Melodie & Rhythmus

Springers »Hurensöhne«

10.09.2019 14:02
Screenshot: Ruhrbarone via Twitter

Screenshot: Ruhrbarone via Twitter

Wo die Konzernmedien noch haltmachen, geht es auf dem Journalistenblog Ruhrbarone erst richtig los – bis zur faschistoiden Vernichtungsfantasie

Susann Witt-Stahl

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Ruhrbarone ein Foto von der dystopischen Landschaft des nördlichen Rheinischen Braunkohlereviers. Aufschrift: »Transform Gaza to Garzweiler«. Ein Londoner Publizist kommentierte: »Dieses ›liberale‹ deutsche Blog ruft zum Genozid an zwei Millionen Palästinensern auf.« Genau das war offenbar geschehen, denn nur wer das Ruhrgebiet vor lauter Schornsteinen nicht sieht, kann diese Aufforderung anders verstehen.

Keine einmalige Entgleisung. Seit der Gründung 2007 durch Journalisten von Springer- und anderen Konzernmedien (Die Welt, Berliner Morgenpost, WAZ) sowie einen FDP-Politiker ist der Name – er stammt von einer Clique Großindustrieller, die Hitlers Wahlkämpfe mit finanziert hatte – des vielgelesenen regionalen Blogs Programm: Praktisch alle, die den Interessen des deutschen Kapitals, der NATO und EU im Wege stehen, werden von Ruhrbarone mal im zynischen, mal im moralinsauren Duktus mit Schmähungen überzogen: vom harmlosen Baumschützer im Hambacher Forst bis zum Antiimperialisten – Hauptsache gegen Linke. Wie es sich für Propagandisten des Neoliberalismus gehört, verbreiten sie den Katechismus der Chicago Boys und anderer Marktradikaler. Mit Verweis auf »sachverständige« Wissensautoritäten − beispielsweise Thomas K. Bauer, der dem Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit nahesteht, einer zentralen Schaltstelle der Lohndrückerei in Deutschland − werden soziale Probleme wie Altersarmut systematisch kleingeschrieben. Und praktisch jeder, der Zweifel hegt, dass die USA »das intellektuelle Zentrum der Welt« sind oder der Islam die »einzige Religion«, mit der »wir im Augenblick ein großes Problem« haben, muss mit wüsten Attacken rechnen – erst recht die Todfeinde der Rüstungsindustrie: »Wenn die Friedensbewegung ihr hässliches Haupt erhebt«, muss Stefan Laurin, Verantwortlicher für Ruhrbarone im Sinne des Pressegesetzes und Springer-Journalist, stets intervenieren. »Ich dagegen werde mich über jedes Flugzeug der syrischen Luftwaffe freuen, das von der Air Force abgeschossen wird«, frohlockte er 2013 vor dem von ihm ersehnten Krieg der USA gegen Syrien, der dann ausfiel. Gegenwärtig bekämpft Laurin mit großer Verve das aus seiner eigenen Angst vor einem Abzug der US-Truppen aus Deutschland (eine Drohung von Trumps Botschafter Grenell, die natürlich nicht wahr gemacht wird) entspringende Phantom des »antiwestlichen Nationalpazifismus«.

Ruhrbarone liegt politisch auf der Linie des Boulevardblatts Bild, arbeitet an der Rechtsverschiebung der Grenzen des laut Pressekodex Zulässigen und Ertragbaren in der zunehmend invaliden bürgerlichen Demokratie – und überschreitet sie hier und da schon mal. Wenn es um den Einsatz von Radaurhetorik geht, steht die Website dem Blog Die Achse des Guten, hier und da auch dem neurechten Politically Incorrect (bei denen ebenfalls ehemalige Springer-Leute mitwirken, bei ersterem sogar noch aktive) nicht nach.

Ruhrbaron Sebastian Bartoschek, ehemaliger Bild-Schreiber, ging vor ein paar Jahren eine junge Rapperin, die ihm wegen ihrer Kritik beispielsweise an der Kriegstreiberei des Blogs und wegen eines »Kommunisten-Banners auf ihrer Facebook-Seite« negativ aufgefallen war, mit misogynen Pöbeleien an und beschimpfte ihren Duopartner in einem Audiopodcast als »Kebab«. »Discopumper Kaveh und Tinderella [im Web 2.0 verbreitetes Synonym für Nymphomanin] Thawra wollen uns ficken«, heizte Bartoschek die stets auf niedere Instinkte gebürstete Stimmung der Ruhrbarone-Community an, die sogleich mit rassistischen Beleidigungen − die beiden Musiker stammen aus Migrantenfamilien − reagierte.

