Melodie & Rhythmus

Der Griff zum Herzen

26.08.2014 14:26

Zuckermann Wecker
Fotos: Gabriele Senft, Nikolaos Damianidis

M&R-Podium mit Konstantin Wecker und Moshe Zuckermann auf dem UZ-Pressefest

Links ist eine Anstrengung. Lebenslänglich.« Wer wollte, gerade in Zeiten wie diesen, Max Frisch widersprechen? Da schadet es nicht, eine Auszeit zu nehmen. Eine Möglichkeit dazu bot sich auf dem »größten Volksfest der deutschen Linken«, dem von der DKP veranstalteten UZ-Pressefest. Es lief vom 27. bis 29. Juni in Dortmund – politische Musik inklusive. Als Headliner traten die Großen der Szene wie Konstantin Wecker und Klaus der Geiger auf, und die Microphone Mafia feierte mit Esther Bejarano, einer der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, ihr 25-jähriges Bestehen.

Passend dazu widmete M&R ihre zentrale Veranstaltung den Möglichkeiten und Grenzen politisch engagierter Musik. Moderiert von Chefredakteurin Susann Witt-Stahl waren dazu Moshe Zuckermann und Konstantin Wecker ins beinahe aus den Nähten platzende Zelt der Tageszeitung junge Welt geladen. Das Podium lieferte einen Rundumschlag: Von theoretischen Fragen über die (Ohn)Macht der Kunst bis hin zu Tagesaktuellem, etwa der neofaschistischen Mobilisierung mit Popmusik auf dem Kiewer Maidan.

Eröffnet wurde die Runde mit der Frage, ob und wie Musik die Welt verändern kann. Wecker, an den Witt-Stahl sie richtete, gab zurück, dass er zwar »keine Bewegung« ausrufen wolle, aber die Lage noch viel miserabler wäre, wenn es politische Lieder nicht geben würde. Musik könne im Einzelnen etwas bewegen – mit dem direkten Griff zum Herzen, ergänzte Zuckermann.

Gerade in dieser emotionalen Komponente liege aber auch die Gefahr des Missbrauchs: Wenn also die Kunst – anstatt politisiert zu werden – zur Ästhetisierung der Politik beitrage, meinte Zuckermann in Anlehnung an ein berühmtes Diktum von Walter Benjamin. Oder sich ganz in ihren Dienst stelle. Als Beispiel einer solchen »affirmativen Ideologie« fiel der Name »Fettes Brot«. Die Band hatte kürzlich mit einem Besuch auf einem deutschen Kriegsschiff ein »Herz für die Bundeswehr« gezeigt, wie Zuckermann kritisierte. Er verwies aber noch auf einen dritten Weg, wie Musik politisch werden könne: Indem sie einen Gegenentwurf zur schlechten Realität schaffe – ein »Stück Utopie«.

Wie aber soll das klingen? Zuckermann gab Adorno recht, der gegenüber politischer Popmusik Skepsis hegte, da sie als Ware Leid konsumierbar mache und damit ihren kritischen Stachel verlieren würde. Es könne nicht darum gehen, politische Musik um jeden Preis populär machen zu wollen. Dazu merkte Wecker als »alte Rampensau« an, dass ihm manchmal mulmig werde, wenn das Publikum die plakativsten Lieder am lautesten mitsingt. Musik und Text müssten »Brüche« enthalten, eine gewisse »Selbstreflexivität«.

Die Diskutanten einigten sich schließlich darauf, dass man die Musik nicht mit der Theorie »zerdenken« soll. Der Abend im jW-Zelt endete mit dem Countdown der zehn beliebtesten Revolutionslieder, die die M&R-Leser via Umfrage ermittelt hatten und die von Künstlern des Festivals neu interpretiert wurden. Frenetischen Beifall bekam die Nummer eins: »Die Internationale«.

Alan Ruben van Keeken

Der Beitrag erscheint in der M&R 5/2014, erhältlich ab dem 29. August 2014 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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