einziges Kind jüdischer Eltern geboren und ist am 22. November 1988 in Baden-Baden gestorben. Ab Mitte der 1960er-Jahre war er oft im Land der Mörder (seiner Großmutter Malvine Stein, die 1943 in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz umkam, und seines Vaters Hugo Fried, der 1938 von der Gestapo totgeschlagen worden war) unterwegs, um gegen das Vergessen anzukämpfen – sprechend und schreibend.
Erich Fried war bis zu seinem Tod ein gefeierter und zugleich gehasster Lyriker, Schriftsteller und Intellektueller. Bereits Mitte der 60er hatte ihn die außerparlamentarische Opposition zu einer literarischen Ikone der undogmatischen Linken erkoren. Nicht nur seine politischen »Angst- und Zorngedichte«, auch seine »Liebesgedichte« erzielten hohe Auflagen und wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt, zuletzt 1987 mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis. Seine Lyrik fand Eingang in Schulbücher, und sogar Schulen wurden nach ihm benannt.
Diese Ehrungen riefen jedoch auch Gegenkräfte auf den Plan: Als Fried 1977 ein Gedicht »Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback« veröffentlichte, nachdem dieser von der Roten Armee Fraktion (RAF) erschossen worden war, und er in seinen Zeilen um Buback trauerte, ihn aber auch kritisierte, wurde der Dichter von der FAZ als Urheber geheuchelter »Mörderpoesie« stigmatisiert. …
Gerhard Lampe geboren 1950, ist Literatur- und Medienwissenschaftler und Dokumentarfilmer. 1989 veröffentlichte er »›Ich will mich erinnern an alles, was man vergisst‹. Erich Fried – Biografie und Werk eines ›deutschen Dichters‹«. Das Buch verdankt sich wesentlich der Freundschaft mit dem Lyriker, die sich bei den Dreharbeiten zu dem WDR-Porträt »Erich Fried – der Dichter in seinem Widerspruch« von 1986 entwickelt hatte.
Foto: Uta Tintemann
Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2021, erhältlich ab dem 19. März 2021 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.
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