Zwar bekommen auch Neonazis von Ruhrbarone ihr Fett weg, aber nur die, für die das deutsche Kapital derzeit kaum Verwendung hat. Die einst von Franklin D. Roosevelt als »unsere Hurensöhne« betitelten prowestlichen ultrarechten Diktaturen können stets auf Nachsicht hoffen oder sind schlichtweg kein Thema. So fallen Ruhrbarone zu Brasilien, wo derzeit ein mit den USA verbündetes, zunehmend faschistisches Regime wütet, in der Regel nur zwei Dinge ein: nichts und Fußball. Den von der NATO-hörigen Putschregierung in Kiew seit 2014 geführten Angriffskrieg gegen die Bewohner der Donbass-Region machen sie zur »russischen Aggression«. Größtenteils belegte Berichte von Verbrechen der sich vorwiegend aus dem faschistischen Rechten Sektor rekrutierenden banderistischen Plündererhorden (seine politischen Vorfahren von der Ukrainischen Aufständischen Armee waren zeitweise Kollaborateure von Nazi-Deutschland) tut Ruhrbarone als »Lügen« oder »übertrieben« ab.

Nicht nur für die faschistischen Hals-, auch für die islamistischen Kopfabschneider des Westens wirbt Ruhrbarone um Verständnis: Während der Islamhass aus jedem Pixel des Blogs quillt, greift man dem wichtigsten Geldgeber des »Islamischen Staates« gern mal unter die Arme – auch wenn man ihn angesichts der erdrückenden Faktenlage als »Menschenrechtsverbrecher« (an-)erkennen muss. »Mit der Entscheidung, sämtliche Waffenlieferungen an Saudi-Arabien einzustellen, steht mein Land auf der falschen Seite der Geschichte«, kommentierte eine Gastautorin die nur kurzzeitige Aussetzung der Rüstungsexporte der BRD nach dem Khashoggi-Mord 2018. Denn die despotische Saudi-Theokratie wird als »sicherheitspolitischer Partner« gegen den von den USA zum Dämon erklärten Iran geschätzt.

Ein anderes Markenzeichen von Ruhrbarone ist ein – bisweilen hysterischer − Philosemitismus, der von Anfang an eine Säule der weltanschaulichen Matrix des Springer-Konzerns und neuer »politischer Stil« im Adenauer-Deutschland war, wie der Historiker Frank Stern in seiner Studie »Im Anfang war Auschwitz« festhielt. Mit dem Philosemitismus, der sich aus Antisemitismus speist, konnte in der jungen BRD »stets der demokratischen Form Genüge getan« und die für die Westintegration nötige »postnationalsozialistische pragmatische Wertorientierung« demonstriert werden. »Der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen – mit den Juden führt Antikommunismus zum Sieg«, erklärte Ulrike Meinhof während des Sechstagekrieges 1967 die philosemitische Emphase der deutschen Restauration und ihrer Medien. »Bild gewann in Sinai endlich, nach 25 Jahren, doch noch die Schlacht von Stalingrad.« Rund ein halbes Jahrhundert später ist die deutsche Euphorie über die Teilhabe an den militärischen Siegen Israels (die sich aus historischen Gründen in der Bonner Republik noch vorwiegend mit Wunschprojektionen begnügen musste) zu einem sich nach Kolonialherrenart gebärdenden Westliche-Welt-Chauvinismus ausgewachsen. Seit Deutschland wieder Angriffskriege verbricht, werden auch früher noch schamhaft verborgene Aggressionen, die sich einst gegen Juden richteten, mit offener Hetze an den Palästinensern entladen. So ist es nur konsequent, dass Ruhrbarone deren zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik zur »Achse des Bösen« zählt und gegen humanistische Juden tobt, die für einen gerechten Frieden eintreten, und sie als »fanatische Israel-Hasser« stigmatisiert, die angeblich mit Antisemiten im Bunde sind.

Standesgemäß machtbewusst, gehen die Ruhrbarone gegen Kritiker vor. »Ich habe mit unseren Anwälten gesprochen«, drohte Laurin Mitgliedern der Partei Die Linke NRW, die in einem gemeinsamen Antrag »rassistische Hetze« des Blogs verurteilt hatten. »Die wollen mit uns tanzen? Dann tanzen wir! Ich such‘ schon mal die Musik raus.« Egal, wie gruselig deren Melodie ist: Dissonanzen von der deutschen Qualitätspresse gibt es keine gegenüber den Ruhrbaronen – nicht einmal, nachdem sie ihre Gaza-Vernichtungsfantasie rausgelassen hatten. Ganz im Gegenteil: Schon vor Jahren hatte Der Spiegel entzückt das »Lustprinzip« der Ruhrbarone goutiert, und die Kollegen von Die Welt verbrämten deren Kakophonien als »antiautoritäre Tonlage«. Was für Springer & Co. noch tabu ist – das ist von jeher wenig −, das erlauben sie umso lieber Krawallblogs wie Ruhrbarone. Warum? Weil es ihnen gefällt, wenn mit rabiatem Kampagnenjournalismus gegen die nervige Friedensbewegung, antikapitalistische Linke, renitente Juden und den »Imperialismus« der Russen vorgegangen wird – schließlich tun das ihre »Hurensöhne«.

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 4/2019, erhältlich ab dem 13. September 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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