
Foto: Reuters / Eric Thayer
Justin Townes Earles Songs erzählen von der Hoffnungslosigkeit der Industriearbeiter in den USA
Alexander Billet
Während seiner ganzen Karriere waren sich die Kritiker einig, dass es den Songtexten von Justin Townes Earle an politischer Substanz mangele. Dass man sich überhaupt daran stieß, lag daran, dass er der Sohn von Steve Earle war. Der bekannte Musiker sorgt seit Jahrzehnten mit seiner offenherzigen Umarmung des Sozialismus maßgeblich dafür, dass die weitverbreitete Annahme, Country müsse zwangsläufig mit einer konservativen politischen Gesinnung einhergehen, sich als falsch erweist.
Der im August 2020 im Alter von 38 Jahren verstorbene Earle junior war ein eigenständiger Künstler. Wo die Musik seines Vaters rau und ungehobelt um die Ecke kam, dominierte beim Junior ein polierter Sound aus Country, Rhythm and Blues, Gospel und frühem Rock’n’Roll. Statt radikaler Bekenntnisse schrieb Justin eher persönliche, ja intime und poetische Texte.
Es wäre aber falsch zu behaupten, seine Musik habe nicht auch die Erfahrungswelt der Arbeiterklasse reflektiert – allemal die der jungen Generation. Dass er als Sohn eines bekannten Countrymusikers geboren wurde, half ihm wenig. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs er vorwiegend bei seiner Mutter auf. In Interviews erzählte er Jahre später, er sei als Kind sexuell missbraucht worden (er sagte aber nicht, von wem). Er spielte zwar auch in der Band des Vaters und ging mit ihm auf Tournee, aber als seine Drogensucht außer Kontrolle geriet, wurde er kurzerhand rausgeworfen. Nach eigener Aussage war er zwölf Jahre alt, als er das erste Mal Heroin ausprobierte, mit 16 habe ihn die erste Überdosis beinahe umgebracht.
Der Ausdruck »weiße Arbeiterklasse« wird in den USA im liberalen Milieu bekanntlich meist abwertend benutzt – als Codewort für Hinterwäldler, die Baseballkappen mit dem Slogan »Make America Great Again« tragen und eine fanatische Begeisterung für Waffen an den Tag legen. Den Begriff »Klasse« verstehen Liberale ohnehin in erster Linie kulturell, seine realökonomische Bedeutung wird einfach ignoriert. …
Übersetzung: Bastian Tebarth
Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2021, erhältlich ab dem 18. Dezember 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.
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