Melodie & Rhythmus

»Ich fand es nie besonders toll, berühmt zu sein«

25.10.2011 17:39

Rosenstolz

Rosenstolz über den Fluch des Erfolgs und den Zwang, stets funktionieren zu müssen
Interview: Dagmar Leischow, Fotos: Ferran Casanova

Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Wie von Geisterhand öffnet sich die Fahrstuhltür. Auch der Lift setzt sich automatisch in Bewegung und hält dann direkt in dem Stockwerk, wo sich das Studio der Band Rosenstolz befindet. Für Besucher gibt es im Eingangsbereich eine Sitzecke. Von dort aus geht es weiter zu Sängerin AnNa R., 41, und Keyboarder und Songschreiber Peter Plate, 44, die in einem ziemlich verqualmten Raum im hinteren Teil des Gebäudes zum Interview bitten. Die beiden wirken völlig entspannt. Dabei hatte Plates Burnout-Syndrom ihre Karriere ganz schön ins Wanken gebracht. Aber jetzt ist das Duo mit seinem Nummer-eins-Album »Wir sind am Leben« wieder richtig durchgestartet. Kraftvolle Midtempo-Songs wechseln sich mit beseelten Balladen ab. Dazu stellt AnNa R. mit ihrer hinreißenden Stimme Grundsatzfragen wie »Hast du alles versucht? Hast du wirklich gelebt?« Damit haben Rosenstolz ihre Fans wieder einmal mitten ins Herz getroffen.

Nach Peters Zusammenbruch schien die Zukunft eurer Band Rosenstolz ungewiss zu sein. Habt ihr ernsthaft übers Aufhören nachgedacht?
AnNa R.: Für uns stand immer fest: Wir werden definitiv ein weiteres Album aufnehmen. Bloß wussten wir nicht so genau, wann und wie.
Peter Plate: Vor allem fragten wir uns: Warum soll es überhaupt weitergehen? Ich wollte unbedingt den Spaß am Musikmachen wiederfinden. Bei unserer letzten CD „Die Suche geht weiter“ habe ich nämlich gemerkt, wie nervenaufreibend es ist, wenn einem die Arbeit keinen Kick mehr gibt. Normalerweise kann ich es gar nicht abwarten, mir das, was wir im Studio aufgenommen haben, noch mal zuhause anzuhören. Dieser Drang hatte ich auf einmal nicht mehr. Das war kein gutes Zeichen…

Hast du dich schon damals völlig ausgebrannt gefühlt?
Plate: Ich war kreativ total alle. Mit Sicherheit lag das auch an unserem randvollen Terminkalender. Da stand tatsächlich drinnen: »Montag, Dienstag und Mittwoch: Komponieren«. So was kann natürlich nicht funktionieren.
R.: Es wäre aber gar nicht anders zu planen gewesen. Wir steckten damals viel zu tief in dieser Plattenindustrie-Maschinerie. Ständig wurde uns gesagt: »Ihr müsst dies tun, ihr müsst das tun.« Und wir haben tatsächlich alles gemacht. Keiner von uns hat jemals »Stopp!« gerufen. Ich gebe zu, dass das ziemlich dämlich war.

RosenstolzIst das inzwischen anders?
R.: Auf jeden Fall. Wir haben jetzt gelernt, Nein zu sagen und nicht mehr Tag und Nacht ans Telefon zu rennen.
Plate: Genau. Ein Handy hat einen Abschaltknopf. Es kann am Wochenende ruhig mal zwei Tage aus bleiben. Von meinem SMS-Ton habe ich mich endgültig getrennt. E-Mail lese ich nur noch, wenn ich es wirklich will.

Ihr lasst euch also nicht mehr unter Druck setzen?
Plate: Ganz ehrlich: Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, unter was für einem Wahnsinnsdruck wir nach dem Erfolg unseres Nummer-eins-Album »Das große Leben« eigentlich gestanden haben. Das hat mich aus der Bahn geworfen. So übel meine Krise war, durch sie bin ich meine künstlerische Blockade losgeworden. Ich konnte in meinen Liedern endlich wieder etwas erzählen.

Heißt das, eure jüngste CD »Wir sind am Leben« war für dich eine Art Therapie?
Plate: Mir war von Anfang an klar, dass Rosenstolz nicht mit einer Jammerlappen-Platte zurückkommen dürfen. Für unsere Verhältnisse sind die neuen Songs ja geradezu beschwingt. Sie zu schreiben hat mir bestimmt geholfen.
R.: Das ist doch ein therapeutischer Ansatz.
Plate: Ich erzähle in meinen Texten aus meinem Leben, mehr nicht. Wenn andere Leute was damit anfangen können – wunderbar! Trotzdem will ich kein Vorbild sein. Dafür rauche ich viel zu viel. Ich bin nicht perfekt. Deshalb sollte sich keiner an mir orientieren, sondern lieber seinen eigenen Weg finden.

Ich nehme an, dein zeitweiliger Umzug nach London war auch ein Selbstfindungstrip, oder?
Plate: Ich hatte mich selbst verloren, darum brauchte ich dringend eine Veränderung. Für London habe ich mich total spontan entschieden. Ich hatte nur einen Koffer und ein Keyboard dabei, sonst nichts. So bin ich in eine WG in Tottenham gezogen, mit drei Mitbewohnern. Die hatten keine Ahnung, wer da bei ihnen wohnte. Für sie war ich einfach Peter, sie haben mich völlig normal behandelt.
R.: Das ist extrem wichtig, denke ich. Darum verschweige ich meist, was ich beruflich mache, wenn ich jemanden kennenlerne. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass die wenigsten Menschen einer Musikerin wirklich unbefangen gegenübertreten.

Während eurer Pause bekamst du das deutlich zu spüren. Was hast du empfunden, als plötzlich wenig schmeichelhafte Fotos von dir in der Boulevardpresse aufgetaucht sind?
R.: Gut, ich bin an einem Samstagnachmittag ungeschminkt aus dem Haus gegangen und wurde dabei absolut grundlos fotografiert. Dass daraus gleich fiese Gerüchte gestrickt wurden, hat mich richtig verletzt. Schließlich habe ich nicht irgendwo betrunken auf einer Parkbank gelegen, sondern mich bloß mit Freunden unterhalten.

Hast du deinen Ruhm in dem Moment verflucht?
R.: Ich fand es nie besonders toll, berühmt zu sein. Sowieso halte ich mich für nichts Besseres. Ich bin eher der Kumpeltyp, das sehen meine Freunde genauso. Die kriegen jedes Mal einen Riesenschreck, wenn sie mich irgendwo auf einem Plakat entdecken. Denn sie definieren mich kein bisschen über meinen Beruf.
Plate: Wir trennen Berufliches und Privates ganz bewusst. Deswegen stehen wir für keine Homestorys zur Verfügung. Tatsache ist: Wir verkaufen Platten, nicht uns selbst.

Rosenstolz Wir sind am Leben
Universal

Ohne Zweifel wissen Rosenstolz, was ihre Fans mögen. Immer wieder blitzt in ihren energiegeladenen Midtempo-Nummern eine Melodie auf, der man sich einfach nicht entziehen kann. Und ihre hochemotionalen Balladen lassen garantiert keinen kalt. Wer möchte Plate nicht tröstend in den Arm nehmen, wenn er in dem wohl persönlichsten Lied »Mein Leben im Aschenbecher« singt: »Ich will aus der Asche raus, ich steh endlich auf«? Sonst überlässt er AnNa R. das Mikrofon, deren wunderbarer Gesang unwiderstehlich ist.

Granma Internacional

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