Melodie & Rhythmus

Steve Cradock

17.08.2011 12:52

Steve Cradock

Dem Songwriter Steve Cradock eilt der Ruf, ein hundertprozentiger Hit-Schmied zu sein voraus. Handwerklich perfekt, in Sachen Kleidung immer stilsicher und überhaupt ein super Typ – dies sind die Attribute, die Paul Wellers langjährigem Gitarristen zugesprochen werden. All das kriegt er hin, obwohl er nicht nur mit Weller, sondern auch mit Amy Macdonald, Oasis, Paolo Nutini, Steve Ellis, The Who, Corinne Bailey Rae, Richard Hawley, Amy Winehouse und vielen mehr durch die Welt tourte. Weniger bekannt ist dagegen, dass er genau die Art herzzerreißender Popsongs schreibt, für die die meisten Bands mindestens ihre Mütter verkaufen würden.

Aber erst einmal zurück zum Anfang: Geboren in Birmingham, aufgewachsen unter musikalischem Einfluss von The Who, The Small Faces und The Jam, war Steves erste Band The Boys eine wüste Powerpop-Bande. Wohlgemerkt zu Zeiten, als die Mod-Szene so dermaßen Underground war, dass man das Moos auf ihren Parkas riechen konnte. Inspiriert durch The Stone Roses, leuchtete seine nächste Band, Ocean Colour Scene, in eindrücklichstem Technicolor. Innerhalb eines Jahres – Steve war erst zwanzig – bildeten Ocean Colour Scene die Vorhut einer zweiten Welle von Britpop-Bands.
1993 von Paul Weller, der Cradock noch aus The Boys-Zeiten kannte, für seine Band angeheuert, hauchte die ansteckende Begeisterungsfähigkeit des Gitarristen Ocean Colour Scene neues Leben ein. Ihr zweites Album „Moseley Shoals“ war dann auch gleich für vier Top-Twenty-Hits gut – darunter auch der Evergreen: „The Riverboat Song“. Das Nachfolgealbum „Marcin’ Already“ verscheuchte glatt Oasis’ „Be Here Now“ vom Nummer-Eins-Thron und der Status der Band an der Spitze der Britpop-Fahnenstange wurde mit einem Auftritt beim Oasis-Mega-Gig in Knebworth vor 250.000 frenetischen Fans nur noch der Form halber bestätigt. Ständig pendelnd zwischen „Ocean Colour Scene“ und einer Rolle als musikalischer Geheimrat des Modfather, kam Steve erst vor zwei Jahren dazu, sein brillantes Solo-Debüt „Kundalini Target“ fertigzustellen.

Womit wir bei „Peace City West“ wären, das in vierzehn Tagen in den Deep Litter Studios im südwestenglischen Devon aufgenommen wurde. Mit einem ständig rotierenden Musikerteam, darunter Tony Coote, dem Multiinstrumentalisten Fred Ansell und dem Schauspieler James Buckley an Gitarre und Gesang, ist „Peace City West“ genau so überbordend melodisch, wie man es von jemandem mit so einem weit zurückreichenden musikalischen Stammbaum erwarten kann. „Es ist eine ziemlich heitere Platte,“ erklärt Steve, „wahrscheinlich eine Art Spiegelung des Aufnahmeortes. Eine Scheune auf einem Bauernhof an der äußersten Südspitze von Devon, die mich irgendwie an einen Ort erinnert, wo Ronnie Lane (Bassist und Songschreiber der Bands Small Faces und The Faces ) aufgenommen haben könnte. Keine Klimaanlage, sehr ländlich und vollgestopft mit geradezu märchenhaften Instrumenten.“

Dieses idyllische Wir-treffen-uns-auf-dem -Land-Gefühl ist in der zärtlichen Ballade ‚Little Girl‘ deutlich hörbar. Dass „Peace City West“ eine sehr persönliche Platte ist, hört man deutlich bei „Only Look Up When You’re Down“.
„Ich habe es für meine Mutter geschrieben, weil es ihr nicht so gut ging,“ erklärt er. Der Song kann aber auch ganz generell für den Blickwinkel aufs Leben gelten, möchte aber an dieser Stelle nicht zu sentimental werden.“
Andere musikalische Geister zogen bei „Peace City West“ auch ein. So hat das funkige ‚Steppin’ Aside‘, bei dem Steves Frau Sally den Backing-Gesang beigesteuert und den Song mitgeschrieben hat, einen Groove, der an Dusty Springfield erinnert. Einen Groove, den es in verschiedener Form all die Jahre gab.Während das atemberaubende ‚Finally Found My Way Home‘ schon irgendwie wie ein Klassiker wirkt. Die Art Song also, die man wie eine staubige 45er in einem Trödelladen findet und für immer in sein Herz schließt.

„Ich hatte die Akkordfolge schon seit fünfzehn Jahren im Kopf,“ lacht Steve, „und habe nur auf einen gewartet, der die Texte dazu schreibt. Und schließlich hat Andy Crofts die Texte bearbeitet, als wir auf Tour in Melbourne waren. Wir haben unsere Lieben vermisst, womit sich eine gewisse Melancholie eingeschlichen hat. Ich bin ja nicht grade der beste Sänger, aber es geht darum, ein Gefühl rüberzubringen. Naja, das ist eben das, was ich am besten kann.“ Während ‚My Scooter Sits Idle‘ mit einem von Steves bis dato besten Couplets glänzt („My Scooter sits idle/ Just like my Gideon’s Bible“), begeistern die mitreißenden ‚Last Days Of The Old World‘ altgedienten Fans. Bei einem Kinks-mäßigen, von apokalyptischen Texten über „Digital Showers Over London“ eingerahmten Gitarrenriff wirkt übrigens ein gewisser P. Weller mit. „Ich habe es in drei Stunden im Black Barn aufgenommen und Paul fragte, ob er den Bass spielen dürfte. Dann hat er auch ein paar Backing-Vocals beigesteuert, die wirklich klasse waren, man hört es ja. Ich habe den Refrain und Andy Crofts die Texte geschrieben. Ist zwar ‚ne wilde Mischung, aber mit einer guten Message.“

Und der Titel?
„Den hab‘ ich von Andy Lewis. Es gibt ein Buch von Sir John Hackett über einen imaginären Dritten Weltkrieg, in dem Birmingham und Minsk zerstört werden und in Kriegserinnerungsstätten verwandelt werden, die Peace City West bzw. East genannt werden. Das schien mir ein interessantes Konzept. Und es war auch eine nette Verbeugung vor meiner Heimatstadt, weil ich ja ein paar Jahre weg war.“
Es war eine lange und ziemlich eigenartige Reise, aber „Peace City West“ beweist, dass Steve Cradock endlich angekommen ist.

Paul Moody

Termine:
14.09.2011 – Dresden (Beatpol)
15.09.2011 – Berlin (Comet Club)
16.09.2011 – Hamburg (Knust)
17.09.2011 – Münster (Gleis 22)
18.09.2011 – Köln (Werkstatt)
19.09.2011 – Frankfurt am Main (Nachtleben)

www.stevecradock.com
www.haldern-pop.de

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