Melodie & Rhythmus

»Die Dinge müssen sich ändern«

11.12.2018 14:09
Foto: Susanne Fasbender

Foto: Susanne Fasbender

Die Regisseurin der »BRAND«-Filmdokumentation über das dramatische Ringen um den Hambacher Forst

Interview: Christian Stache

Die Künstlerin Susanne Fasbender begleitet seit Jahren den sozial-ökologischen Kampf gegen den Energiekonzern RWE um die Reste des jahrtausendealten Hambacher Forsts. Ergebnis ist die Dokumentarfilm-Trilogie »BRAND«, die 2018 Premiere hatte. M&R sprach mit der Filmemacherin über die aktuelle Lage, eine neue Baumbesetzer-Gegenkultur und den negativen Einfluss der Grünen und NGOs.

Was hat Sie dazu bewogen, den Konflikt zu dokumentieren?

2012 hörte ich von einer Waldbesetzung im Hambacher Forst in der Nähe meines Wohnorts Düsseldorf. Ich besuchte den Ort. Durch die Fahrt dorthin lernte ich die Region, in der RWE und die Konflikte um Braunkohle, Naturzerstörung und Energiepolitik allgegenwärtig sind, unmittelbar kennen. Als wir uns dem Ort Niederaußem näherten, erhob sich am Ende der Straße herrschaftlich ein gigantisches Kraftwerk. Da war mir klar, dass in diesem ganzen Gebiet die sozialen und ökologischen Widersprüche offen zutage liegen.

Der erste Teil Ihrer Trilogie trägt den Titel »Vom Eigentum an Land und Wäldern«. Was haben die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse mit dem Braunkohletagebau und der Vernichtung des Hambacher Forsts zu tun?

Gesetzlich ist RWE Eigentümer der Böden und der Braunkohle des Tagebaus Hambach. Der Staat verschafft dem Konzern die zum Rohstoffabbau benötigte Infrastruktur. Die Landnahme für den Tagebau, die Umsiedlungen, die Abholzung der Wälder und alles, was in der Natur angerichtet wird, sind dann die notwendigen Folgen eines jahrzehntelangen Prozesses mit dem Zweck der Kapitalakkumulation. Das ist stark vereinfacht, aber im Grunde das Prinzip.

Was wäre die Alternative?

Wollten wir als Gesellschaft Rohstoffe wirklich nachhaltig und sozial nutzen, bräuchten wir eine ganz anders strukturierte Gesellschaft. Wir müssten sie als Gemeingut besitzen. Dann könnten wir entscheiden, was mit ihnen passiert.

Der US-Liedermacher David Rovics hat einen Soli-Song für die Besetzer veröffentlicht, das Lebenslaute-Orchester spielte im Hambacher Forst, Sie haben gleich mehrere Filme gedreht. Entsteht hier eine Gegenkultur im Kampf um die natürlichen Lebensgrundlagen?

Für mich erwächst die Gegenkultur aus dem Bedürfnis, dem Wahnsinn und dem Schmerz der ganzen Naturzerstörung etwas entgegenzusetzen. Etwas, das deutlich politisch ist und das zugleich durch die Fähigkeit der Kunst zu modifizieren eine andere Ebene hineinbringt. Das Politische ist der Inhalt, aber es darf die Form nicht überlagern. Das Ergebnis entsteht bei mir aus einer speziellen Montage von Bild, Ton und gesprochenem Wort. Für »BRAND« konnte ich viel aus meiner Erfahrung als Videokünstlerin schöpfen. Die einfachen technischen Mittel gehören ebenso dazu wie die finanzielle Unabhängigkeit von Förder- und Anerkennungsstrukturen. So kann ich künstlerisch und politisch frei arbeiten.

Der Hambacher Forst ist per Gerichtsbeschluss vorerst verschont worden, aber die Rodung droht weiterhin. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand?

Ich verstehe den Rodungsstopp als Symbol dafür, dass sich die Dinge ändern müssen. Ich sehe ihn deswegen sehr positiv, was auch immer daraus werden mag.

Während der Hochphase der Proteste im Herbst 2018 konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Positionen der großen Umwelt-NGOs die öffentliche Wahrnehmung geprägt und Die Grünen versucht haben, parteipolitisches Kapital aus der Bewegung zu schlagen. Wie ist Ihr Eindruck gewesen?

Vor allem die antikapitalistische Grund-haltung des Widerstandes im Hambacher Forst ist untergegangen. Jahrelang zeigten die großen NGOs kein Interesse an der Waldbesetzung oder distanzierten sich sogar. Seit sie berühmt ist, dient sie vielen dazu, Aufmerksamkeit für sich zu generieren. Darüber hinaus wird nun im Windschatten von »Hambi bleibt!« die ökologische Modernisierung des Kapitalismus im Rahmen der »grünen Ökonomie« betrieben. Deren Prinzipien müssten viel besser verstanden werden. Denn der Kapitalismus kommt auch unter grünen Vorzeichen nicht ohne Naturzerstörung aus.

brandfilme.org

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