M&R

Vernetzung gegen rechts

26.12.2016 14:10

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Fotos: Gerhard Löhr (H.Ratz)/Maximilian Lottmann (K. Wecker)

Konstantin Wecker und Heinz Ratz rufen eine »Kulturelle Eingreiftruppe« ins Leben

Florian Neuner

Konstantin Wecker

Konstantin Wecker

Zehn Jahre nach ihrer gemeinsamen Antifa-Tour wollen Konstantin Wecker und Heinz Ratz wieder verstärkt gegen rechts aktiv werden. Auf brennende Flüchtlingsunterkünfte und ein auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft zunehmend rassistisches Klima antworten die beiden Liedermacher mit einem »Büro für Offensivkultur«. Der Startschuss dafür erfolgte öffentlichkeitswirksam auf dem Reeperbahn-Festival im vergangenen September. Angesichts der neoliberalen Globalisierung und des Versagens der Sozialdemokratie in ganz Europa kommt der Rechtstrend für Wecker nicht überraschend: »Der Mainstream beschwert sich nun über die braunen Gespenster, die er selbst gerufen hat«, erklärte er gegenüber M&R. Mit ihrer »schnellen kulturellen Eingreiftruppe« wollen Wecker und Ratz in der Lage sein, überall und jederzeit antifaschistische musikalische Zeichen zu setzen. Das Büro für Offensivkultur soll mit einer Vollzeitstelle ausgestattet werden und in Notfällen rund um die Uhr erreichbar sein.

Der Auftritt auf einer kommerziellen Veranstaltung wie dem Reeperbahn-Festival, so Heinz Ratz, sei zwar eine tolle Gelegenheit gewesen, das Projekt bekannt zu machen. Nun sei aber erst einmal stille, unspektakuläre Vernetzungsarbeit angesagt. Überall, wo Konstantin Wecker und er in diesen Tagen auftreten, laden sie lokale Aktivisten, aber auch Journalisten und Rechtsanwälte ein, um im Fall von akuter rechter Bedrohung die logistischen Voraussetzungen für ein möglichst zeitnahes Handeln zu schaffen. Dazu gehören aber auch Kontakte in die Politik vor Ort und zu Unterstützern, die etwa Übernachtungsplätze, Flächen, die für Open-Air-Konzerte geeignet sind, oder Bühnentechnik zur Verfügung stellen können – und natürlich Künstler, die ansprechbar und bereit zur Mitwirkung an spontanen Konzert-Manifestationen sind.

Heinz Ratz

Heinz Ratz

Erwartungsgemäß kann Ratz von regional sehr unterschiedlicher Resonanz auf die Eingreiftruppe berichten. Die Dringlichkeit werde nicht überall gleich eingeschätzt. Auch seien lokale Gruppen, die durchaus ein antifaschistischer Konsens verbinde, oft aus allen möglichen Gründen zerstritten. Dann bestehe die Aufgabe darin, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, in dem sich die unterschiedlichen Organisationen Gehör verschaffen können. Manche Aktivisten beargwöhnen die Initiative von außen auch als Konkurrenz. Als Beispiel für einen Ort mit akutem Handlungsbedarf nennt Heinz Ratz das sächsische Niesky, wo die Resonanz auf die Initiative besonders groß gewesen sei. In der Kleinstadt nahe Görlitz wurde das einzige alternative Jugendzentrum geschlossen. Seither existieren dort nur noch Angebote aus dem rechten Lager.

Im Ernstfall, so Ratz, sei schnelles Reagieren entscheidend, verschwinden doch selbst schlimmste fremdenfeindliche Gewalttaten meist schon nach wenigen Tagen aus den Schlagzeilen. »Die Dringlichkeit muss im Bewusstsein der Künstler sein«, sagt Ratz. Sorgen machten sich jedenfalls sehr viele. Konstantin Weckers diesjährige Jubiläumstour kommt so gesehen gerade zur richtigen Zeit und könnte die nötige Vernetzung erheblich beschleunigen. Wenn das Büro für Offensivkultur erfolgreich agiert, könnten perspektivisch tragfähige Strukturen entstehen, die weitaus mehr bewegen als die Strohfeuer vieler gut gemeinter, aber unkoordinierter Aktionen der Musikszene gegen rechts. Wecker ist überzeugt: »Wenn wir nicht wollen, dass die Revolution ›der anderen‹ kommt – mit Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus im Marschgepäck –, dann müssen wir endlich damit beginnen, unsere eigene Revolution voranzubringen: eine Revolution des Bewusstseins und der Menschlichkeit.«

Termin: BOK-Gründungskonzert im SO36
mit Strom & Wasser und Dota
08.03.2017 – SO36, Oranienstraße 190, 10999 Berlin

Eintritt frei (Spende)

Weitere Informationen und Kontakt
www.offensivbuero.de

Den Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 1/2017, erhältlich ab dem 30. Dezember 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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