Adrian Zaar kann man lieben oder hassen
Manche Songs des selbst betitelten Debüts von Adrian Zaar sind grandios. »Warten« ist ein grotesk überzuckerter Tanzbodenfeger, gesungen mit einer extrem pomadigen Stimme, die sich bei Damen einschmeichelt, die noch Hütchen und Handtasche tragen und nachmittags im Seniorenheim auf den Tanztee warten. Meint der Mann, was er singt?
Die scheinbare Ernsthaftigkeit, mit der sich Adrian Zaar als schmieriger Schmachtbolzen inszeniert, wird ihm in der Popwelt nicht nur Freunde bringen. Doch hört man genauer hin, kann man die Platte ganz anders deuten. Adrian Zaar singt mit einem Lächeln. Ob ironisch oder dankbar, weiß nur er allein, doch das Lächeln ist da, es schwingt zwischen den Zeilen mit. Es passt zur Musik, die keine Wiederkehr der Schlagerwelt von Dieter Thomas Heck beschwört. Zaar mixt die Neue Deutsche Welle mit Rex Gildo. Ja! Das geht! Man hört diese Songs und kringelt sich vor Lachen auf dem Boden.
Der Synth-Pop der 80er Jahre ist Zaars Welt, und er beherrscht ihn perfekt. Manche Lieder klingen ein bisschen wie die älteren Songs von Andreas Dorau. Das ist durchaus als Qualitätsmerkmal zu verstehen. Die Remixe der Zaar-Songs, die auf CD 2 beigelegt sind, zeigen, wie viel musikalisches Potenzial dieser Mann besitzt.
Der in Bern lebende Zaar dichtet Herz-Schmerz-Reime, für die jeder andere Sänger verprügelt würde: »Du sprichst nicht von Liebe / warum nur merk ich‘s nicht / So viele schöne Worte / so verträumt dein Blick / Du sprichst nicht von Liebe / nur vom lebenslangen Glück«. Bei Adrian Zaar schließt man die Augen und singt inbrünstig mit. Bis man mit einem Schlag auf den Hinterkopf daran erinnert wird, dass es Menschen gibt, die Adrian Zaar problemlos hassen können.
Jürgen Winkler
Anzeigen br>Adrian Zaar s/t (2 CDs)
Snowhite/Universal, VÖ: 10.02.2012



Fotos von Katja Koschmieder und Jens Schulze








