Melodie & Rhythmus

Wider den Kultus der rohen Gewalt

18.09.2026 12:42

Zum historischen Auftrag kritischer Kulturmedien in der Kriegszeitenwende

Bundeswehrsoldat in einem Propagandavideo

Der stolzdeutsche Soldat in einem Propagandavideo für die Kriegstüchtigmachung der Bundeswehr
Screenshot: Cinematicsergeant via Instagram


Susann Witt-Stahl

Unsere Lebenswelt wird zu einer Festung ausgebaut. Von der U-Bahn bis zum Pizzakarton: Die Alltagserfahrung verwandelt sich in einen Alptraum in Tarnpolygon, jenem graphisch abstrahierten Flecktarnmuster, das seit 2019 das Corporate Design der Bundeswehr ist. Aber die »Kriegszeitenwende« soll nicht bloß äußerlich vollzogen werden – sie soll die Bevölkerung in kollektive Bombenstimmung bringen.

Die konventionelle Reklame würde meist als solche erkannt, daher sollen die Soldaten als Menschen wie du und ich in die PR-Kampagnen eingebunden werden, erklärte ein Kommunikationsexperte der Bundeswehr 2025 deren »Corporate Influencer«-Strategie vor Offizieren. Damit solle »die unsichtbare Wand« zwischen der Zivilgesellschaft und den Streitkräften durchstoßen werden. »Es hat sich etwas gebildet, das wir Social-Media-Division nennen.« Tatsächlich formiert sich auf Instagram, Tik Tok etc. ein Heer stolzdeutscher Soldaten, die aus ihrer Verachtung für die Schwächlinge, die nicht kämpfen wollen, keinen Hehl machen. Der »Bürger in Uniform« ist tot – es lebe der machistische Muskelkrieger nach dem Vorbild seiner ukrainischen Waffenbrüder von »Asow« und Co.

»Der Militarismus ist der Kultus der rohen Gewalt« – dieser Befund von Wilhelm Liebknecht aus dem Jahr 1872 gilt im Zeitalter KI-gestützter Kulturindustrie, die kaum mehr Komponisten, Musiker, Schauspieler bedarf, nur noch willenloser Konsumenten, in einer erschreckenden Totalität. Dieser Kultus gedeiht vorzüglich mit dem »Techfaschismus«, getragen von Carl Schmitts Feindtheorie. Nur verkörpern den »Antichristen« nicht mehr allein die Bolschewisten, sondern alle, die eine friedliche und gerechtere Weltordnung mit begrenzter Macht für die Techtycoons anstreben. »Techfaschismus« als Herrschaftsmodell und weltanschaulicher Überbau eines militärisch-industriellen Komplexes des US-Imperiums im Niedergang duldet kein Außen mehr. Politik, Wissenschaft, Kultur, Medien werden synchronisiert und die Ideologieproduktion bis zum Anschlag hochgefahren.

Zu den Folgen gehört eine rapide beschleunigte Zerstörung der letzten Instanz der Wahrheit – ein in der kapitalistischen Produktionsweise strukturell angelegter und sich stetig vollziehender Prozess der »Entkunstung der Kunst«, wie Adorno deren Unterminierung durch die falsches Bewusstsein als Verkaufsschlager produzierende Kulturindustrie der Interessengruppen des Monopolkapitals nannte. Damit geht die Konditionierung des Menschen zur Kunstfeindlichkeit einher. »Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden: Das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests (die Partikularinteressen der ökonomischen Eliten, S. W.-S.).«

Am Tor zur Vorhölle

In einer Phase der Zurichtung der Angepassten zu Propagandahilfstruppen für große Kriege mit endzeitlichem Potential und der Notwendigkeit, jegliche Dissidenz zu neutralisieren, wuchert ein Phänomen, das Walter Benjamin Mitte der 1930er Jahre beim Hitlerfaschismus beobachtet hatte: die Ästhetisierung der Politik, die im imperialistischen Krieg gipfelt. Der Stand der Produktivkräfte der Unterhaltungs- und Kommunikationstechnologie heute ermöglicht es, dass sich dieser Prozess in einem bisher nicht gekannten Maß, das die Realität durch die Inszenierung von Hyperrealität zum Verschwinden bringt, entfalten kann.

Der Musiker und Kulturwissenschaftler Hans-Eckardt Wenzel spricht von »Theatralisierung von Politik«. Politiker führten sich mit ihren von Imageberatern ausgesuchten Stylings und ihren einstudierten Gesten auf wie »Schauspieler eines Provinztheaters« und ersetzten Analyse durch Emotionalisierung, sagte Wenzel unlängst in einem Gespräch mit dem Journalisten Patrik Baab unter dem Titel »Das Ende der Vernunft«. Er machte darauf aufmerksam, dass es mittlerweile sogar ein Land gibt, in dem der Name der Regierungspartei von einer Fernsehserie stammt und der Hauptdarsteller das höchste Amt im Staat bekleidet. Dass daran kaum Anstoß genommen wird, ist für Wenzel ein Symptom des tragischen Realitätsverlusts einer Gesellschaft, die am »Tor zur Vorhölle« stehe, aber glaube, diese sei das »Paradies«.

