Melodie & Rhythmus

Der Dschungel muss gerodet werden

14.12.2021 16:00
Lumpensammler auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi, KeniaFoto: Reuters / Radu Sighet

Lumpensammler auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi, Kenia
Foto: Reuters / Radu Sighet

Zur Wiederkehr des westlichen Kolonialismus

Stefano G. Azzarà

Vom »Guevarismus« zur Rehabilitierung des Imperialismus

Oswald Spengler bekämpfte die Weimarer Republik und wollte vor allem verhindern, dass deren Krise zu einer Revolution führte. Deshalb trachtete er danach, die Kommunisten, die das Experiment Bolschewismus in Deutschland erneut auf die Tagesordnung setzen wollten, unglaubwürdig zu machen. In seinem Buch »Der Mensch und die Technik« von 1931 konstatierte er, dass entgegen den Reden vom Internationalismus der marxistischen Parteien (einschließlich der SPD) auch die unterdrückten Völker in Europa in Wirklichkeit ihrerseits von der Ausbeutung in anderen Teilen der Welt profitiert hätten. Auch die unteren Klassen hätten bei genauerer Betrachtung im Vergleich mit den außereuropäischen Völkern eine »luxuriöse Lebenshaltung« – dies dank des hohen »Lohns des weißen Arbeiters«, der »ausschließlich auf dem Monopol, das die Führer der Industrie um ihn herum aufgerichtet hatten, beruht«, also auf der Teilhabe an den in den Kolonien erwirtschaften Extraprofiten.

Natürlich war das ein rhetorisches Mittel, mit dem Spengler der marxistischen seine »nationale« Weltanschauung gegenüberstellte, die er bereits 1919 in seiner Schrift »Preußentum und Sozialismus« entwickelt hatte und in der er ein gemeinsames Interesse und eine gemeinsame Verantwortung von Arbeitern und Unternehmern unterstellte – im Dienst der (Volks-)Gemeinschaft. Er hatte seine Gründe – hatte doch auch Lenin seinerzeit jenes Phänomen in den Blick genommen und vor dem Sozialchauvinismus der Sozialdemokratie warnen müssen, die schon mit Bernstein einige Jahre früher darüber nachgedacht hatte, die soziale Frage mittels kolonialer Expansion zu lösen. Dabei beleuchtete Lenin die Rolle der Arbeiteraristokratien, die ihre eigenen Privilegien verteidigen. Dahinter verbirgt sich ein viel tiefgreifenderes strukturelles Problem, das sich nicht durch simple Schuldzuweisungen an den weniger vertrauenswürdigen »verbürgerlichten« Teil der Arbeiterklasse lösen lässt. Und es ist alt, sodass Zhao Tingyang, einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen Chinas, sich heute, rund 100 Jahre später, veranlasst sieht, Überlegungen anzustellen, die in den Ohren westlicher Marxisten recht ähnlich klingen wie Spenglers Thesen und die nicht weniger provokant sind. …

Übersetzung: Christa Herterich / Susann Witt-Stahl

Stefano G. Azzarà (geb. 1970 in Messina) ist außerordentlicher Professor für Geschichte der Philosophie an der Universität Urbino. Er ist Sekretär des Vorstands der Internationalen Hegel-Marx-Gesellschaft und leitet die Zeitschrift Materialismo Storico (Historischer Materialismus). Sein Arbeitsschwerpunkt ist der Vergleich der großen philosophischen und politischen Traditionen in den letzten 200 Jahren: Konservativismus, Liberalismus, Marxismus. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher veröffentlicht, darunter »Comunisti, fascisti e questione nazionale« (Kommunisten, Faschisten und die nationale Frage) 2018; »La comune umanità« (Allgemeine Menschlichkeit) 2019; »Il virus dell’Occidente« (Das westliche Virus) 2020.

Der komplette Essay erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2022, erhältlich ab dem 17. Dezember 2021 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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