Melodie & Rhythmus

Idee einer besseren Gesellschaft

23.06.2020 14:42

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Dem DDR-Filmemacher Richard Engel zum 80. Geburtstag – ein nachträglicher Glückwunsch von Uwe Mann

Vor mir liegt ein weißes Blatt Papier, auf dem ich kurz klären soll, wer du bist. Ich bin nur Kameramann – für immer, auch wenn es »nur« ein Film ist, der uns verbindet. Es ist einer der wichtigsten für mich, einer der wichtigsten für alle, die gleich oder erst später spürten, hörten, sahen, einsahen, dass Gundermann nicht einfach nur ein Liedermacher oder ein Baggerführer oder die »Tankstelle für die Verlierer« war, wie er es selbst für sich wünschte. Du hast Gundermann entdeckt wie ein Kulturethnologe. Sorgsam, ohne Gier, dafür – Achtung, Kalauer! – mit einer Engelsgeduld, mit deinem Gespür für einen Dichter mit Klampfe, dessen Texte einen im besten Sinne befallen.

1981 hattest du »Gundi Gundermann«, den ersten Film über ihn, gedreht, auf 16-mm-Umkehrmaterial, in den Farben des Bergbaus, der seinerzeit geradezu alternativlos für die Glut der Energiewirtschaft stand – damit wir »einen warmen Arsch« hatten, damit der Stahl kochte und das Land aus Ruinen auferstand, das heute nur noch verflucht wird, weil die Luft brennt und der Berg austrocknet – was Gundermann wusste, wovor er warnte. Dafür wurde er beklatscht, doch nicht erhört. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit unter den Menschen, zwischen Mensch und Natur – das verbindet Euch beide.

Dann 1997 »Ende der Eisenzeit«. Da nimmst du mich mit – zu einer schwierigen Rückkehr. Andere Werte: Die einen suchten immer noch die Freiheit, die anderen waren dageblieben und doch im Exil. Auf neue Fragen nur wenige Antworten, als ob es noch zu früh für diese Rückkehr ist, als ob das freie Wort einem die Sprache verschlagen hätte. 1998, Gundermann »macht sich davon«, noch in der Drehzeit. Dein Anruf, drei Worte, Totenstille. Wie kann man nur so verlieren, was man doch nie sein Eigen nennen konnte. Du machst weiter, glaubst immer noch an das Gute, leistest dir Irrtümer, dein Kontra. Die unterlegene Überlegung artikulierst du mit Charme, du lächelst dabei wie ein begabter Clown. Wie Gundermann trägst du mit dir die Idee einer besseren Gesellschaft, die man auch deshalb nicht mehr »Kommunismus« nennt, weil sie ein paar im Klassenkampf halb Verbrannte ganz verbrannt haben und die Asche nach wie vor unters Volk gemischt wird.

Inzwischen gibt es über Gundermann sieben Filme. Beim derzeit letzten, »Gundermann Revier« von Grit Lemke, war ich wieder dabei – und damit auch du. Du hast dich mit deiner Suche und dem Finden Gundermanns in der Geschichte von Musik und Dichtung unentbehrlich gemacht. Wer Gundermann kennt, kennt ihn auch, weil es dich und Petra Kelling – Schauspielerin und Hauptfigur in seiner Hörgeschichte »Oma Else« – gibt. Und das ist groß, du bist gar keine 80 Jahre, schon gar nicht alt. Die Zeit läuft nicht gegen dich, sie läuft für uns; mit uns zieht die neue Zeit: Also aufgetankt und seid bereit.

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