Melodie & Rhythmus

Social Almosen

23.10.2010 10:16

Sammelbüchsen gibt es auch im Internet. Sogar für Musiker

In sozialen Netzwerken knüpft man Freundschaften, verbindet man sich mit interessanten Menschen und trifft man die Frau/den Mann/das Paar fürs Leben. Dieser Aberglaube, den die Adlaten der Zuckerbergs dieser Welt seit Jahren predigen, ist unausrottbar. Es wäre ein Wunder, wenn Musiker intelligenter wären als der Rest der Facebook-User. Sind sie aber nicht, und deshalb glauben auch Musiker an die Power der Community.

Public Enemy zum Beispiel. Die waren mal berühmt und reich und verkauften Millionen Platten. Das ist ein paar Jahre her. Heute grinst ein pubertärer Knabe, wenn er die Musik der alten Männer hört, und gibt sein Geld für Lady GaGa aus. Doch die alten Männer fühlen sich noch ganz fit. Außerdem: Was sollen sie denn machen? Sie haben nur rappen gelernt. Weil aber kein Label auch nur einen Cent in den Rap der alten Männer investiert, ließen sie die Sammelbüchse kreisen – im Internet. Seit Oktober 2009 baten sie auf der Plattform Sellaband um eine kleine Spende. 250.000 Dollar brauchten sie, um eine neue Platte aufzunehmen. Sie warteten und warteten … und schauten dem tröpfelnden Geldeingang zu. Dann senkten sie ihr Budget auf 75.000 Dollar. Und warten noch immer.

Es gibt mehrere Plattformen, die sich ausrangierten oder unbekannten Bands als Geldsammelstelle für Plattenproduktionen anbieten. Neben Sellaband flattern Kickstarter, Artist Share oder Bandstocks um die Musiker und rechnen ihnen blumige Erfolge vor: Wenn XXYYZZ User die Summe ABC spenden, kommt in wenigen Monaten das Geld für die Platte rein. Wenn. Auf Sellaband haben es in vier Jahren 50 Bands geschafft, ihr finanzielles Soll zu erreichen. Pro Jahr gerade mal 12 Bands. Das ist ernüchternd, aber nicht überraschend. Warum sollte jemand Geld in eine Band investieren, wenn die Gegenleistung nur aus einer Exklusiv-CD oder einer Umsatzbeteiligung besteht? Angenommen, 10.000 User spenden Geld und erwerben damit eine solche Beteiligung – wie viele Millionen CDs müssen verkauft werden, um jeden Beteiligten finanziell zu bedienen?

Das Milchmädchenmodell hat ein erstes Opfer gefordert. Keine Band, sondern eine Plattform. Sellaband ging Anfang 2010 in die Insolvenz. Jetzt wird der Laden mit neuem Optimismus und anderen Geldgebern weitergeführt. Solange Fans Geld spenden, fallen schließlich Gebühren ab. Und die sind das eigentliche Geschäftsmodell der virtuellen Sammelbüchse.

Jürgen Winkler

Der Artikel erscheint in der melodie&rhythmus 5/2010, erhältlich ab dem 2. November am Kiosk oder im Abonnement.

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