Melodie & Rhythmus

Editorial: O-Ton Ost

07.11.2012 13:28

Editorial

Jubiläum? Hau mir doch ab! 50 Jahre »Love me do« von den Beatles – ist doch alles schon tausendmal erzählt. Dass Pete Best noch am Schlagzeug saß. Hat Brian Epstein dann abserviert und Ringo überredet. Aber Pete war noch dabei, als die Single im Oktober 1962 erschien.

55 Jahre M&R – da ist noch wenig gesagt. Wird sonst die alte DDR als »erledigt« abgehakt, rauf- und runter abgewickelt, blieb das illustrierte Pressewesen des Ostens weitgehend ausgespart. Dabei prägte es den Alltag. Wie die Musik, ob RIAS oder DT64. Jedenfalls lohnt es sich, genau hinzuschauen – und nicht mit dem Blick des Historikers, der für seine Sicht der Dinge bezahlt wird. Also kommen im Schwerpunkt dieser Jubiläumsausgabe Zeitzeugen zu Wort. Das Spannende daran: Ob Musiker, Leser, Blattmacher, Songwriter – sie alle sammelten so ihre Erfahrungen, und das waren nicht immer gute. Und machten doch weiter. Davon erzählen sie. O-Ton Ost im Schwerpunkt zum Jubiläum (Seite 39 bis 56).

Puhdys? Hau mir doch ab! Die waren irgendwie uncool – so eine Reaktion auf unsere Pläne, die DDR-Kultband in M&R zu präsentieren. Aber warum so dogmatisch? Mit den Puhdys sind nicht nur Generationen gewachsen, sie ließen nicht nur eindrucksvoll den Ikarus und ihren Drachen fliegen oder gar steigen – sie gelten zudem als Pioniere der deutschen Sprache in der Rockmusik. Und: Sie bringen auch nach vier Jahrzehnten immer noch Kreatives zustande – wie ihre erste Studioproduktion seit längerem beweist. Darüber und über ihr Leben damals und heute befragten wir die fünf Bandmitglieder. Wo? Natürlich »auf dem Alexanderplatz« (Udo Lindenberg), eben dort, wohin die Rolling Stones – ob mit »‘ner Band aus Moskau« oder ohne – nie kamen (Seite 10 bis 14).

Dann ist da noch die Seilschaft. Gerhard Gundermann, dessen Texte die Gefühle im Osten der Nachwendezeit ausdrückten – so genau, dass viele fragen: Was würde der Baggerführer aus der Lausitz wohl zum Leben sagen, heute, wo das Land, in dem er aufwuchs, als »totalitär« abgestempelt wird. Nun, Gundi ist seit 15 Jahren tot und hat doch viele Erben. Dazu gehört auch seine »Seilschaft«, die sich vor einiger Zeit in nahezu alter Besetzung wieder zusammenfand (Seite 75) und nun den Postbahnhof am Berliner Ostbahnhof füllte.

In eigener Sache sei noch erwähnt, dass M&R (gemeinsam mit junge Welt und anderen) die Doppel-CD »Franz Josef Degenhardt – Freunde feiern sein Werk« präsentieren konnte – verlegt von Degenhardts altem Label Universal/Polydor. Im Roten Salon der Volksbühne präsentierten über drei Stunden lang junge und ältere Singer/Songwriter die beiden Scheiben. Ein spezielles Ereignis (Seiten 88/89).

Herzlichst,
Ihre M&R-Redaktion

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