Melodie & Rhythmus

Revolution im geschlossenen Kreis

28.10.2015 15:01

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In den 1920er-Jahren feierte das russische Orchester-Kollektiv Persimfans die künstlerische Selbstbestimmung

Fabian Schwinger

Wenn das so weitergeht, werden wir Kapellmeister uns alle nach einem anderen Beruf umsehen müssen.« Angesichts des heute nach wie vor regen Starkults um Dirigenten wie Christian Thielemann, Daniel Barenboim oder Waleri Gergijew wissen wir: Otto Klemperers Prophezeiung von 1925 hat sich nicht bewahrheitet. Doch was beeindruckte den Maestro bei seinem damaligen Besuch in Moskau so tief, dass er eine reale Gefahr für seine Zunft witterte? Es war ein Konzert des Moskauer Ersten Sinfonischen Ensembles (auf Russisch: Perwy Simfonitscheski Ansambl, kurz: Persimfans), dem er beigewohnt hatte. Das Besondere: Die 75 Musiker dieses Orchesters interpretierten die gesamte sinfonische Farbpalette von Beethoven bis Strawinsky werkgetreu, klar und ausdrucksstark – ohne dabei jemals von einem Dirigenten angeführt oder kontrolliert zu werden.

Noch heute hallt die rasante Karriere des dirigentenlosen Persimfans wie eine Provokation in den Ohren all jener wider, die die Unterordnung der Instrumentalisten unter die Autorität einer charismatischen Führerpersönlichkeit als unabdingbar für eine gelungene Orchesteraufführung betrachten. Ganz anderer Meinung war da der Violinist Lew Zeitlin gewesen, als er 1922 etliche Musiker des Bolschoi-Theaters zur Gründung des Persimfans zusammengetrommelt hatte. Die Interpretation eines Werks sollte den Musikern eben nicht von oben oktroyiert werden; stattdessen waren alle Beteiligten – ähnlich wie bei einer intimen Kammermusik-Probe – dazu angehalten, im offenen Austausch und als gleichberechtigte Partner eine gemeinsame musikalische Sprache zu finden. Folglich kamen statt den Einzelstimmen ganze Partituren auf den Notenpulten zu liegen, und auch für die Sitzordnung zeitigte das neue Konzept Konsequenzen: Der sich zum Publikum hin auffächernde Orchester-Halbkreis war passé. Stattdessen bildeten die Streicher einen geschlossenen Stuhlkreis, in deren Mitte sich die Bläser gegenübersaßen. Mit dem Gesicht einander zugewandt, versuchte man wortwörtlich »auf gleicher Augenhöhe« zu musizieren – dabei sehr wohl in Kauf nehmend, dass dem Konzertpublikum die Rücken der am Bühnenrand sitzenden Geiger zugedreht wurden.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 6/2015, erhältlich ab dem 30. Oktober 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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