Melodie & Rhythmus

»Closing all the Factories Down«

26.04.2016 15:56

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Der Neoliberalismus hat Arbeiter und Arbeit weitgehend aus der Popkultur verbannt. Damit hat er Platz geschaffen für seine Lüge von der klassenlosen Gesellschaft

Susann Witt-Stahl

Die Village People haben Ende der 1970er- Jahre durch ihren »Con struction Worker« mit Holzfällerhemd, Bauhelm und Werkzeuggürtel den Arbeiter zur Stilikone erhoben. Die Disco-Combo sprengte das Klischee vom Werktätigen im Blaumann mit Bierwampe und präsentierte ihn in hautengen Bluejeans mit Knackpo – der sogar sexy wackeln kann. Substanzielles allerdings über die Arbeit und die, die sie leisten müssen, hat die Kulturindustrie selten beizutragen.

Aber bis hinein in die 80er-Jahre, unter den Vorzeichen des Keynesianismus, den Prinzipien der gesamtwirtschaftlich gesteuerten Volkswirtschaft und des Wohlfahrtstaates, waren Arbeiter in kommerziellen Popsongs durchaus präsent: 1959 schlüpfte Chuck Berry für seinen Hit »Let It Rock« in die Rolle eines Eisenbahners, 1977 ehrte Jackson Browne seine hart arbeitenden Roadies mit seiner Ballade »The Load-Out«, die er immer am Ende seiner Shows spielte: »’Cause when it comes to moving me / You guys are the champs«. Van Morrison schämte sich keineswegs seiner Fensterputzer-Vergangenheit und setzte der Zunft mit »Cleaning Windows« ein Denkmal. Auch die Härten des Arbeitsalltags wurden nicht ausgespart: »She Works Hard for the Money« hieß ein Post-Disco-Hit von Donna Summer, in dem sie mahnte: »So you better treat her right.« In Deutschland konnte Gunter Gabriel mit »Hey Boss, ich brauch mehr Geld« und anderen Songs über die Alltagssorgen des »einfachen Mannes« sogar vordere Plätze in den Schlagerparaden belegen. »The Boss« Bruce Springsteen bewies in seinem Lied »Factory« Mitgefühl für die Industriearbeiter, die unter der Monotonie an den Fließbändern zu leiden haben: »End of the day, factory whistle cries / Men walk through these gates with death in their eyes.«

Niedrige Löhne, Erschöpfung werden beklagt, hier und da finden sich semantische Verweise auf die Entfremdung, die die Lohnarbeit unweigerlich mit sich bringt. Aber die Gegenentwürfe der meisten Popmusiker zu Ausbeutung und Zwang in der Arbeitswelt ragen selten über den Horizont des linkssozialdemokratischen Reformismus hinaus. Das Eingemachte des Kapitalismus – das Unrecht der privaten Aneignung gesellschaftlicher Arbeit und die Klassenherrschaft – wird nicht angerührt. Die Lüge von der »produktiven Arbeit« des Kapitalisten, mit der der räuberische Charakter des Wirtschaftssystems verschleiert wird, hat die moderne Popkultur seit jeher lieber reproduziert als entlarvt und die Fundamentalkritik der politischen Ökonomie den Folksängern, politischen Liedermachern und linken Musikkabarettisten überlassen: »Meine Freiheit heißt, dass ich Geschäfte machen kann / Und deine Freiheit heißt, du kriegst von mir ’nen Posten / Und da du meine Waren kaufen musst, stell ich dich bei mir an / Dadurch verursacht deine Freiheit keine Kosten«, machte Georg Kreisler sich seinen Reim auf das »Gleichheitsprinzip« in der Warentauschgesellschaft.

Nach dem Siegeszug von Milton Friedman und seinen Chicago Boys sollte mehr oder weniger das komplette Arbeitsleben im Eisnebel der House- und Techno- Discos verschwinden. Der graue Alltag der Lohnabhängigen existierte – wie in dem Tanzfilm »Saturday Night Fever« von 1977, in dem Farbenverkäufer und gescheiterte Existenz Tony Manero regelmäßig am Wochenende zum Glitter-Star mutiert – nur noch als Kontrastwelt zum süßen Partyleben. Die Kulturindustrie konzentrierte sich wieder voll und ganz auf ihre zentrale ideologische Funktion, die sie zu keinem Zeitpunkt komplett aufgegeben, in den wilden 60ern aber unter dem Druck kulturrevolutionärer Bewegungen zurückgestellt hatte: Güter zur Zerstreuung und Erholung anzubieten, deren Konsum die Lohnabhängigen konditioniert, ihre Haut immer wieder aufs Neue ohne Murren zu Markte zu tragen. Die dem System immanenten und auf seinen Widersprüchen basierenden emanzipativen Negationspotenziale müssen durch stetige Produktion von falschem Bewusstsein neutralisiert werden. Das von ihm angebotene Vergnügen ist, wie Horkheimer und Adorno in ihrer Kulturindustrie-Kritik anmerkten, nicht »Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand«.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 3/2016, erhältlich ab dem 29. April 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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