Melodie & Rhythmus

Stampfen und Schießen im Viervierteltakt

23.06.2015 14:46
Full Metal Cruise: Üben für den Drowning Pool Foto: TUI Cruises

Full Metal Cruise: Üben für den Drowning Pool
Foto: TUI Cruises

Ein Kommentar von Gerd Schumann

Wacken rrruft. Heino kann stolz sein: Die Bundeswehr folgt ihm. In Orchesterstärke bläst sie Ende Juli Zehntausenden Freizeit-Metallisten den Marsch. Und Udo »U.D.O.« Dirkschneider, der unter dem Titel »Navy Metal Night« eine DVD von seinem gemeinsamen Konzert mit dem Marinemusikkorps Nordsee veröffentlicht, röhrt dazu: »Decadent. So decadent. This is a decadent world.« Festivalstimmung in der holsteinischen Provinz, monotone Reproduktion des bewusstseinslosen Marathon-Headbangings. Sonderbare Spaßgesellschaft. 2014 coverte Heino, der Blond tragende Helden-Bariton mit schwarz-brrrauner Vergangenheit in »Deutsch-Südwest«, beim Wacken Open Air (WOA) »Sonne«, Rammsteins Version der Wagner’schen Götterdämmerung. Till Lindemann, Frontmann der Teutonen-Band, stand da wie ein archaischer, in Lederkluft gepresster Krieger. Brennende Kreuze, gespreizte Zeige- und Kleinfinger, Teufelshörner im grellen Scheinwerfergegenlicht. Totalblendung, Totalausblendung, Totalausfall, Vollnarkose.

Wacken, pass op! Dein idyllisches Image als »Full Metal Village«, das Dir der gleichnamige Dokumentarfilm einbrachte, bröckelt und bröckelt und wird zerbröseln. Von wegen friedliches Miteinander biertrinkender Bleichgesichter in Schwarz und bierverkaufender Eingeborener in Gummistiefeln: Die blauberockte Village-Feuerwehrkapelle, die so schön Kuschelrock wie »Wind of Change« aufzuführen versteht, erhält Konkurrenz in Olivgrün: ein Bundeswehr- Orchester. Schmirgelpapier-Sopran Dirkschneider, ein 62-jähriger Kugelblitz, meint, dessen Sound passe »perfekt« zu seinen Metal-Songs. Blech zu Blech, alles schön hart. Stampfen und schießen im Viervierteltakt (mit Betonung auf dem ersten und dritten Beat), den einst die US-GIs in Bagdad zu ihrer inoffiziellen Hymne »Bodies« von Drowning Pool (»Let the bodies hit the floor«) vorexerzierten. Metal-Killers. Gemunkelt wird, dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, wegen der Taft-Allwetter-Frisur auch zärtlich »Beton- Uschi« genannt, in ihrem afghanistanerprobten Lederjäckchen einen PR-Termin in Wacken wahrnimmt. Danach setzt die ambitionierte Kriegsministerin dann ihre Zerstörer mit Kurs auf Afrika in Marsch – Schiffe versenken. Den Kreuzfahrern der »Full Metal Cruise« von Wacken- Promoter Holger Hübner wird die deutsche Navy allerdings nicht begegnen. Die 2.000 Metal-Fans steuern diesmal skandinavische Gewässer an, Ziel »Gotenburg« (Göteborg). Wikinger-Romantik. Vor einigen Monaten ging es noch ins Mittelmeer. WOA auf hoher See jedenfalls, nur besser. Fünf Tage Komasaufen im Luxusambiente, ohne Schlamm und Luftmatratze. Kostete zwar ein paar tausend Euro, doch wer Glück hatte, bekam nicht nur geile Bands geboten, sondern auch die eine oder andere Flüchtlingsleiche, vorbeitreibend. »Hierrr kommt die Sonne!«

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 4/2015, erhältlich ab dem 26. Juni 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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