Melodie & Rhythmus

Krawall und Revolution

15.12.2020 14:19
Foto:  Reuters / David 'Dee' Delgado

Foto: Reuters / David ‚Dee‘ Delgado

Nach einem Jahr der Polizeigewalt und Unruhen in den USA

Joshua Clover

Überlegungen des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Autors des Theoriebands »Riot. Strike. Riot. The New Era of Uprisings« zu den historisch-materialistischen Koordinaten der zunehmenden Aufstände in der westlichen Welt und der Strategie möglicher Umwälzungsprozesse

Als das Video mit dem neun Minuten dauernden Mord an George Floyd an die Öffentlichkeit gelangte, bestand wohl die Macht seiner Bilder nicht darin, dass diese etwas Außergewöhnliches zeigten. Das Video wirkte wohl eher deshalb so eindringlich, weil genau das Gegenteil der Fall war: Der Zuschauer verstand, dass das, was er zu sehen bekam, permanent geschieht – mal mehr, mal weniger überraschend, immer aber mit dieser offenen Brutalität, und zwar ohne Widerstand und Griff nach einer Waffe. Vielleicht wurde endlich klar, dass die Mörder zwar vier Polizisten sind, aber mit ihnen auch zugleich der rassistische Kapitalismus selbst, seine Eigentumsverhältnisse und sein Polizeiapparat.

Mit einem Schrei bricht der Krawall aus – und erlischt auch wieder. So will es zumindest die Überlieferung. Der bedeutende Historiker E.P. Thompson hat das als »spasmodische Sichtweise« beschrieben, der zufolge Krawalle gern als vorbewusste, spontane Reaktionen auf lokal begrenzte Reize abgetan werden. Man diskutiert mit großer Leidenschaft über sie, man schreibt sehr viel über sie, sie gehen in die Jahrbücher ein, und doch gelten sie als geschichtslos. Sie brechen aus Gründen aus, die kaum verstanden werden, bleiben auffallend unerklärt und haben so gut wie keine Theorie hervorgebracht. Unruhen und Krawalle ereignen sich in der Geschichte, aber sie machen keine Geschichte – sie finden einfach statt.

Folglich spielen Krawalle auch kaum eine Rolle in Revolutionstheorien. …

Übersetzung: Maciej Zurowski / Susann Witt-Stahl

»Riot. Strike. Riot« erscheint im Januar 2021 in deutscher Übersetzung:
[↗] galerie-der-abseitigen-kuenste.de/publikation/riot-strike-riot

Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2021, erhältlich ab dem 18. Dezember 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Ähnliche Artikel:

Anzeigen



In eigener Sache

Wenn die Kraft fehlt
Weshalb der Verlag 8. Mai das Kulturmagazin Melodie & Rhythmus einstellt

Leider müssen wir heute eine schmerzliche Niederlage eingestehen: Das Magazin für Gegenkultur Melodie & Rhythmus (M&R) kann nicht weiter erscheinen. Das hat verschiedene Gründe, sie sind aber vor allem in unserer Schwäche und in der der Linken insgesamt zu sehen. weiterlesen

*****************

»Man hat sich im ›Grand Hotel Abgrund‹ eingerichtet«
Zum Niedergang des linken Kulturjournalismus – und was jetzt zu tun ist. Ein Gespräch mit Susann Witt-Stahl

Ausgerechnet vor einem heißen Herbst mit Antikriegs- und Sozialprotesten wird M&R auf Eis gelegt – ist das nicht ein besonders schlechter Zeitpunkt?
Ja, natürlich. … weiterlesen

TOP 10: OKTOBER 2022

Liederbestenliste

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 5% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop
logo-373x100

Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt abonnieren

Jetzt abonnieren
flashback