Melodie & Rhythmus

Im Treibhaus des Kapitals

10.12.2019 14:02
Foto: gemeinfrei

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Gespräch mit Andreas Malm über die Racket-Natur der fossilen politischen Ökonomie, revolutionäre Naturkräfte und die Notwendigkeit von militantem Widerstand

Agenda Aufklärung wider den reaktionären Zeitgeist. Wir geben uns die Ehre und bitten Künstler und Intellektuelle zum Kritischen Duett mit der M&R-Redaktion zu einem aktuellen Thema.

Der schwedische Humanökologe Andreas Malm hat in den vergangenen Jahren vielbeachtete Beiträge zur marxistischen Theorie und Geschichte der Erderwärmung geschrieben. In »Fossil Capital« (2016) rekapituliert er die Industrialisierung des Energiesektors als Teil des kapitalistischen Umbaus der britischen Wirtschaft im 19. Jahrhundert: Dampfkraft verdrängte laut Malm Wind und Wasser als Energiequellen, vor allem weil das Kapital damit seine Klassenherrschaft festigen konnte. In seinem Buch »The Progress of This Storm« (2017) schließlich verteidigt Malm in der Klimadebatte den historischen Materialismus gegen Konstruktivismus, Hybridismus und Postmoderne. Die M&R-Redaktion interessiert sich besonders für seine Thesen zum revolutionären Kampf gegen die Erderwärmung, die heute schon die Existenz von Millionen Menschen vorwiegend im globalen Süden bedroht, und die Bedeutung, die der Natur und Kultur dabei zukommt. Das Gespräch führten Bastian Tebarth und Susann Witt-Stahl.

Sie bezeichnen die geochronologische Epoche, in der wir leben, als »Kapitalozän«. Der Begriff schlägt offenbar zwei Fliegen mit einer Klappe: Er markiert das ökologische als ökonomisches Problem und definiert damit den Kampf gegen den Klimawandel als die vordringlichste Aufgabe der antikapitalistischen Linken. Warum verwenden Sie nicht den Begriff »Anthropozän« der bürgerlichen Wissenschaft?

Ich habe kein Problem mit dem Begriff als solchem. »Anthropozän« beschreibt eine Epoche, in der menschliche Aktivitäten zur vorherrschenden Kraft im Erdsystem geworden sind − das ist an sich eine unbestreitbare Beobachtung. Ein Problem entsteht aber dann, wenn diese wissenschaftliche Erkenntnis in eine Erzählung über die Ursachen der Umweltzerstörung einfließt, die die menschliche Spezies in toto, alle Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, als die Schuldigen ausmacht. Das ist ein verhängnisvoller Fehlschluss, weil diese Erzählung schlichtweg nicht wahr ist. Die Produktivkräfte, die sich jetzt auf der Ebene der Biosphäre in zerstörerische Kräfte verwandelt haben, wurden zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte von der Menschheit (im Sinne einer universellen Einheit) erfunden und entwickelt. Ich habe mich in meiner Forschung intensiv mit der Dampfmaschine beschäftigt, die zu Recht als entscheidender Technologiesprung in eine auf fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaft angesehen wird: Sie war eine Erfindung eines kleinen Kreises wohlhabender weißer Männer in Großbritannien, die zudem ein beträchtliches Maß an Gewalt einsetzten, um sie im eigenen Land und in der Welt zu verbreiten. In den vom Imperialismus dominierten Weltökonomien kann die Technologiegeschichte nicht von den Widersprüchen von Klasse, Rasse, Geschlecht und nicht zuletzt Zentrum und Peri-pherie getrennt werden. So ist es Fakt, dass die CO2-Emissionen bizarr ungleichmäßig verteilt sind. Laut jüngsten Untersuchungen emittieren die reichsten 0,54 Prozent der Menschheit ein Drittel mehr als die gesamte ärmere Hälfte. Die Flotte von Superyachten − weltweit 300 Schiffe, die sich im Besitz von Ultrareichen befinden − emittiert in einem Jahr so viel CO2 wie alle zehn Millionen Einwohner Burundis zusammen. Sicher haben menschliche Aktivitäten andere Kräfte auf dem Planeten überholt − das sind aber keine Aktivitäten, die von uns allen gemeinsam oder im Konsens unternommen werden. Die Spezies, die die Erde beherrscht, ist in Klassen gespalten, und sie würde niemals auf die gleiche Weise herrschen, wenn es keine Hierarchien gäbe. Das heißt, eine Menschheit, die in materieller Gleichheit lebt, wäre logischerweise unvereinbar mit der Art von Kapitalakkumulation, die jetzt den Planeten verwüstet. Präziser ist daher der Begriff »Kapitalozän«. Die Reichen machen unser Leben nicht nur unnötig elend. Sie treiben den ökologischen Zusammenbruch voran.

Und die bürgerliche Idee des grünen Kapitalismus wird als Lösung für die selbst verursachten Probleme präsentiert − sozusagen als Prinzip der Brandbekämpfung mittels Feuer. Dieser Propaganda setzen Sie Walter Benjamins Figur des zur bestimmten Negation drängenden destruktiven Charakters entgegen, die er 1930–31 folgendermaßen charakterisiert hat: »Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.« Müssen die Naturwissenschaften nicht endlich Farbe bekennen, die »Neutralität« ablegen und sich gegen das Kapital positionieren?

Ich glaube, dass die Ergebnisse der Klimawissenschaft zunehmend mit der Realität der Kapitalakkumulation kollidieren. …

Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2020, erhältlich ab dem 13. Dezember 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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