Melodie & Rhythmus

Die Stimmung kippt nach rechts

28.10.2015 15:52
Foto: Christian Ditsch

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Ein Kommentar von Burkhard Baltzer

Die jüngste CD von Konstantin Wecker, »Ohne Warum«, enthält einen »Talking Blues«, einen Monolog an Willy, den von Nazis erschlagenen Freund, dem der Liedermacher vor bald 40 Jahren schon einmal ein Lied gewidmet hat: Die Welt sei sehr viel komplizierter geworden – so der Tenor unseres bekanntesten Mahners gegen Faschismus und für Menschlichkeit. Der Blues bereitet Pein: Wecker, dem es fast immer gelingt, auch für grausamste Konflikte poetische Bilder zu finden – eiert er in der Linkskurve? Und überhaupt: wer und wo sind sie denn, die musikalischen Kämpfer für den Antifaschismus? Gemach, es gibt sie in den »Voices for Refugees«, die mit Wecker am 3. Oktober auf dem Wiener Heldenplatz gegen die Rechten ansangen. Und in Deutschland spielten sich im Sommer viele Bands bei »Rock gegen Rechts« heiß. Doch warum nicht am 3. Oktober in Frankfurt am Main zum zentralen deutschen Einheitsgedöns?

Ja, warum? Weil unsere politische »Elite«, einschließlich Pastor Gauck, seit Ende September wieder Tritt gefasst hat und eine »Anerkennungskultur« von den Flüchtlingen verlangt, statt Kultur gegen Fremdenfeindlichkeit zu unterstützen. Massiv zu unterstützen, was angesichts des keifenden und brandschatzenden Mobs nottäte. Denn: »Die Stimmung kippt«, verkünden die Radio-Nachrichten.

Die Macht des künstlerischen Widerstands gegen die Nazis, gegen rechte Populisten und einen undurchdringlich schwarzen Konservativismus war, meine ich, ein Mythos. Wir denken an Eisler, Brecht, Benjamin, Hans Sahl, Wolfgang Langhoff und andere Deutsche. Das Blatt wenden konnten sie nicht. Man hörte und tanzte auf dem Vulkan zu Salonmusik wie der der Comedian Harmonists. Bis heute wirkt deren Sog etwa bei Max Raabe nach.

Aber die Situation heute ist nicht vergleichbar. Der Neoliberalismus gaukelt Diversität vor, wo er in Wahrheit maximale Zersplitterung auch der Künste und ihrer Wahrnehmungen liefert: Die erste Studie zu »Bandnamen deutscher Musikgruppen« (siehe »Sprachreport« des Instituts für deutsche Sprache 2/15) nennt 2.900 registrierte Metal-Bands in Deutschland; ausgegangen wird grundsätzlich von einer thematischen Kriterien-Aufteilung in 13 semantische Felder – zwischen denen bei genauerer Betrachtung wenig nennenswerte Unterschiede auszumachen sind, geschweige denn bei den Bands Innovationen mit kritischem Potenzial. Und der Eindruck überwiegt, dass derzeit musikalische Innerlichkeitslaberei à la 2RAUMWOHNUNG oder ZeitFern stark massenkompatibel sind – und nicht antifaschistische Musik. Womöglich sollten alle Konzerte antifaschistischer Bands mit der Vertonung von Brechts »Anmut sparet nicht noch Mühe« beginnen, mit einem Bekenntnis, das aus deutschem historischen Versagen herrührt: »Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu dem Alpen / Von der Oder bis zum Rhein.«

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 6/2015, erhältlich ab dem 30. Oktober 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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