Die grassierende Korruption und Durchsetzung des Machtapparats der Regierung eines der engsten Verbündeten Deutschlands und des Westens mit Nazis und kriminellen Banden muss um so intensiver mit dem Schein einer lebendigen Demokratie unter der Obhut eines sympathischen Präsidenten überblendet werden, je gnadenloser seine Zwangsrekrutierer Jagd auf Frischfleisch für die Front machen und die ukrainische Arbeiterklasse im Stellvertreterkrieg gegen Russland verheizt wird. Die ukrainischen Zustände bilden die Blaupause für eine ins Groteske getriebene Ästhetisierung und Inszenierung der Barbarei des Krieges nach dem endgültigen Fall der ohnehin seit jeher fließenden Grenzen zwischen Politik und Kulturindustrie. Nur so lässt sich auch eine Generalmobilmachung für eine »Antihitlerkoalition« gegen »Putin« ausgerechnet unter der Führung Deutschlands ideologisch bewerkstelligen.

»Die Abschaffung der Kunst setzt damit ein, dass die Politik die Kunst übernimmt«, sagt Wenzel. Das zeigt sich etwa in der Selektion durch repressive Kulturpolitik und ein willfähriges Feuilleton: Große Bühne frei, heißt es für alle, die bereits Schlange beim Casting fürs Wunschkonzert der Bundeswehr stehen, oder, wie die Satiriker der »Anstalt«, Igor Levit, die Toten Hosen etc., zum konformistischen »Aufstand« gegen die erklärten Feinde des Imperiums aufrufen. Denunziert, gegängelt und abgeschaltet hingegen werden die Friedenskultur und alle Künstler, die unter Verdacht stehen, mit der Kriegstüchtigmacherei inkompatible Meinungen zu hegen. Die »Zeitenwende«-Leitmedien veröffentlichen regelmäßig The-good-and-the-evil-Listen: mit Künstlern, die »Haltung« zeigen und die »Drecksarbeit« der »einzigen Demokratie im Nahen Osten« würdigen und Spenden für Kiews »Krieger des Lichts« akquirieren, und auf der »dunklen Seite« denen, die sich dem »Kultus der rohen Gewalt« verweigern – »Antisemiten« und »Putin-Unterstützer«.

Umgekehrte Psychoanalysen

Für kritische Kulturmedien ist es seit jeher vornehme Pflicht, die verleumdeten und geächteten Künstler zum Ausdruck, zu Wort und damit (wieder) in Kontakt mit ihrem Publikum kommen zu lassen. Auf internationaler Ebene müssen sie den produktiven Austausch zwischen den Kunst- und Kulturschaffenden im Zentrum und an der Peripherie fördern, für den vereinten Widerstand gegen Kolonialismus und die Unterjochung der Natur. Sie müssen dazu beitragen, dass »Hoch die internationale Solidarität!« angewandte Alltagskulturtechnik ist, nicht Parteitagsfolklore. Und besonders wichtig: »Wie soll Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selbst nicht von dem Schicksal der Menschen bewegt wird« – für diese Absage von Bertolt Brecht an den Zynismus des »L’art pour l’art«-Prinzips und anderer Divertimenti des nihilistischen Salons müssen Kulturmedien Megafon sein, laut und durchdringend.

Aber das reicht in einer Gesellschaft auf dem Weg in den Zustand lückenloser Verblendung schon lange nicht mehr. Die Gefühle als Kern der individuellen Erfahrung der Menschen sind derart manipuliert, triggerbar, sogar fingiert und damit suspendiert, dass Soziologen schon in den 1990er Jahren den Eintritt in die »Postemotional Society« diagnostiziert haben. Unsere Wahrnehmung ist in einem Maße regrediert und nicht zuletzt durch die militarisierte Kulturindustrie deformiert, dass wir auf die Welt blicken wie der Kamikazedrohnen-Pilot durch die FPV-Brille.

Um so mehr gibt es heute wieder den Bedarf, kritisch unterscheiden zu lernen: zwischen der Spiegelung der realen Verhältnisse bis hinein in ihre dunkelsten Nischen und der Produktion des Scheins menschlicher Verhältnisse, wie sie zu sein hätten, auf der einen Seite – beides leistet die Kunst. Und auf der anderen der Konsumierbarmachung des Unerträglichen und der Täuschung, die Welt sei schön, so hässlich wie sie ist – beides verbricht die Kulturindustrie. Eine Voraussetzung ist, die Methode der »umgekehrten Psychoanalyse« zu durchschauen, die die Kulturindustrie besonders rigoros einsetzt, wenn es darum geht, Wehrkraft durch Freude zu erzeugen: »Sie ist nicht darauf aus, den Menschen bewusst zu machen, was verdrängt ist und ihnen schadet«, notierte Adorno während des Kalten Krieges, »sondern im Gegenteil, das Verdrängte zu zementieren; eine Ideologieschicht auf die andere aufzutragen, bis der psychische Apparat der Menschen so lückenlos verharzt ist, dass kein spontaner Impuls von innen und keine unvoreingenommene Erfahrung von außen mehr hineindringen kann.«

So vergeblich es auch erscheinen mag: Kulturmedien, denen es ernst damit ist, Kunst und deren Erkenntniskraft zu verteidigen, müssen permanent und unermüdlich falsches Bewusstsein Schicht um Schicht abtragen. Ideologiekritik ist zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts im politischen Kampf gegen eine Kulturindustrie, die Menschen erneut dazu verführt, in ihr Verderben zu rennen.

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