Das »Asow«-Militär als Agent der reaktionären Modernität des »Dritten Reiches« und der SS

SS-Divisionen-Parade am 25. September 1937 auf dem Königsplatz in München
Foto: IMAGO / Bridgeman Images
Susann Witt-Stahl
Ein Soldat wird im freien Feld von einer heranfliegenden Kamikazedrohne gejagt. Er rennt um sein Leben – vergeblich. Sie stürzt sich auf ihn, die First-Person-View-Kamera liefert ein Bild auseinanderschießender Punkte und dann nur noch Rauschen. Solche Szenen produziert die »Revolution« des digitalisierten Techkriegs tausendfach in den »Killzones« der Ostukraine, die gegenwärtig von den »Asow«-Militärs als Avantgarde des zunehmend KI-gestützten Gemetzels mit Unmanned Aerial und Ground Vehicles beherrscht werden.
Die Befehlshaber des Militärs im imperialistischen Krieg verschleiern seit jeher mit Pomp, Glanz und Gloria nicht nur, dass sie Söldner der herrschenden Klasse sind – sie lassen den Menschen als verletzliches und quälbares Wesen fast vollständig verschwinden. »Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert«, heißt es in Filippo Tommaso Marinettis berühmtem Text zum Abessinienkrieg von 1935, dem ersten faschistischen Vernichtungskrieg in der Geschichte. Heute wie damals gilt: Je mehr der Soldat zum Anhängsel der Kampfmaschinen degradiert wird, desto bestrebter sind besonders faschistische Militärs als Exekutoren imperialer Gewaltakte, die Brutalität – nicht zuletzt auch, mit der sich dabei die Selbstentfremdung des Menschen vollzieht – durch radikale Ästhetisierung des Krieges und Überhöhung des Kriegers zu überblenden.
Die in Nazideutschland zum »Eliteorden« aufgestiegenen SS-Verbände hatten beides nahezu zur Perfektion getrieben – mit Design, Ritualen, Kulten, Kodexen, Mythen und Weltanschauung. Seit die Ukraine existenziell von deutscher und anderer westlicher Hilfe abhängig ist und einen EU-Beitritt forcieren will, leugnen die den Sicherheitsapparat dominierenden Faschisten in wachsendem Maße ihre Affinität zum »Dritten Reich« – in Wahrheit suchen sie aber ihr Heil im Kryptonazismus. Viele – oftmals kodierte – Elemente der Kultur und Ideologie von »Asow« und verwandten Kräften im Stellvertreterkrieg gegen Russland zeigen: Die historischen Nachfolger der Gefolgschaft der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die für einen »unabhängigen« Staat als Satellit Hitlerdeutschlands gestritten und in der Wehrmacht, Waffen-SS, in den Schutzmannschaften etc. gedient hatten, eifern diesen heute nach.
»Nationalismus des Willens«
Die Verbindung zwischen ukrainischem Faschismus und Nazideutschland ist bereits – damals noch in spe – in den 1920er-Jahren entstanden; sie sollte den Weg bereiten für den Einsatz von Ukrainern als »inneren Sprengungskräften des bolschewistischen Herrschaftsbereichs«, wie es später Gerhard von Mende als Verbindungsmann des »Ostministeriums« zur »Abwehr«, dem Militärgeheimdienst der Deutschen Wehrmacht, im Einvernehmen mit seinem Vorgesetzten Alfred Rosenberg, vorsah.
Ideologischer Brückenbauer sollte der bis heute von der »Asow«-Bewegung als »Gottvater« der OUN verehrte Publizist Dmitro Donzow (1883–1973) sein. Er war führender Theoretiker des »integralen Nationalismus« als ukrainischer Erscheinungsform eines Faschismus (noch) ohne Staat, der sich am »Nationalsozialismus« orientierte und die europäische Identität als Bollwerk der Zivilisation gegen das »barbarische Asien« stellte. »Für Donzow war Hitler das Ideal eines faschistischen Führers«, so der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe. »Nazideutschland war für ihn der ideale faschistische Staat.« Donzow hatte bereits 1926 Teile von »Mein Kampf« ins Ukrainische übertragen; in den 1930er-Jahren veröffentlichte er Schriften von Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg. Sein aggressiver Antisemitismus war von emphatischem Hass auf den »jüdischen Bolschewismus« getrieben. Er war beeinflusst von der deutschen Romantik sowie vulgären Lesarten von Friedrich Nietzsche und Johann Gottlieb Fichte. In seinem Buch »Nationalismus« propagierte er »die Idee von Kampf, Expansion, Gewalt« und »einen fanatischen Glauben an die eigene Wahrheit, Exklusivität, Härte« – einen Wertekanon der Unerbittlichkeit und Gnadenlosigkeit, der in seiner Kreation »Bestie der Nation«, ein für sein Magazin Wistnyk angefertigtes Logo, visualisiert wurde. Sein manifestes Bekenntnis zu Dogmatismus, Amoralität und sein »Nationalismus des Willens« weisen deutliche Analogien zur Weltanschauung, »Ethik« und Kultur des »Dritten Reiches« und Hitlers »Prätorianern« auf.
