Melodie & Rhythmus

Zerstörung und Rebellion

25.02.2014 12:09

Tahribad-i Isyan

Die Kraft des arabischen Frühlings stieß auch in Ländern, die keine Diktaturen sind, viele Bewegungen an, die Missständen entgegentreten: Tahribad-i Isyan kommen aus Istanbul, lieben Hip-Hop und wehren sich gegen die Stadtpolitik der Istanbuler Behörden
Text: Ralf Rebmann, Foto: Ralf Rebmann

Schwerpunkt Arabischer FruelingDie Baggy Pants sitzen tief im Knie, die Goldketten locker um den Hals. Breitbeinig schlendern Asil Slang und Zen-G durch das Istanbuler Viertel Sulukule. Links wird ein Haus abgerissen, rechts ein neues gebaut. Der Bauzaun dazwischen muss für eine Mahnung herhalten: »TOKI versteht die Hungernden nicht!« Zen-G packt die Spraydose wieder ein. Danach geht es weiter durch die engen Gassen und um die Zukunft. »Ich will keine zerstörten Orte mehr sehen/Ich werde keinen Blick zurückwerfen/Ich werde der Regentropfen auf meiner verlassenen Zukunft sein.«

Es ist das Video zum Song »Kadehleri Doldurucam« (»Ich werde die Trinkgläser füllen«) der Hip-Hop-Band Tahribad-i Isyan. Das junge Trio besteht aus Asil Slang (Asil Koç, 20), Zen-G (Burak Kaçar, 19) und V.Z. (Veysi Özdemir, 18). Seit knapp fünf Jahren machen sie gemeinsam Musik. Wenn man so will, sind Tahribad-i Isyan die erste Hip-Hop-Band aus Sulukule. »Wir sehen uns eigentlich als Gruppe aus Istanbul, aber wir sind dem Viertel sehr verbunden«, sagt Zen-G, »Hier haben wir viel Zeit verbracht. Viele Personen, die uns unterstützen, kommen hierher.«

Sulukule liegt im Istanbuler Stadtteil Fatih und gehörte bis vor einigen Jahren noch zu den ältesten Roma-Vierteln weltweit. 2009 wurde es im Rahmen der »Stadterneuerung« und unter der Leitung der staatlichen Wohnungsbaubehörde TOKI vollständig zerstört. Die Bewohner, größtenteils Roma, mussten in Siedlungen außerhalb Istanbuls umziehen. Viele konnten sich die dortigen Mieten jedoch nicht leisten und waren gezwungen wieder ausziehen. Die Zerstörung Sulukules stieß auf weltweiten Protest. Die UNESCO und das Europäische Parlament kritisierten die türkische Regierung, die jahrhundertelange Geschichte der Roma zu ignorieren. Die Mieten sind inzwischen um ein Vielfaches gestiegen. Moderne, mehrstöckige Wohnhäuser und Büros im »osmanischen Stil« säumen nun die Straßen Sulukules.

Die Zerstörung des Viertels hatte auch Einfluss auf Tahribad-i Isyan. »Sie gab unserer Musik eine Stimme«, sagt Asil Slang, der selbst in Sulukule gewohnt hat. »Wenn wir über den Ort sprechen, an dem wir leben, wird er ein Teil unserer Geschichte. Hip-Hop ist ein Mittel, um diese Geschichte zu erzählen.« Tahribad-i Isyan wollen mit ihrer Musik auch mit Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma aufräumen. Ihr Song »Ghetto Machines« wurde 2013 auf dem von Amnesty International produzierten Doppelalbum »Listen To Roma Rights« veröffentlicht. Im dazugehörigen Video geht es zur Sache: Mittelfinger, Kampfhund und Hausruinen bilden die Szenerie für einen Song gegen Bevormundung und für ein Recht auf Rap. »Schau hin und sei geschockt/Renne zurück, wenn du kannst/Meine Schuld habe ich nicht bezahlt/Sag mir nie, ich solle nicht rappen.«

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie&Rhythmus 2/2014, erhältlich ab dem 28. Februar 2014 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Ähnliche Artikel:

Anzeigen

Che: Die ersten Jahre

flashback
logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt am Kiosk!

Anzeige Abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören