Melodie & Rhythmus

Erinnerung an Terror gegen Chinesen

10.03.2020 14:28
Fotos: Susann Witt-Stahl

Foto: Susann Witt-Stahl

Stolperstein

Stolperstein für beinahe in Vergessenheit geratene Verfolgte des Nazi-Regimes in Hamburg-Sankt Pauli

Im bunten Lichtermeer der Sex- und Vergnügungslokale blieb eine entsetzliche Wahrheit lange verschollen: Der Naziterror hat auch in dem weltberühmten Amüsierviertel gewütet. Seit einigen Jahren gibt es immerhin eine Gedenktafel für die Bewohner einer chinesischen Kolonie, die um 1890 nördlich der Reeperbahn entstanden und rund ein halbes Jahrhundert später zerschlagen worden war. Im Hongkong, einer der letzten authentischen Seemannskneipen in der Hansestadt, kann man noch einer quicklebendigen ehemaligen Bürgerin von Chinatown begegnen: Marietta Solty – ihr chinesischer Name ist Tschi Fong (Schneeflocke) − gehört mit ihren 77 Jahren zu den ältesten Wirtinnen auf Sankt Pauli. »Ich werde weitermachen, bis ich am Tresen tot umfalle«, versichert sie im Gespräch mit M&R.

Ihr Vater Chong Tin Lam hatte das Lokal 1938 übernommen. 1944 wurde er nach Schikanen durch die Gestapo mit weiteren 127 Chinesen, deren Obmann er war, bei einer brutalen Razzia verhaftet. »Verdacht, antinationalsozialistische Versammlungen abgehalten zu haben«, so die Begründung im Protokoll des »verschärften Verhörs«, in dem ihm auch »Rassenschande« vorgeworfen wurde − Mariettas Mutter war Deutsche. Während mindestens 17 Chinesen durch Folter und andere Polizeigewalt starben, konnte Chong Tin Lam überleben. Als er 1945 nach Gefängnis- und KZ-Aufenthalt in Fuhlsbüttel, Stendal und Kiel-Hassee endlich freikam, erhielt er sein Hongkong zurück, aber keine einzige Mark Entschädigung.

Nach jahrzehntelangem Kampf dann – zum Jahresende 2019 – endlich eine Geste der Anerkennung: Vor dem Eingang des Hongkong erinnert fortan ein Stolperstein an das Unrecht, das Chong Tin Lam erlitten hatte. »Dieser Stein bedeutet mir sehr viel; eine Menge Leute schauen sich ihn an, kommen rein, und ich erzähle ihnen von meinem Vater«, sagt Marietta Solty, die das Lokal bis heute als »offenes Haus für Gestrandete« führt. »Da die letzten Zeitzeugen bald nicht mehr da sein werden, ist es heute angesichts des wiederaufkommenden Rassismus und Faschismus besonders wichtig, an das Grauen von damals zu erinnern. Ich habe Angst vor der Zukunft, wenn die Menschen nicht aus der Geschichte lernen.«

red

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2020, erhältlich ab dem 13. März 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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