»Meine Ehre heißt Treue«
»Asow«-Truppen und andere faschistische Militärs der Ukraine setzen heute stumme Zeichen der Erneuerung alter Banden. Sie lassen die »Donzow-Bestie« in ihren Emblemen wieder aufleben – etwa der »Chorunscha-Dienst«, Einheit für Traditionspflege und ideologisch-weltanschauliche Bildung, des »Chartija«-Korps. »Asow« verwendet das mit der Bedeutung »Idee der Nation« aufgeladene Wolfsangelsymbol für seine Kerneinheiten in der ukrainischen Armee und Nationalgarde, das schon Truppenkennzeichen der Waffen-SS-Division »Das Reich«, des ersten von der Schutzstaffel aufgestellten militärischen Großverbands im Zweiten Weltkrieg, war. Andrij Bilezkij, Führer der »Asow«-Bewegung, gab der Keimzelle ihres Freiwilligenbataillons, das sich 2014 formierte, den Namen »Schwarzes Korps«, wie einst die SS genannt wurde und deren Organ hieß. Im ersten offiziellen »Asow«-Truppenlogo ging Himmlers Schwarze Sonne auf, bekannt durch das berühmte Bodenornament in der Wewelsburg.
Die Insignien von »Asow« und Co sind überladen mit von der SS verwendeten Schriftzeichen des germanischen Futharks: Die Spezialeinheit »Kraken« des 3. Armeekorps etwa führt in ihrem Verbandskennzeichen die durch die SS-Freiwilligen-Grenadier-Division »30. Januar« bekannte Tyrrune, die Kampf- und Opferbereitschaft symbolisiert. Im Signum der 3. Kompanie des 49. Sturmbataillons findet sich die Odal-»Blut und Boden«-Rune, die einst die SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division »Prinz Eugen« in ihrem Wappen trug. In leicht verfremdeter Form wird der Siegrune, Markenzeichen der SS, gehuldigt, etwa durch die »Wedmedi« – Motto der Einheit: »Meine Ehre heißt Treue« –, die 2022 dem »Asow«-Regiment der Nationalgarde angeschlossen war, mittlerweile zu einem Bataillon für unbemannte Systeme erweitert wurde und in die Küstenwache eingegliedert ist. Sogar die SS-Sondereinheit »Dirlewanger«, die während des Zweiten Weltkriegs in Belarus Zentausende von Zivilisten abgeschlachtet, Hunderte von Dörfern niedergebrannt hatte und der auch ukrainische Kollaborateure angehörten, erfährt Würdigung: Die 3. Kompanie des 2. Bataillons der 3. »Asow«-Sturmbrigade der Armee hat eine leicht modifizierte Version des »Dirlewanger«-Wappens (statt zwei enthält es drei gekreuzte Stabhandgranaten) zu ihrem Truppenkennzeichen auserkoren – es ziert sogar ihre Orden.
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Das »Wedmedi«-Bataillon unter dem Kommando von »Asow« mit Truppenfahne »Meine Ehre heißt Treue«
Nicht nur der Tod, auch der Schrecken und Grauen ästhetisierende Todeskult ist ein »Meister aus Deutschland«. Die SS und die Ideologen des »Dritten Reiches« beherrschten ihn weltmeisterlich. Das Symbol der aus den KZ-Wacheinheiten der SS hervorgegangenen Totenkopfverbände, das in Wappen ukrainischer Einheiten ein Revival erfährt und von unzähligen Militärangehörigen auf ihren Uniformen spazieren getragen wird, ist mehr als ein Zeugnis der Bewunderung für die »Rassekrieger«: Es ruft einen nazistischen »Urtrieb« an – die Todesverklärung, die sich besonders in der Heldenfetischisierung ausdrückt. In den Social-Media-Kanälen von »Asow«-Militärs finden sich massenhaft Videos von ihren heidnischen Totenzeremonien im Fackellicht, das diesen die nötige sakrale Aura verleiht, gedreht auf »spirituellen Kraftfeldern«, wie Waldlichtungen und Gewölben. Es werden auch Kenotaphs, Scheingräber, für gefallene »Asow«-Kämpfer errichtet, zum Beispiel 2015 in der Nähe von Mariupol auf einem Hügel mit drei in den Boden gerammten Schwertern – »ein Symbol, dass die Krieger ihren irdischen Kampf beendet haben«, erläutert Oleksij Rains, Angehöriger der 3. Sturmbrigade.
