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Daß man einen Abgesang auf Amy Winehouse in der Schublade hätte haben müssen, hat vielleicht auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung festgestellt, die sich beim Wiederhören des überschaubaren Lebenswerks der Soulsängerin »am Abend ihres Todestages«, dem Samstag, irgendwie, wie ihr selbst auffiel, falsch erinnert fühlte an »die andere große Trinkerin der Popmusik, an Janis Joplin« und dann sogar an Lena Meyer-Landrut. Ansonsten wurde die Bemerkung, Winehouse sei gestorben, in den meisten Fällen mit Stirnrunzeln und kurzem Brauen-Zucken quittiert. Ach? Doch so jung? Ja, genau, so jung. Na ja, war irgendwie doch klar. Die Frage nach der Todesursache – eigentlich überflüssig. Sex, Drugs and Rock’n’Roll eben. Was genau sie jetzt ins Jenseits befördert hat, spielt schon fast keine Rolle mehr.
Ein weiteres Talent hat den Löffel zu früh abgegeben und zwar mal wieder so, daß Publikum und Musikindustrie gleichermaßen zufrieden sein können. Solche Geschichten schaffen Nachfrage, weil fast alle das brauchen. Einer oder eine muß doch dieses Leben führen, von dem wir manchmal träumen. Zeigen, daß irgendwo der Soul, der Blues, der Punk oder der Rock regiert, daß es einen Ort gibt, wo authentische Menschen ehrliche Musik machen. Wo die Gefühle groß und echt sind. Wo der Rausch Spaß macht. Dabei weiß jeder, daß auch die vermeintlichen Stars sich ihre Wirklichkeit schön saufen, die Langeweile in ihren Betten wegkoksen und tiefe Depressionen mit Pillen bekämpfen. Daß die heilige Dreifaltigkeit des Pop als Lebensentwurf nicht taugt und, wer es versucht, daran zerbricht, ist ebenfalls allseits bekannt. Genau deshalb ist der Tod von Amy Winehouse nicht mehr und nicht weniger als ein Tod mit Ansage.
Wer immer Gelegenheit hatte, sie einmal für ein Interview zu treffen, konnte das wissen. »Bitte gedulden Sie sich noch«, raunte die PR-Frau an einem sehr frühen Nachmittag in einem Berliner Hotel: »Amy kommt etwas später. Sie hat schon wieder eine Flasche Wodka getrunken«. Verschwörerisches Blinzeln. Die Journalisten sollten mitbasteln am Hype um diese kleine, hyperschlanke, über-und-über-tätowierte Frau mit der großen Stimme. Am Abend folgte damals ein Promo-Konzert für ihre zweite und letzte Platte mit dem durchaus programmatischen Titel »Back to Black«, die die Motown-Soul-Nostalgie seltsam frisch wirken ließ und sich weltweit fünfeinhalb Millionen Mal verkaufen sollte. Der Auftritt war schlecht, aber nicht grottenolmschlecht, gerade eben so, daß viele rausgingen und sagten: Schlechte Performance, aber sie kann es doch! Wissen wir doch!
Wie lange noch?, wäre die richtige Frage gewesen. Und ich würde gerne wissen, wer vor einem knappen Monat die Idee hatte, Winehouse in Belgrad auf die Bühne zu scheuchen. Der letzte Auftritt im Vollrausch, von 20000 Zuschauern von der Bühne gebrüllt – dieser Verlust jeder Würde macht ihren Tod trauriger, als er eh schon ist.
Ich weiß nicht, ob auf der Beerdigung Musik gespielt werden wird. Dürfte ich eine Platte auflegen, würde ich »Too Much Junkie Business« (Johnny Thunders and the Heartbreakers) in Erwägung ziehen. Vielleicht hören sie die Botschaft im Club 27 dann ja auch.
Von Nikolaus Korber, erschienen in junge Welt, 25.07.2011
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Fotos von Katja Koschmieder und Jens Schulze