Rains hat den Decknamen »Konsul«, den die »Abwehr« der Wehrmacht den OUN-Führern Andrij Melnik und Stepan Bandera verpasst hatte (»Konsul I« und »Konsul II«), für sich als Nom de guerre angenommen und ist seit dem Tod des »Asow«-Philosophen Mykola Krawtschenko 2022 Chefideologe der »Asow«-Bewegung – und wird auch von den Militärs rezipiert, zum Beispiel im 3. Armeekorps. Er unterhält sogar einen eigenen Verlag in Kiew, der neben Klassikern der OUN-Denker und des nach der Unabhängigkeit der Ukraine verbreiteten »Sozialnationalismus« auch Neonazi-Merchandise vertreibt. »Solange der Geist der Krieger in den Ukrainern lebt, wird die Nation immer Nachkommen gebären, die bereit sind, das Schwert ihrer Vorfahren als Erbe anzunehmen«, versichert »Konsul« und zitiert die »Asow«-Beschwörungsformel der Unsterblichkeit: »Ein Krieger zu sein, heißt, ewig zu leben.«
Der Politikwissenschaftler Peter Reichel bemerkte in »Der schöne Schein des Dritten Reiches«, Standardwerk der kritischen Analyse der Ideologie, Kultur und Propaganda Hitlerdeutschlands und seiner Krieger: »Wo Nazis vorgaben, der Toten zu gedenken, verdrängten sie bloß den Tod. Sterben, zumal fürs Vaterland, stilisierten sie zur ›Ewigkeit‹ des Heldenlebens, zum Todeskitsch.« Diese Form der Nichtverarbeitung des oftmals sehr grausamen Todes in den Schützengräben – vor allem als Weltuntergang des menschlichen Individuums – kennzeichnet auch »Asows« Heldenideologie.
»Rittertum der Freiwilligen«
»Sich freiwillig in Stahlgewitter zu begeben und die Zukunft weniger für sich selbst als vielmehr für die gesamte Nation zu schmieden – das ist die höchste Form der Taten, zu denen ein Mensch fähig ist«, so »Konsul«. Er erklärt »Asow« mit Verweis auf den »Dekalog« der OUN von 1929, »moralischer Kompass« und »erster der drei heiligen Texte unserer Ideologie« – die beiden anderen sind die »44 Lebensregeln des Nationalisten« und das »Gebet des Nationalisten« –, zur vierten Generation der »Großen Ritter«, die jeweils den Tod ihrer Ahnen zu »rächen« haben. Beginnend mit dem »Rittertum« der Kiewer Rus im 9. Jahrhundert, gefolgt vom »Kosakenrittertum« des 15. und 16. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert vom »Rittertum der Aufständischen«, vor allem gegen den Hauptfeind Sowjetunion, bildet die »Asow-Generation« ihrer Vorstellung nach das »Rittertum der Freiwilligen«.
Zum »Rittertum der Aufständischen« zählt neben der UPA als bewaffnetem Arm des radikalen Bandera-Flügels der OUN auch die Division »Galizien« der Waffen-SS, die bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Eid auf Adolf Hitler geschworen hatte. »Vor 83 Jahren schlossen sich Tausende von ukrainischen Freiwilligen dem Projekt der Verteidigung Europas an, um ihre Häuser vor Moskaus Invasion zu schützen«, hieß es in der Rede eines Offiziers des 3. Armeekorps anlässlich der Feierlichkeiten seiner Einheit zum Gründungstag der galizischen SS am 28. April 2026. »Diese Menschen nahmen die Waffen in die Hand, um sich für den Holodomor, den roten Terror und jeden ermordeten Ukrainer zu rächen – so wie wir heute an vorderster Front der Verteidigung Europas stehen und unser Zuhause vor der neobolschewistischen Horde schützen.« Auch der »Asow«-Ideologiezar stimmte eine Hymne auf die »glorreiche Division« an: »Die Traditionen Galiziens leben in der modernen ukrainischen Armee weiter«, so Rains. »Ritterliche Ideale haben Bedeutung, und ewige Werte bringen neue Generationen von Kämpfern hervor.«
Wie die SS sich mit ihren schwarzen Designeruniformen, Totenkopf-Ehrenringen und -dolchen als »höchste Auslese« des bewaffneten »Dritten Reiches« und damit auch als Herren über Leben und Tod aufführt, fordert »Asow« für sich Anerkennung als Kriegeraristokratie und höchste Kaste der ukrainischen Streitkräfte mit Anspruch auf Führung der Nation. Nicht allein vor den Särgen der gefallenen Neonazi-»Helden«, die für die in schwülstiges Pathos getränkten Beerdigungszeremonien aufgebahrt werden, hat das Volk und sogar der Präsident ehrfürchtig auf die Knie zu gehen – auch vor ihrem Martialismus und Monumentalismus, die auf Überwältigung und Einschüchterung ausgelegt sind. »Die universelle Durchdringung unserer Ästhetik erfreut das Auge. Die Ukrainer gewöhnen sich allmählich daran, dass es den ukrainischen Nationalisten um Stil, Stärke, Heldentum geht«, lässt »Konsul« keine Missverständnisse über die Machtverhältnisse aufkommen. »Sie gewöhnen sich daran, dass dieses Land unser Land ist.«
Materialismus als Materialschlacht
Für Nazis und andere Faschisten ist der Krieg Vater aller Dinge. Der industrialisierte Krieg setze das »kümmerliche Emblem des Heroismus […] außer Kurs«, konstatierte Walter Benjamin in seiner Rezension der Essaysammlung »Krieg und Krieger« zum Ersten Weltkrieg, die Ernst Jünger – er gehört heute an den Fronten des Ukraine-Kriegs neben Donzow und Nietzsche zu den am meisten rezipierten Literaten – 1930 herausgegeben hatte. »Der imperialistische Krieg ist gerade in seinem Härtesten, seinem Verhängnisvollsten mitbestimmt durch die klaffende Diskrepanz zwischen den riesenhaften Mitteln der Technik auf der einen, ihrer winzigen moralischen Erhellung auf der anderen Seite.« Diese Entwicklung wird mit der »Gamifizierung« des Krieges durch Drohnen und Bodenroboter, bedient von Cyborg-Kriegern, die via Computer-Screen genau das Schlachtfeld als virtuelles wahrnehmen, auf dem sich echte Tote türmen, radikalisiert und schreit nach Rematerialisierung des Erlebnisses.
Die »Asow«-Krieger und ihre Gesinnungsbrüder sind Agenten »reaktionärer Modernität«, wie Peter Reichel schon die SS in seiner Studie »Der schöne Schein des Dritten Reiches« beschrieben hatte, mit der er Walter Benjamins These, die Faschisten ästhetisierten die Politik und übertrügen das »L’art pour l’art«-Prinzip auf den Krieg, empirisch untermauerte. »In dieser militärisch-rassistischen Ordensgemeinschaft verbündete sich ein antimoderner Romantizismus mit einem hochmodernen Technizismus.« Als durch und durch fanatische Idealisten mit objektivem Drang zur Verwirklichung von Dystopien, die Materialismus allein als Materialschlacht kennen, können sich die »Asow«-Krieger nur in Wiederfleischwerdungsritualen destruktiver Ertüchtigung des längst verdinglichten Körpers mit Martial Arts ergehen (sie veranstalten eine Unzahl von Galas für Messerkampf, Kickboxen etc.) – je tiefer die Wunden, je größer der Schmerz, desto befriedigender die Erfahrung.
Ihre Ideologen predigen sogar die Regression in den – in Europa schon überwunden geglaubten – Blutkult: Nicht zufällig sind unzählige Verbandsembleme, Fahnen, Orden, Moral-Patches etc. ukrainischer Truppen mit den an völkische »Instinkte« appellierenden Symbolfarben der Banderisten unterlegt: Sie bedeuten »rotes Blut, vergossen bei der Verteidigung der schwarzen Heimaterde«, mahnt »Konsul« zur Rückbesinnung. Schließlich habe Dmitro Myron-Orlik, ein Führer und Theoretiker der historischen OUN, die »44 Regeln des Nationalisten« in polnischer Haft »mit Blut an die Wand geschrieben«. Die Nation als politisches Gebilde zur Durchsetzung ökonomischer Interessen, der angehört, wer ihre Staatsbürgerschaft besitzt – das sei ein »Lüge« von »destruktiven Elementen«, erklärt »Konsul« und beharrt auf die archaische Vorstellung einer exklusiven »Blutgemeinschaft« verbunden durch »das historische Schicksal, Traditionen, Mentalität, Bräuche und Abstammung«. Wie einst unter Hitler und seiner SS bedarf es für die »Asow«-Militärs der Ästhetisierung des Blutes als »Taufwasser« der Nation, nicht zuletzt deshalb werden sie es weiter fließen lassen.
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Fotos von Katja Koschmieder und Jens Schulze








